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Die Schule

Tarek Leitner zu Die Schule:
Dig where you are! Der Gang der Geschichte bahnte sich seinen Weg oft näher an uns vorbei als wir denken. Ihn freizulegen, ist nicht nur spannende Arbeit, sondern kann auch immun machen gegen Verführungen aller Art.


Reconstructing Spittelwiese

Fünf Jahre - bis 2019 - recherchiert Peter Androsch mit einer Gruppe von Schüler*innen und Künstler*innen die Geschichte des Akademischen Gymnasiums, aber auch der Institution Schule an sich. Sie erzählen mit unterschiedlichen Mitteln die Geschichte der Spittelwiese, die Geschichte der Innenstadt, der Stadt Linz, die Geschichte von Österreich, Europa, ja der ganzen Welt.

Die Schule liegt inmitten eines historisch brisanten Gevierts und widerspiegelt als Labor gesellschaftlicher Prozesse das 20. Jahrhundert. Ein Zusammenhang, der sich in der Feststellung Dario Fos artikuliert: "Je provinzieller Theater ist, umso kosmopolitischer ist es."

Schülerakten 1933

Archäologie · Peter Androsch und Natalie Pichler - Akademischen Gymnasium


Die Grabungen in den Katakomben der Schule, in den Kellern, Lagern und Archiven brachte auch viel Überraschendes zu Tage. Die Schülerakten des Jahres 1933 gehören dazu. Die Akten waren nachträglich per Handnaht gebunden worden. So penibel und streng allerdings, daß sich anscheinend die Handschriften mit Tinte von einer Seite auf die andere durchschlugen. So entstanden Überlagerungen wie bei den mittelalterlichen Palimpsesten, die sich manchmal mehr manchmal weniger leserlich darstellten. Einige Seiten aus dem Konvolut konnten gruppenweise behutsam getrennt werden, andere mußten in kleineren Paketen verbleiben. Per Infrarot-Scan entstanden vier beeindruckende Bilder.

Mitarbeit: Martin Kraher

Die Direktorenin

Archäologie · Peter Androsch und Natalie Pichler · Akademischen Gymnasium

Die Grabungen in den Katakomben der Schule, in den Kellern, Lagern und Archiven katapultierte auch die Sammlung der Bilder der zwölf Direktoren und der einen Direktorin seit 1918 an die Oberfläche. Die Bilder sind aber so ineinander verpickt, verklebt und verflossen, daß sie nur mehr als "Jahrhundertbild" zu betrachten sind. Alle dreizehn Portraits sind somit vereint. Deshalb heißt es auch "Die Direktorenin". Wir haben zwei Versionen destilliert: eine ist recht hermetisch, die andere durch Röntgenanalyse etwas durchlässiger.

Mitarbeit: Martin Kraher

Die Maturaklasse des 21. Jahrhunderts

Archäologie · Peter Androsch und Natalie Pichler · Akademisches Gymnasium


Das Tableau vivant, also das lebende Bild, entwickelte sich Ende des 18. Jahrhunderts als Freizeitbeschäftigung des Adels. Szenen aus Geschichte, Literatur, Malerei oder Bildhauerei wurden oft mit einem beträchtlichen Aufwand nachgestellt und dann ab und zu auch abgemalt, später natürlich fotografiert. Das Tableau vivant hat seither nicht nur in verschiedenen Formen überlebt, sondern ist auch weiterentwickelt worden, - sei es in Film, Kunstfotografie, ja selbst in der Psychologie bzw. systemischen Psychotherapie. Die Therapeutin Virginia Satir arbeitete schon in den 1950er Jahren sogar mit Familienskulpturen! Die Familienaufstellung ist inzwischen eine bekannte, wenn auch manchmal umstrittene Methode der Familientherapie.

Lebende Bilder sind Gruppenbilder. Sie werden auch gerne eingesetzt, um den Abschluss bewegter Aktionen anzuzeigen. Häufig war und ist das der Fall im Passionsspiel, in der Parade, bei Bühnentänzen, oder um Filmszenen abzuschließen und quasi "einzufrieren". Sehr schön zu sehen am Ende von "Shining" von Stanley Kubricks Filmklassiker. Die Kamera fährt dabei auf eine Wand und bleibt an einer Fotografie aus dem Jahre 1921 hängen. Wir sehen darauf den Hauptdarsteller Jack, umringt von einer großen Abendgesellschaft. Hier ist der Film zu Ende, die Zuseher können somit aus dem Foto ihre Schlüsse für den Film ziehen.

Können wir nicht auch auf das Maturafoto auf diese Weise schauen? Als Ende einer bewegten Aktion, aus dem man Schlüsse ziehen kann? Je nach Betrachtung gehen damit zwölf, acht, fünf oder vier Jahre schulische Bewegung, Arbeit, Kampf zu Ende. Seit bald 100 Jahren werden jedes Jahr Maturafotos gemacht. Sie stapeln sich zu einer imaginären Bilanz des höheren Schulwesens.
Auch wir haben die Maturafotos des 21. Jahrhunderts gestapelt, nämlich jene aus dem Akademischen Gymnasium. Es entstanden zwei Türme: Der eine umfasste alle Fotos von 2001 bis 2019 der sogenannten A-Klassen, der andere die Fotos der B-, BM- oder M-Klassen. Aus den insgesamt 38 Fotos haben wir sechs Bilder verdichtet. Sie zeigen paradigmatisch die Maturaklasse des 21. Jahrhunderts, - unter Berücksichtigung der DSGVO. 

Mitarbeit: Martin Kraher

Versteckte Portraits

Archäologie · Peter Androsch und Natalie Pichler · Akademisches Gymnasium

Fünf Jahre war das Akademische Gymnasium für manche von uns ein Wald, in dem wir nach Überraschungen suchten. Es war nicht nur wie beim Schwammerlsuchen, nein wir freuten uns über alles, was unsere Fantasie in Gang zu setzen vermochte. Wir freuten uns im übertragenen Sinn genauso über Preiselbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Heidelbeeren, über Nüsse, und natürlich die vielen verschiedenen Pilze. Auch bunte Blätter konnten uns begeistern, oder Eicheln und Bucheckern oder Stifters bunte Steine. Selbst huschende Mäuse, fliehende Spinnen oder tote Wanzen waren uns recht. Wir gingen mit offenen Sinnen in den Kosmos von Klassen, Gängen, Archiv, Keller und Lager. Nur in den Dachboden schafften wir es nicht.

Dort, wo es tief im Keller am wärmsten ist, weil ein Bündel Fernwärmeleitungen durchzieht, da lag versteckt unter einer Schicht Staub und Dreck ein Stapel Papier. Eingeklemmt unter einem alten Hektografiergerät, ganz schwarz, an manchen Stellen zerdepscht und angerissen. Wir haben mit Pinsel gereinigt so gut es geht. Manchmal sieht man auch, daß andere Blätter über längere Zeit darüber gelegen sind. Auf jeden Fall hat jemand Portraits fabriziert und richtiggehend versteckt. Es sind Erinnerungen an Menschen, die irgendetwas mit der Spittelwiese zu tun hatten. Entweder weil sie in der Nähe lebten und arbeiteten, oder weil sie Lehrer oder Schüler waren. Es ist nicht immer klar zu erkennen, wer dargestellt ist. Manche Blätter sind Zeichnungen, andere Fotos, wieder andere Überzeichungen und -klebungen.

Unsere Vermutungen einmal in einer halbwegs chronologischen Reihenfolge.

Johannes Kepler kam 1612 als Mathematik-Lehrer an die Schule. Seinem physikalischen Talent nachfolgend sehen wir die nächsten beiden: Nämlich Josef Ressel, der 1812 in die damals am Pfarrplatz situierte Schule eintrat. Dann den schwermütigen Ludwig Boltzmann, den Erfinder der modernen Physik, der 1863 maturierte. Ein anderer Schwermütiger unterrichtete ihn in Klavier, nämlich Anton Bruckner. Der war zu dieser Zeit Organist in der heute Alter Dom genannten Kirche. Mit Boltzmann schlagen wir auch die Brücke zu Rainer Maria Rilke. Die beiden verbindet Linz und Duino, obwohl sie sich sowohl dort als auch da verfehlten. Alle nannten Rilke René, als er 1891 nach Linz kam. Er wohnte schräg gegenüber von der Spittelwiese beim Verleger Hans Drouot in der Herrenstraße. Vielleicht hat er die ersten Schreie des am 16. Mai 1891 in der Herrenstraße 11 geborenen Richard Tauber gehört, des späteren Königs des Belcantos. Da war Boltzmann schon 18 Jahre weg. Und in Duino begann René seine Elegien, sechs Jahre nachdem sich Ludwig Boltzmann in seinem Hotelzimmer in Duino erhängt hatte. 1906, das war das gleiche Jahr, in dem Ludwig Wittgenstein sein letztes Schuljahr in Linz beendete. Und zwar in der Realschule in der Steingasse, in die auch Adolf Hitler von 1901 bis 1904 ging. Die beiden mußten sich also gekannt haben. Das Gebäude aus 1837 wurde im Zuge der Errichtung der Promenaden Galerien in das das neue Star Inn Hotel integriert. An der Fassade des markanten Hauses erinnert eine Tafel an Wittgensteins Schulbesuch, - Hitler wird verschwiegen. Dessen Lieblingsnichte Geli Raubal maturierte 1927 an der Spittelwiese, als Hans Siegmund Kafka schon sechs Jahre alt war. Bis 1935 trottete auch er in die Spittelwiese. Nicht lange später fand er als Jude in Amerika Zuflucht, wo er bis heute bei Washington, D.C. lebt. Und das letzte Blatt stellt wahrscheinlich Stefan Ruzowitzky dar, der 1980 die Schule als Maturant verließ.


Schulordnung

November 2016 · Bernhard Doppler · Berlin


10 Gebote

1. Gebot: Lebende Bilder, jenes ausgestorbene, traditionsreiche Genre des Theaters und Schultheaters soll Eure Struktur bestimmen! Denn Lebende Bilder sind mit Musik aufgeladene Erstarrung: die Pose des Gemäldes, der Augenblick der Blitzaufnahme des Photographen.

2. Gebot: Metamorphosen sollen die Bilder verschieben. Denn: Bilder und Fotos der Schule entfalten ihre Wirkung durch den Gegensatz von Schule und Leben, von Erinnerung und Gegenwart, durch den Gegensatz vom "unschuldigen?" Schülern und was aus ihnen geworden ist (Mörder zum Beispiel).

3. Gebot: Die Lebenden Bilder sollt Ihr dynamisieren, durch plötzliche, manchmal unerwartete Beweglichkeit! Die Lebenden Bilder sollen kommentiert werden und selbst zu sprechen beginnen.

4. Gebot: Die Einheit des Raumes sollt Ihr gewahren. Ausgangspunkt soll immer die Schule und Schulklasse sein. Auch wenn man sie verlässt - Wandertag, Exkursion, Vergnügungen - muss man zu ihr zurück. Fernbleiben oder Austritt wird ins Klassenbuch eingetragen.

5. Gebot: Die Einheit der Zeit sollt Ihr durchbrechen! Gegenwart soll Vergangenes kommentieren und umgekehrt.

6. Gebot: Nehmt und formt fünf Figuren! Die Einheit der Handlung soll vor allem durch diese Figuren hergestellt werden, die von der Figurentypologie der Schule ausgehen: Der Pauker, der Lehrer als Kumpel, die Streberin, das (Mobbing)-Opfer, der Aussteiger. Sie sollen sich dennoch ständig verwandeln können.

7. Gebot: Euer Werk soll einen universalen Anspruch haben. Denn so sprach Peter Androsch, der Komponist und Philosoph: "Je provinzieller das Theater, umso kosmopolitischer ist es." Deshalb muss die Recherche an der konkreten Schule, dem Staatsgymnasium Linz, penibel und genau sein. Und meidet, dass die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts bloß dämonisiert wird. Denn Eure Aufgabe ist es, sie durch Lebende Bilder zu veranschaulichen.

8. Gebot: Vermeidet jede Regiebemerkung. Lasst dem Theater, was des Theaters ist.

9. Gebot: Achtet darauf, dass eure Lebenden Bilder nicht als pädagogisches Unterfangen verkauft werden. Sie können nur als Musiktheater im Theaterbetrieb funktionieren.

10. Gebot: Sehet zu, dass Euer Werk auf verschiedenen Ebenen über das Theater hinaus öffentlich werde, durch Recherchen in der Schule, bei Maturatreffen, durch Features, Zeitungsbeiträge, literarische Bearbeitungen, Soaps, Ausstellungen und Diskussionen!


Entwürfe: Raum und Kostüme

November 2019 · Renate Schuler · Linz


Die Multidisziplinäre Künstlerin Renate Schuler denkt sich für die Theaterproduktion "Die Schule oder Das Alphabet der Welt" Raumentwürfe und Kostüme aus. Hier fünf Beispiele.

Die Schule oder Das Alphabet der Welt

2019 · Peter Androsch · Musiktheater


Mit Texten von Silke Dörner, Bernhard Doppler und Peter Androsch

4 Schauspielerinnen, 5 Schauspieler, 3 Sängerinnen, 3 Sänger, Chor, Orchester

Die Abschnitte

01 Tableau vivant I
02 Memo / Megamonolog
03 Journal der siebten Klasse vom November 2017
04 Der Stotterer
05 Kürnberger Wald
06 Aufstehen Setzen
07 Die Kunst des Aufzeigens
08 Bernhard Doppler erzählt von Erich Gintner
09 Der stumme Chor
10 Über das Stottern
11 Bei den Engeln
12 Lehrstück
13 Das Alphabet der Welt
14 Der Große Schlaf
15 Pause
16 Tableau vivant II
17 Die Herrschaft des Wahnsinns
18 Bernhard Doppler erzählt vom Besuch in Amerika
19 Seit wir tot sind
20 Die Zerstörung der Welt durch Unterricht
21 Zeugnisarie
22 Zeugnismusik
23 Die Schule ist sehr alt
24 Der Stotterer Fine
25 Der unstumme Chor
26 1938
27 1968
28 1999
29 2019

01 TABLEAU VIVANT I

Das Bild orientiert sich an zwei Fotografien, - am Maturafoto von Geli Raubal und an diesem 120 Model Tableau vivant. Um das nachgestellte Maturafoto soll ein üppiges Menschentableau stehen, das man beim Eintritt in den Saal sofort sieht. Unglaublich! Ganz eingefroren. So wie wenn alle Menschen aus den über 100 Jahren seit 1918 da stehen. Und das 10 Minuten lang. Natürlich sind alle Darsteller inkl. Chor integriert, denn sie müssen wohl auch singen und sprechen.
 
Maturafoto 1927, Geli Raubal in der Mitte http://www.artandcomic.com/blog/archives/287
Die Schule ist das Akademische Gymnasium in Linz, im Volksmund nach der Adresse „die Spittelwiese“ genannt. Prototypische Menschen des 20. Jahrhunderts waren hier Schüler. Beginnend bei Ludwig Boltzmann, der sich im Schloss Duino am Dachboden erhängt, nicht lange bevor der Schüler der benachbarten Lehrerbildungsanstalt, Rainer Maria Rilke, dort seine "Duineser Elegien" schreibt, und durchaus erinnernd den Musikrevolutionär Anton Bruckner, ebenfalls in der Hofgasse in der Präparandie (Lehrerbildungsanstalt) hörend lernend, dann in einem Blick zurück Josef Ressel, der Schiffsschraubenerfinder, Johannes Kepler, Lehrer hier, während die Schule Universität werden sollte, - was vom Wiener Hof verhindert wird, und die vertriebenen Schüler John S. Kafka, Neffe von Hitlers Hausarzt Eduard Bloch, - dann der führende Psycholanalytiker der USA bis heute, sein Kollege Hans Kronberger, der Schöpfer der Atommacht des United Kingdom, mysteriös verstorben (ermordet?) in den 70er-Jahren, dann der Literaturwissenschaftler Alfred Doppler, - alle diese Figuren bewegen sich in einem recht kleinen Areal der Stadt: auf der Spittelwiese, ihrer Umgebung, kurz in Linz, Innere Stadt. (Heute leben in der Metropolregion Linz, laut Eurostat-Erhebung von 2012, rund 760.000 Menschen.)

Die Geschichte des Akademischen Gymnasiums ist an sich schon europaweit einmalig. Als ältestes Akademisches Gymnasium vom protestantischen Adel 1542 gegründet, in der Gegenreformation mit Zwang rekatholisiert, von Jesuiten übernommen. Seitdem auch ein Hort jener, die ihre Kinder nicht total dem Katholizismus überlassen wollen. Gleichzeitig als Frucht der Gegenreformation ein Hort großdeutscher Sehnsucht. Im 20. Jahrhundert kamen in der Schule neben der Mehrheit der Katholiken (meist in den A-Klassen) Protestanten, Juden, Sozialisten, Kommunisten und Nazis zusammen. Aus dieser vergleichsweise kleinen Stadt - aus dem Umkreis der Schule also - kommen erstaunlich viele Menschen, die die Welt auf so unvergleichliche Weise geprägt haben, - nämlich als Massenmörder: Adolf Hitler, Adolf Eichmann, Ernst Kaltenbrunner, August Eigruber.
Das mögliche Personal, das sich in und um die Schule gruppiert, eignet sich zu einem riesigen Tableau vivant.

Wir erzählen die Geschichte der Spittelwiese, rund ums Akademische Gymnasium, die Geschichte der Innenstadt, der Stadt Linz, von Österreich, Europa, der ganzen Welt. Wir erzählen von der Schule.

(Musik laut, massiv, konvulsisch, ein Riesenblock, bricht ab)

02 MEMO / MEGAMONOLOG

(Die alte Dame)

Ab und zu Klänge als Duft und Akzentsetzung. Es gibt eine Menge Akkorde, die in allen möglichen Varianten von Klavier, Vibraphon, Melodika oder Orgel gespielt werden können - also angeschlagen, zerlegt, schnell, langsam, leise als zeitweilige Untermalung, laut als Akzent zwischendrin, als Akkordfolge als Zwischenspiel etc.

Die alte Dame ist gleichzeitig viele Personen, ein bißchen wie Leonard Zelig oder Putti Eichelbaum oder gar Jack Torrance. Die Namen der sprechenden Personen sind als Orientierung in Klammer angegeben. Manche Namen sind verändert, aber mit gleichen Anfangsbuchstaben. Ob die Namen genannt werden, ist offen. Die Abschnitte sollen zu einer fließenden Erzählung aneinander gefügt werden.

Der Text kann auch anders geordnet werden und auf das ganze Stück aufgeteilt werden.

(Johann Siegmund Kafka)
Wir erzählen die Geschichte der Spittelwiese, des Akademischen Gymnasiums, die Geschichte der Innenstadt, der Stadt Linz, von Österreich, Europa, der ganzen Welt. Wir beginnen mit dem Jahr 1918 und erzählen irgendwie jedes Jahr bis heute: 1919, 1920, 1921 - da bin ich geboren. Manchmal komme ich mir vor wie Leonard Zelig oder Putti Eichelbaum oder gar Jack Torrance. Jetzt bin ich John S. Kafka, aus der Old Georgetown Road, in Bethesda, in Maryland. Das ist eine "senior living facility". Dann erzählen wir die Jahre 1922, 1923, 1924, 1925, 1926, 1927, 1928, 1929, 1930, 1931, 1932, 1933, 1934, 1935, 1936, 1937, 1938, 1939, 1940, 1941, 1942, 1943, 1944, 1945,, 1946, 1947, 1948, 1949, 1950, 1951, 1952, 1953, 1954, 1955, 1956, 1957, 1958, 1959, 1960, 1961, 1962, 1963, 1964, 1965, 1966, 1967, 1968, 1969, 1970, 1971, 1972, 1973, 1974, 1975, 1976, 1977, 1978, 1979, 1980, 1981, 1982, 1983, 1984, 1985, 1986, 1987, 1988, 1989, 1990, 1991, 1992, 1993, 1994, 1995, 1996, 1997, 1998, 1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2007, 2008, 2009, 2010, 2011, 2012, 2013, 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, und das Jahr 2019. Ein bißchen mehr als mein Leben. Wir sehen und hören vielleicht Schauspieler, ein, zwei oder drei, kombiniert mit anderen Stimmen, Sängerinnen und Sänger, Soprane, Mezzo, Tenor, Baritöner, Chor, hoch oder tief, laut oder leise, Instrumente, sogar ein Orgelpositiv.
Aufgewachsen bin ich in Linz, in der Landstraße 36, als Johann Siegmund Kafka. Während der Schulzeit ging ich täglich den gleichen Weg. Raus aus dem Haus, nach links und bei der Hausnummer 24 wieder nach links in die Spittelwiese. Zuerst in die Volksschule auf Nummer 8, dann ins Gymnasium auf Nummer 14. Mit 13 Jahren wurde ich in ein Internat in Frankreich geschickt. Aber bis zum Anschluss 1938 war Linz mein Zuhause, und ich habe bis dahin praktisch alle meine Ferien in Österreich verbracht.

und

(Stefan Ruzowitzky)
Nachdem meine Eltern aus Deutschland nach Linz gekommen waren, bin ich ab 14 in der Spittelwiese in die Schule gegangen. Vorher war ich in Düsseldorf in der Schule. Täglich bin ich aus der Unionstraße 47 raus und links die Straße bis zur Unionkreuzung gegangen. Dort bin ich meist in die Straßenbahn gestiegen. Manchmal, wenn noch genügend Zeit war, bin ich durch die Bahnunterführung zur Blumau geschlendert, an der Trinkhalle vorbei in die Landstraße hinein. Gegenüber vom Passage-Kaufhaus bin ich links in die Spittelwiese eingebogen. Wohl genauso wie Alfred Doppler in den 30er-Jahren. Als er täglich aus der Unionstraße 50 in die Spittelwiese ging. Nach dem letzten Schultag in den Achtziger Jahren bin ich diesen Weg nie mehr gegangen und werde ihn nie mehr gehen. Nur ab und zu komme ich zurück nach Linz, wenn irgendjemand in der Stadt wieder auf den Oscar-Preisträger stolz sein möchte.

und

(Alfred Doppler)
Die jüngste Festschrift des Gymnasiums habe ich erst dort zu lesen begonnen, wo der Erste Weltkrieg beschrieben wird, die Protestanten und Jesuiten waren mir wurscht. Ich war über das Buch ein wenig irritiert, da meine Schulzeit von 1931 bis 1941 so beschönigend und verharmlosend beschrieben wurde. Nichts richtig Falsches, Schlimmes ist auszumachen, nur lauter "Leistungsträger." Auch im christlichen Ständestaat gab es KZs. Ins Lager Wöllersdorf wurden zwei Freunde aus meinem Wohnblock, Sozialisten, gebracht, in Wöllersdorf fanden auch Hinrichtungen statt. Die Haftanstalten der Heimwehr schienen bisweilen sogar sadistischer als die Gestapo-Haft später an Katholiken. Den von der Gestapo verhafteten Englisch-Lehrer Balduin Sulzers, Pater Valentin aus Wilhering durften wir in der Haft besuchen. Wir Schüler haben ihm auch Zigaretten ins Gefängnis gebracht. Pater Valentin war angezeigt worden, weil er, Englischlehrer, angeblich den Feindsender höre.
Die politischen Umstände änderten sich ja mehrmals in kurzer Zeit. Wann musste man aus der Schule ausscheiden, wann gehörte man wieder dazu? Das war die Frage. Fast unheimlich ist das Beispiel meines Klassenkollegen Erich Alfred Quer. 1936 wird Erich vorübergehend wegen nationalsozialistischer Betätigung der Schule verwiesen – er ist überzeugter Nationalsozialist! Ich glaube, er war HJ-Führer in Urfahr. Und gleichzeitig, wie sich zwei Jahre später herausstellt: Jude. 1938 wird Quer deshalb aus dem Gymnasium ausgeschlossen und emigriert mit seinen Eltern in die USA.

und

(Erich Alfred Quer)
Hier am Mount Moriah Cemetery in Kansas City, Jackson County, Missouri bin ich schon seit 2011. Seit damals bin ich tot. Ich denke immer wieder an Linz zurück. Seit 1928 ging ich täglich auf die Spittelwiese. Ich bin gern in die Schule gegangen. Aber dann sagten die Nationalsozialisten, dass ich Jude sei. Deshalb mussten meine Eltern, Alfred Felix and Josepha Salzer Quer, und ich 1939 in die USA ausreisen.
In Albany studierte ich Medizin, bevor ich mit dem U.S. Army Medical Corps von 1947 bis 49 in Japan und den Philippinen war. Dann betrieb ich über Jahrzehnte mit meinen Partnern den Research Medical Center "Hartwig, Quer and Doering" in Kansas City. Das Akademische Gymnasium hat mich übrigens auch später nicht ganz losgelassen, auch wenn ich in Linz die Matura nicht machen durfte. Einmal bin ich zu einem Treffen meiner Klasse gefahren. Allerdings konnte ich mit meinen Mitschülern in Linz fast nur noch Englisch sprechen. Deutsch ist mir abhanden gekommen.
Die Weber Family hat am 31. August 2011 meinem Nachruf diese schönen Zeilen angefügt:
Quer Family: Death leaves a heartache no one can heal, love leaves a memory no one can steal.

und

(Daniela und Andreas Aichberger)
Es war eine schöne Zeit in den Siebzigern. Mein Bruder und ich gingen in die Oberstufe auf der Spittelwiese. Obwohl wir so nahe an der Schule wohnten, kamen wir oft zu spät. Vom Hauptplatz brauchten wir nur über die Klosterstraße durch das Landhaus laufen und über die Promenade in die Herrenstraße. Schon waren wir im Schulhof. Dann ging's noch schnell rauf in die Klasse.
Jeden Tag kamen die Freunde aus unserer Klasse und der Parallelklasse zu uns nach Hause. Entweder in der Mittagspause oder einfach so am Nachmittag. Wir hörten Musik, diskutierten über Literatur, Politik, Geschichte. Mein Bruder fing schon damals an, so oft wie möglich ins Kino zu gehen. Es ist ihm geblieben. Er arbeitet bis heute für Film und Fernsehen. Ich bin beim Theater gelandet.

und

(Wendelin Ettmayer)
Nach der Matura studierte ich Jus und ging in den diplomatischen Dienst. Nach einer Reise als parlamentarischer Emissär kam ich leider ordentlich unter Druck. Wir reisten im Auftrag der Regierung nach Rumänien, um die Menschenrechtssituation zu begutachten. Österreich plante nämlich, tausende rumänische Flüchtlinge in ihre Heimat abzuschieben. Zugegeben, neben unseren Recherchen feierten wir im Hotel Bucuresti quasi auf Rumänisch, also mit entsprechenden Promillewerten. Wir hatten dadurch wenig Zeit, uns mit Oppositionellen zu treffen. Leider schrieben das alles die Gauner von der Presse. Obwohl sie die meiste Zeit selbst dabei waren. Wir hätten die Dienstfahrt "offensichtlich in eine Alkohol- und Gunstgewerblerinnen-Mission umfunktioniert", hieß es. Ich zog mich dann als Sicherheitssprecher zurück.

und

(Über Enrica Handel-Mazzetti)
Immer wieder haben wir uns gefragt: wer war diese Frau? Wer war die Frau gegenüber? Sie ging höchstens an einem Sonntag zur Messe in den Dom - mit Kopftuch! Sie scheute die Öffentlichkeit so wie heute vielleicht Elfriede Jelinek. Wir haben oft mit ihr gefensterlt und, wenn die Fenster offen standen, Papierflieger aus dem Klassenzimmer in ihre Wohnung geschossen.
Seit 1927 versuchte die österreichische Regierung, dass sie in Oslo den Nobelpreis bekommt; gewaltige Feiern wurden in Linz zu ihrem 60. Geburtstag veranstaltet, für die sich die Dichterin auf der ersten Seite der Tageszeitungen wortreich bedankte. Schüler führten in "Lebenden Bildern" Szenen aus ihren dicken Romanen vor. Es war Enrica von Handel-Mazzetti. Sie trug das "von", obwohl in Österreich seit 1918 das Tragen von Adelstiteln bei Strafe verboten war (und noch ist).

und

(Der Taxifahrer)
In der Zeit, als Linz sich darauf vorbereitete, Europäische Kulturhauptstadt zu werden, führte ich in meinem Taxi immer genügend Zettel mit, die ich an die Fahrgäste verteilte. Darauf stand der angeblich längste Satz der deutschen Literatur, der von Hermann Bahr aus der Herrenstraße 12 stammte. Er musste nur über die Straße gehen, um in seiner Schule zu sein. Der Ausriss aus Bahrs "Selbstbildnis" war mit "NUR EIN SATZ (Eine Herausforderung)" übertitelt.

und

(Hermann Bahr)
Es war nicht weit in die Schule. Ich ging von der Herrengasse 12 zuerst in die Stifterschule, das war die Volksschule in der Spittelwiese 8. Später war es noch kürzer, als ich ins Gymnasium kam. Da musste ich nur einmal über die Straße und in den Hofeingang, links in den Gang und die geheime, enge Wendeltreppe hinauf. Mit fünfzehn kam ich in ein Internat nach Salzburg.
Mein ganzes Leben war unstet. Ich studierte in Wien, Graz, Berlin und Czernowitz. Da musste ich die Universität wegen antisemitischer Reden verlassen. Und ich arbeitete in Paris, Berlin, Wien, Salzburg und schließlich in München. Ich wurde über Nacht bekannt. Mein Roman "Die gute Schule" war ein Skandal. Meine Überzeugung war, dass die Liebe die gute Schule der wirklichen Weisheit ist, - man kann ihre Lehre das ganze Leben nicht wieder vergessen. Es ging natürlich um Sex. Das hat die Leute provoziert.

und

(Alfred Maleta)
Ich bin sehr sparsam mit dem Du. Am liebsten bin ich eigentlich allein. Immer noch. Introviert. Ja, ein introvertierter Politiker. Eigentlich ein Widerspruch. Ausnahme sind Frauen, wertvolle Frauen, wo, wie soll ich das sagen, „der Sex nicht Selbstzweck“ ist. Für mich ist das Ideal der englische Gentleman, eine frühere Freundin nannte mich einen Smokingmensch. Vielleicht haben mich manche Mitschüler auch für arrogant gehalten. Aber respektiert haben mich alle. Ohne Abschreiben wäre nichts aus mir geworden. So etwas sollte man nie vergessen.
Geli wurde von den Schülern wie ein Engel verehrt, auch von mir. Doch nach der Matura 1927 ist sie nach München gegangen und hat bei ihrem Onkel Adolf gewohnt. Hat ihr nicht gut getan. Natürlich, sie war mein Schwarm. Das wussten alle. Ich habe ihr immer wieder Vorträge gehalten. Ich glaube, dass Geli völlig unpolitisch war und gar nichts mitbekam. Hitler war einfach nur der Onkel Adi.
Ich habe Geli beim Nachhauseweg immer bei ihrer Tante abgeliefert. Die war vielleicht streng. Doch als Tanzpaar haben wir den Maturaball eröffnet. Aber am schönsten, ja richtig romantisch, war mit ihr ein Ausflug in den Kürnbergerwald. Und zwar weil plötzlich ein Gewitter kam und es zu gießen begann. Da habe ich sie klatschnass in den Armen gehalten ...
Ich bin nach dem Studium zur Vaterländischen Front. Das hat nichts geholfen gegen die Nazis, aber die Sozis haben wir wenigstens aus dem Weg geräumt. Eine Zeit lang hatten Ernst Kaltenbrunner und ich dieselbe Freundin. Der war von Anfang an Nazi und SS-ler. Jedenfalls bin ich 1938 gleich im KZ gelandet, zuerst in Dachau, dann in Flossenbürg.

und

(Ludwig Boltzmann)
Ich weiß, ich bin eigentlich schon zu lange tot. Aber ich erinnere mich gern an meinen Klavierlehrer. Es war der junge Anton Bruckner, der zwanzig Jahre vor mir geboren wurde. Ich hatte noch zwei Geschwister. Mein Bruder Albert war nach mir der zweitbeste Schüler an der Spittelwiese in Linz. Er starb jedoch schon mit 16 Jahren an einem Lungenleiden, wahrscheinlich Tuberkulose. Meine Schwester Hedwig starb in geistiger Umnachtung. Auch ich war schon in der Schule schwermütig. Obwohl ich keinerlei schulische Probleme hatte. Im Gegenteil. Und meine wissenschaftliche Karriere an den Universitäten Graz, Wien, München und Leipzig machte mich berühmt. Nach meinem Tod hat Albert Einstein meine atomistischen Entwürfe bestätigt. Ich jedenfalls habe mich in Duino aufgehängt. Da, wo zehn Jahre später Rainer Maria Rilke die "Duineser Elegien" geschrieben hat. Der René war ja in seinem Linzer Jahr Schüler in der Handelsakademie in der Hofgasse und wohnte neben der Spittelwiese in der Herrenstraße, beim Verleger Hans Drouot.

und

(Christine Brunmayr)
Es war wirklich nicht weit von mir zu Hause in die Schule. Wir hatten die Wohnung am Taubenmarkt. Da musste ich nur ein paar Schritte die Landstraße entlang gehen und dann bei der Buchhandlung in die Spittelwiese einbiegen. Ich war alle acht Jahre in der A-Klasse. Obwohl ich viele Freunde in der B-Klasse hatte. Im Jahresbericht 1980/81 habe ich Publizistik als Berufswunsch angegeben. Das habe ich dann auch studiert. Inzwischen lebe ich in Paris und komme nur noch selten nach Oberösterreich. Meine Eltern leben im Mühlviertel und sind schon sehr alt. Regelmäßig besuche ich in Linz eigentlich nur einen Freund, der in der B-Klasse war, und seine Familie.

und

(Veit Relin)
Mein Vater war Polizist und meine Mutter Hausfrau. Ich bin auf die Spittelwiese in die Volksschule gegangen. Das war auf Nummer acht, die Schule hat Stifterschule geheißen. Mein Vater merkte früh, dass mich das Kino mächtig anzog. Darum meldete er sich häufig (als Polizist) für den Kino-Dienst, da gab es Freikarten für ihn und eine Begleitperson. Während er meistens rasch einschlief, sog ich alles in vollen Zügen ein. Es ist verwunderlich, dass ich keinen seelischen Schaden davontrug, derart erregte mich das Gesehene. Ich verkroch mich unter den Kinositz und weinte. Mit 12 war ich dann schon Statist am Linzer Landestheater.
Dann kam Hitler und der Krieg. Alles, was noch laufen konnte, wurde mobilisiert, auch die Statisten am Landestheater. Meine große Stunde schlug. Jeden Abend ein anderer Bart. Die Maskenbildner hatten Mühe, mein Milchgesicht in einen Ratsherrn oder einen reifen Mann zu verwandeln. Bald wurden die Theater geschlossen, aber das Bruckner-Konservatorium funktionierte noch. Und als Tenor war ich sehr gefragt. Ich musste den jungen Sängerinnen ein Gesangspartner sein, was mich viel Kraft und letztlich auch das hohe C kostete. Meine zarte Tenorstimme verkraftete die vielen Mädchen nicht, sie zog sich zurück.
Als ich zum Kriegsdienst verpflichtet wurde, bestand ich auf einer Untersuchung beim Stabsarzt – und der war das Glück meines Lebens. Ein Theaternarr! Er fragte nach meiner Profession und ich spielte ihm Romeo und Carlos vor. Dafür gab er mir (mit geflüsterten Worten: „Bis dahin ist der Krieg aus.“) den notwendigen Stempel, der mich auf weitere zwei Monate von der Wehrpflicht entband. So kam es, dass ich in meinem langen Leben nie eine Uniform tragen musste.

und

(Sabine Gruber)
Jeder weiß, dass sich kein Kind um 8 Uhr in der Früh konzentrieren kann. Da sind sich alle einig.
Was machen wir?
Wir schleppen die leblosen Körper in die Schule rein, weiß wie Mauern, Zombies.
Jeder weiß, dass sich niemand 6 Stunden hintereinander konzentrieren kann.
Was machen wir?
Wir zwingen die Kids sechs Stunden in die Stühle, halb gefesselt, halb runterfließend, halb schlafend.
Und alle laufen jeden Tag wie Schafe in die Schule rein: Schüler und Lehrer.
Und die Eltern schauen untätig zu, statt dem Blödsinn ein Ende zu bereiten.

und

(Adolf Eichmann)
Früher wussten die meisten Linzer, dass der Laden Elektro Eichmann von meinem Vater gegründet und später dann von meinen Brüdern geführt wurde. Noch 1960, als ich entführt und verhaftet worden war, trat meine Familie auf den Plan, um einen guten Verteidiger zu finden. Die Bischofstraße verbindet parallel zur Spittelwiese die Landstraße mit der Herrenstraße. In diesem Geviert waren wir oft unterwegs. Einkaufen, Zuckerl beim Zuckerl-Schwager holen oder zum Greißler. Ich bin an der Spittelwiese immer nur vorbeigangen. Nie bin ich hineingegangen. Ich kannte die Schule nur von außen.
Ich bin in die Staatsrealschule gegangen, in der Fadingerstraße. Da habe ich auch Ernst Kaltenbrunner kennengelernt. Er hat es im Gegensatz zu mir bis zur Matura geschafft. Ich bin immer durchgefallen, so wie Hitler.

und

(Micha Shagrir)
Meine Eltern flüchteten, als ich erst ein Jahr alt war. Wir hatten großes Glück. Ich bin in der Bischofstraße als Michael Schwager geboren, - in dem Haus, in dem schon mein Vater und mein Großvater geboren wurden. Ich bin das letzte jüdisch geborene Kind in Linz vor dem Anschluss. Unsere Familie hatte eine Zuckerl-Fabrik und ein Zuckerl-Geschäft. Es war als Zuckerl-Schwager recht bekannt. Einige der Familie sind nach dem Holocaust sogar nach Linz zurück gekehrt. Ich bin in Israel geblieben.
Ich arbeitete lange an meinem Filmprojekt "Bischofstraße 7". Der Film war als sehr persönliche und auch historische Sicht von Linz geplant, unter anderem weil mich die absurde Nachbarschaft meiner Familie mit der Familie von Adolf Eichmann in der Bischofstraße immer wieder zum Denken anregte. Ich habe den Film gemeinsam mit dem ebenfalls aus Linz stammenden israelischen Historiker Shlomo Sand gemacht.
Sechzig Jahre lang war diese Stadt für mich ein zufälliger Geburtsort. Durch die Begegnungen mit Menschen im heutigen Linz und die emotional teilweise sehr aufwühlenden Gespräche, die ich im Laufe dieses Projektes führen konnte, ist sie zu einem integralen Teil meiner Identität und meines Schaffens geworden. Jetzt fließt auch die Donau in mir, wie schon der Jordan und manch anderer Fluss, den ich zuvor überquert habe.

und

(Paulus Angerlehner)
Am Anfang habe ich meine Kinder täglich von der Schule abgeholt. Ich bin von der Harrachstraße 18 raus, über die Dametzstraße zur Landstraße, rechts die Straßenbahn entlang und beim Passage-Kaufhaus links die Spittelwiese rein. Manchmal habe ich auch die Landstraße überquert und bin gleich in die Bischofstraße bis zur Herrenstraße. Rechts dann bis zur Spittelwiese vor. Inzwischen wollen die beiden aber meist alleine gehen oder mit Freunden etwas machen. Als ich so alt wie meine Kinder war, habe ich fast alles von Thomas Bernhard gelesen. Auch seine fünf autobiographischen Erzählungen. Irgendwo nennt er die Schule eine Geistesvernichtungsanstalt. Ich weiß, Bernhard hat auch Wien als Genievernichtungsanstalt bezeichnet. Er ist halt ein Übertreibungskünstler. Aber im Grunde hat er Recht. Denn das Schulsystem hat sich bis heute nicht seinen Ursprüngen aus dem Militär gestellt. Es bräuchte wohl so etwas wie eine Historikerkommission dafür. Das immanent Autoritäre ist das Lächerlichste an der Schule. Titel, Grüßen, Aufstehen usw. Nein, Demokratie kommt in der Schule gar nicht vor. Obwohl sie das Wichtigste ist. Eine demokratische Schule, die mit dem Teilen und Herrschen einmal Schluss macht. Das würde ich mir wünschen.

und

(Geli Raubal)
Bevor ich nach München gegangen bin, bin ich täglich von der Dinghoferstraße die Bürgerstraße links rauf bis zur Landstraße und dann die Tram entlang bis zur Spittelwiese. Oder ich bin in der Bürgerstraße gleich rechts abgebogen in die Schubertstraße bis zum Hessenplatz. Den Hessenpark querend zur Johann-Konrad-Vogel-Straße bis zur Landstraße. Es gab viele Möglichkeiten, zur Spittelwiese zu gelangen. Mit der Frieda konnte ich nie gehen, denn die kam von der Hafenstraße 6. Also von einer ganz anderen Richtung. Die ging meist über die Holzstraße zur Lederergasse, weiter zum Pfarrplatz und über den Hauptplatz zur Landstraße und auf die Spittelwiese. Aber wichtiger als der Schulweg am Morgen war mir der Heimweg. Denn da begleitete mich oft der Alfred. Wir machten eine Menge Umwege, dass es länger dauerte, bis ich zu Hause war. Einmal saßen wir im Hessenpark, dann im Schillerpark oder einfach im Garten hinter unserem Haus. Oft half er mir bei den Hausaufgaben. Machmal gingen wir auch rauf zum Schloss und weiter in den Kürnberger Wald. Ab und zu war auch Frieda dabei. Oft lachten wir über die Lehrer, besonders über Klug und Foppa. Foppa hat immer ausgeschaut wie Andreas Hofer aus einem Defregger-Bild. Später habe ich ihn mit Onkel Adolf bekannt machen können. Es war auf der Klassenfahrt nach München. Ich bin ja in München geblieben und hab mich dort bald erschossen. Deshalb konnte ich nicht verhindern, dass Alfred ins KZ kam. Von 1938 bis 1941 war er in Dachau und Flossenbürg gefangen. Ein Graus.

und

(Richard Tauber)
"Der Tenor Richard Tauber wurde am 16.5.1891 in diesem Haus geboren", steht auf der Tafel am Haus Herrenstraße 11, dem heutigen Hotel "Schwarzer Bär". Die Tafel erinnert an mich.
Hier kam ich eigentlich als Richard Denemy zur Welt. Als uneheliches Kind. Meine Mutter war die Soubrette Elisabeth Seyffert, mein Vater der Schauspieler Richard Anton Tauber. Erst 1913 hat mich mein Vater adoptiert. Meine Mama war oft auf Tournee. Deshalb wuchs ich zeitweise bei Pflegeeltern auf. Aber während der Volksschulzeit war der Weg auf die Spittelwiese und von der Spittelwiese eine Konstante. Jeden Morgen trottete ich aus Urfahr über die Brücke zum Hauptplatz, durch die Schmidtorstraße in die Landstraße und endlich zur Spittelwiese 8, stieg die Stufen hinauf zur Volksschule, die Stifterschule genannt wurde, gleich neben dem Gymnasium.

und

(Schulärztin)
Die Öffnung für Mädchen hat 1922 mit Leopoldine Kranich begonnen. Bis 1935 haben jeweils ein bis vier pro Jahr maturiert. Davon ist wohl Angela Raubal im Maturajahrgang 1927 am interessantesten, die Lieblingsnichte Adolf Hitlers. Aber 1935 verwehrte dann der Ständestaat den Mädchen den Schulbesuch. Bis 1948 gab es keine weiblichen Schüler. Schließlich maturierte Herlinde Razinger 1955 als erstes Mädchen nach dem Krieg. Doch bis 1966 blieb der Frauenanteil unter 10%. Dafür wurden zwischen 1940 und 1944 vermehrt Frauen als Lehrerinnen eingesetzt. Eine Ironie der Geschichte ist, dass erst Hitler die Spittelwiese zu einer überwiegend katholischen Schule gemacht hat. Die Nazis schlossen die konfessionellen Schulen. Die Mehrheit der nun heimatlosen Schüler suchte also einen Ersatz. Als humanistisches Gymnasium bot die Spittelwiese eine geeignete Alternative. Inzwischen ist die Schule überwiegend weiblich.

und

(Hermann Foppa)
Ich war bis 1945 Lehrer am Akademischen Gymnasium. Nach 1945 bin ich dem Volksgericht knapp entkommen, weil meine Lehrerkollegen erfolgreich für mich Fürsprache eingelegt hatten. Wie viele andere bin ich von den Amerikanern in Glasenbach interniert worden. Ich bin meiner nationalen Überzeugung aber treu geblieben. Mit Robert Haider war ich lange befreundet. Darum bin ich auch 1950 der Taufpate seines Sohnes Jörg geworden.
Mein Traum war der Anschluss von Österreich an das deutsche Reich. Nur deshalb verehrte ich Hitler, weil Hitler der Vollstrecker dieses geschichtlichen Auftrags war. Schon früh - seit 1920 - war ich in der Großdeutschen Volkspartei Österreichs. Ehe diese Partei 1933 verboten wurde, war ich auch ihr Partei-Obmann. Geli Raubal hat uns 1927 in München mit Hitler bekannt gemacht. Damals war er noch nicht der Führer. Jeder sagte Chef zu ihm. Als der Anschluss 1938 tatsächlich kam, trat ich der NSDAP bei und hatte gleich führende Funktionen, bis 1945 sogar als österreichischer Abgeordneter im Berliner Reichstag.
Alfred Maleta war mein Lieblingsschüler. (Obwohl mir Erasmus Reichel weltanschaulich viel näher stand.) Das sieht man auch an den Noten. Ein Sehr Gut hatte Maleta nur bei mir. Schon am ersten Abend seiner Entlassung aus dem KZ ist er zu mir gekommen. Es war eine höchst gefährliche Begegnung. Wir sind bis zwei Uhr nachts zusammengesessen. Maleta war da schon 32 Jahre alt, ich knapp sechzig. Die Matura lag schon 13 Jahre zurück. Trotzdem mussten wir wieder über die Geschichte mit den toten Fischen und dem Bier lachen, diesem grotesken Schülerstreich.

und

(Philipp Anderst)
Es war ein Missgeschick, ein Malheur, das mich in die Schule brachte. Es war 1973. Ich war in einem anderen Gymnasium angemeldet. Doch am ersten Schultag stellte sich heraus, daß diese Schule in Urfahr viel zu viele Anmeldungen angenommen hatte. Es gab also einen Haufen überflüssiger Schüler. Für diesen Überfluss wurde kurzfristig ein Ausweg gesucht. Unser Ausweg führte auf die Spittelwiese. Die andern Überflüssigen kamen in anderen Gymnasien unter. Es waren vor allem Kinder aus dem oberen Mühlviertel, Richtung Rohrbach. Vielleicht wollte man diese Landeier in der Stadt nicht. Subkutan meine ich natürlich. Ich bin 1963 geboren und mit zwei Brüdern in Puchenau aufgewachsen. Jeden Tag mußte ich den Zug um 7 Uhr 16 erwischen und dann mit der 3er über die Brücke bis zum Taubenmarkt fahren. Von dort ging ich die Landstraße entlang und dann die Spittelwiese rein. Vorbei an der Buchhandlung Korb und am Schallplatten- und Musikfachgeschäft Bräuer & Weineck. Das war die Konkurrenz zu dem Schallplattenladen meines Vaters in der Landstraße.

und

(Hans Kronberger)
Ich hatte sicher den kürzesten Schulweg von allen. Denn das Lederwarengeschäft meiner Eltern lag wie die Schule auf der Spittelwiese. Wenn ich kurz vor acht zu Hause wegrannte, saß ich um acht in der Klasse. Von Anfang an hat mich Technik fasziniert. Im Mai 1938 maturierte ich. Nur in Turnen hatte ich kein Sehr Gut (!).
Ich habe mich dann gleich völlig allein auf den Weg gemacht. Zuerst bin ich nach Zürich, wo mir die jüdische Gemeinde den Flug nach England bezahlte. Und dort klapperte ich fast jede Universität nach einem freien Platz ab. Es dauerte ewig, bis mich das King's College in Newcastle zum Studium des Maschinenbaus aufnahm. Und als ich endlich studieren konnte, wurde ich als "friendly enemy alien" interniert. Die Zeit der Internierung änderte mein Leben. Hier lernte ich den österreichischen Physiker Hermann Bondi kennen. Er begeisterte mich für Physik und höhere Mathematik.
Ich hatte solche Angst wegen der Luftschlacht um England, dass ich nach Australien flüchtete. Und genau unser Schiff wurde von den Deutschen torpediert! Ich sank ins Wasser. Doch ein Begleitschiff rettete mich.
1942 kam ich zurück nach England und beendete mein Studium in Birmingham. Hier hab ich mich gleich dem Team von Sir Francis Simon angeschlossen, das das Tube-Alloys-Projekt vorantrieb. Das war das Atombombenprogramm der Briten. 1946 ging ich ans Atomforschungszentrum in Harwell. Dort lernte ich auch meine Frau Joan Hanson kennen. Wir bekamen zwei Töchter, Zoë and Sarah. Schon bald bekam meine Frau einen Hirntumor. Als sie daran 1962 starb, habe ich erfahren, was mit meiner Familie in Linz geschehen ist. Meine Mutter wurde euthanasiert, meine Schwester in Auschwitz ermordet, mein Vater aus Dachau befreit und seither verschwunden.
Am 29. September 1970 bin ich überraschend gestorben. Ich weiß nicht, ob mich jemand umgebracht hat. Aber zu dieser Zeit verloren einige Atomphysiker ihr Leben auf ungeklärte Weise.

und

(Peter Palese)
Ich musste nur über den Hauptplatz hüpfen, die Klosterstraße entlang, dann durch das Landhaus schlüpfen und durch die Herrenstraße zum Hintereingang der Schule laufen. Die hintere, halb geheime, eigentlich verbotene Wendeltreppe raufsausen, dann war ich in der Klasse. Ich lief manchmal erst um fünf vor acht von zu Hause weg. Meistens ging es sich aus. In der Schule ging es mir gut. Meist war ich der Klassenbeste. Die wenigen Mädchen, die mit uns in der Schule begonnen haben, haben wir während der acht Jahre verloren. Zur Matura waren wir nur mehr Buben in der Klasse. Meine Eltern betrieben eine Apotheke. Da lag es nahe, Pharmazie und Chemie zu studieren. Bald habe ich mich der Virologie verschrieben. Die betreibe ich noch heute an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York. Mein großes Ziel ist eine Universalimpfung gegen Grippe.

und

(Johanna Edlinger)
Ich gehe oft am Akademischen Gymnasium vorbei. Ich wohne in der Rudigierstraße. Die ist ja ganz in der Nähe. Immer wenn ich an der Schule vorbei gehe, denke ich an meinen Onkel Hubert. Er war schon vor dem Krieg hier Direktor. Dann wieder nach dem Krieg. 1945 waren von 44 Lehrern am Akademischen Gymnasium 36 neu, nur 8 waren übernommen worden. Die anderen mussten aus dem Dienst ausscheiden. Onkel Hubert hatte bereits im Untergrund während des Nationalsozialismus an neuen Lehrplänen für ein neues Österreich gearbeitet. 1938 war er ja aus dem Schuldienst sofort entlassen und in eine Strafkompanie gesteckt worden. Ab 1945 leitete er die Entnazifizierung. Hermann Bahr hat einmal gesagt, die Schule sei ein Tummelplatz der Mittelmäßigkeiten. Doch was die Schule in der NS-Zeit geworden ist, brauche ich Ihnen nicht zu sagen: Der Rowdy, zum Ideal erhoben, herrschte in der Gestalt des HJ-Führers! Onkel Hubert hat oft gesagt, dass es Durchgefallene mit schwelenden Neid- und Rachekomplexen waren, die die Schule regierten. Siehe die durchgeflogenenen Mittelschüler Hitler und Eigruber, die die Welt und menschliche Kultur in Brand steckten. Zum 400-Jahr-Jubiläum der Schule suchte Onkel Hubert um die Verleihung eines Anstaltstitels an, das war 1952. Das wurde aber vom Ministerium in Wien abgelehnt. Er hatte sich nach dem bedeutendsten Lehrer „Kepler Gymnasium“ oder so etwas Ähnliches vorgestellt. „Akademisches Gymnasium“ hat die Schule schon im 19. Jahrhundert geheißen. Und 1965 wurde dieser alte Titel im Rahmen einer großen Feier wieder verliehen.

und

(August Eigruber)
Fast jeden Tag bin ich an der Spittelwiese vorbeigekommen. Allerdings war ich nie drinnen, obwohl Hermann Foppa in der Schule unterrichtete. In der Früh bin ich meist mit dem Fahrer zeitig von unserem Haus Auf der Gugl 3 durch den Bauernberg Park in die Stifterstraße und dann links in die Herrenstraße, an der Spittelwiese vorbei, zum Landhaus gefahren. Da saß ich seit 1938 als Landeshauptmann.

und

(Simon Wiesenthal)
Nachdem ich am 5. Mai 1945 aus dem Konzentrationslager Mauthausen befreit worden bin, habe ich Linz wirklich kennengelernt. Bis 1961 hatte ich zehn Wohn- und Büroadressen: DP Lager Ebelsberg, Landstraße 60, Uhlandgasse 22, Gutenbergstraße 4, Adam-Kaltenbrunner-Gang 8, Gutenbergstraße 34, Pacherstraße 3, Raimundstraße 39, Landstraße 15 und Goethestraße 63. Es war ein Wunder, dass ich nach dem Krieg meine Frau Cyla wieder gefunden habe. Bald ist dann unsere Tochter auf die Welt gekommen. Mit 30 anderen "displaced persons" habe ich 1947 das Zentrum für jüdische historische Dokumentation gegründet. Anfang der 60er Jahre sind wir dann nach Wien übersiedelt.

und

(Franz Mayerhofer)
Und in den letzten Jahren ist eine eigene Herrschaft des Wahnsinns dazu gekommen. Wie Industrieprodukte werden die Kinder normiert und standardisiert. Einmal habe ich von einer Lehrerin meiner Tochter ein Informationsblatt über die Beurteilungskriterien erhalten. Auf einem A4-Zettel ist sage und schreibe 25 Mal das Wort "Leistung" gestanden. Das ist richtiggehend verhaltensoriginell. Noch dazu, wo die sogenannten "Leistungsträger" ganz sicherlich keine Vorbilder für meine Kinder sein sollen. Im Gegenteil. Leistung, Test, Schularbeit, Standardüberprüfung, Pisa-Studien, Pisa-Test, Zentralmatura sind die Vokabeln des Wahnsinns. Und wenigen fällt auf, daß sich das Wort Standard von der Standarte, vom Feldzeichen des Militärs ableitet. Genau das ist nämlich die Marschrichtung. Seit die Wissenschaft sich der Schule bemächtigt hat, ist die Abrichtung der Kinder noch mehr Programm.

und

(Erasmus Reichel)
Ich wurde zum Direktor gerufen und vor die Wahl gestellt, entweder dem "gottesleugnerischen Nationalsozialismus" abzuschwören oder das Gymnasium zu verlassen. Einmütig verließen ich und meine Kameraden Kremsmünster und gingen an die Spittelwiese. Ich hatte gerade von Adolf Hitler dessen Buch "Mein Kampf" und eine Photographie mit einer persönlichen Widmung erhalten. Das spornte mich an. Als 27. SA-Mann trat ich dem einzigen Linzer Sturm bei. Linz war rein marxistisch. Es begann für uns eine Zeit härtesten Dienstes Abend für Abend. Wir überfielen und wurden überfallen. Ich saß auch in Polizeiarrest. Im Gymnasium wurde mein Ruf natürlich immer schlechter. Als mir mein Geschichtsprofessor Foppa, der großdeutscher Abgeordneter war, das Parteiabzeichen vom Rockkragen riss, erging ich mich in den heftigsten Ausdrücken. Also wurde ich aus der Anstalt ausgeschlossen.
Viel später, 1934, in der Nacht der langen Messer, ermordete ich eine Reihe von Verrätern. Ich schoß - wenn notwendig - auch aus nächster Nähe in den Kopf. Wir schlugen den sogenannten Röhm-Putsch nieder. Glaubten wir zumindest. Denn dann wurden alle nach und nach umgebracht, möglichst alle, die die SA-Führung umgebracht hatten. Und da war ich ganz oben auf der Liste. Ich wusste, was mir bevorstand, wenn ich blieb. Der nächste Zug brachte mich über die Grenze. Ich beschrieb im Jahr 1937 meine Geschichte und das Massaker ganz genau in der Exilzeitschrift "Dritte Front" in der Tschechoslowakei unter dem Titel "Geständnisse eines Gestapo-Mörders".
1939 schaffte ich es nach Kolumbien. Dort änderte ich meinen Namen in Gerardo Reichel-Dolmatoff. 1941 nahm ich an der ersten ethnologischen Feldstudie teil. Später gründeten meine Frau Alicia Dussán und ich an der Universidad de Cartagena den ersten Lehrstuhl für Anthropologie in Lateinamerika. Und 1963 gründeten wir die Abteilung für Anthropologie an der Universidad de los Andes in Bogotá. Ich wurde überhäuft mit internationalen Auszeichnungen und als Vater der kolumbianischen Anthropologie gefeiert.

und

(Katharina Gruber)
Eine Reform des Schulsystems scheitert wohl daran, dass die, die das entscheiden müssten, das verteidigen, was sie kennen. Weil es ja sonst bedeuten würde, dass es bei ihnen nicht gut war und vielleicht auch jetzt nicht so gut ist. Das will kaum jemand, der schließlich überlebt hat, also an den Herausforderungen gewachsen und gut geschliffen erfolgreich im System verhaftet ist.
Aber es gibt auch andere, - viele. Die ohne Stimme. Ohne Bewusstsein darüber, was sie eigentlich gebraucht hätten. Vielleicht gescheitert, vielleicht zurechtgeschliffen.
Wer behauptet, dass die Schule nur ein Ort zum Lernen sein sollte, ist weltfremd. Schule ist ein Ort, an dem man das Miteinander lernen kann, sich selbst erfahren und ein positives Bild für die Gesellschaft entwickeln sollte. In der Schule werden immerhin jene Leute geformt, die unsere Zukunft gestalten!
Ich möchte, dass die Vorstellungskraft, die utopische Kraft des Kindes, der Kern der Schule und damit gesellschaftlicher Verbesserung ist. Das Unmögliche denken, muss die Richtschnur sein.

03 JOURNAL DER SIEBTEN KLASSE VOM NOVEMBER 2017

(4 Damen, 3 Herren, 3 Sängerinnen, 3 Sänger - instrumentale Unterstützung.
Recht schnelles Sprach- und Sprech- und Singgewebe)

(Die Texte sind wörtliche Zitate aus Zeitung, Internet und Theaterfoldern. Deshalb manchmal nicht korrekt)

Ein Ansager:
Journal der siebten Klasse vom November 2017.

(Stimmen laut Partitur)

Es ist Mittwoch
1. November
2017
Es ist schulfrei
Was spielen die Theater?
Schaf
Es ist Donnerstag
2. November
2017
Es ist schulfrei
Was schreibt die Zeitung?
Ein schmerzhafter Tag für New York.
Was spielen die Theater?
Schaf, Hairspray, Antigone, Spätschicht.
Es ist Freitag
3. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Deutsch
Wer fehlt?
Pia Schuster
Was schreibt die Zeitung?
Mahrer statt Leitl: Erste Rochade bei der ÖVP
Was spielen die Theater?
Hairspray, Gerald Gradwohl Group, Leben des Galilei, Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt
Es ist Samstag
4. November
2017
Es ist schulfrei
Was schreibt die Zeitung?
Willkommen in der Realität: Zuerst muß gespart werden
Was spielen die Theater?
Topolina am Mond, Rigoletto, Wunderland!, Das Sparschwein, Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt
Es ist Sonntag
5. November
2017
Es ist schulfrei
Was spielen die Theater?
Topolino am Mond, Das Himmliche Leben, Nie wieder Pro Brass, Wunderland!, Geächtet, Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt
Es ist Montag
6. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Deutsch, Schularbeit
Wer fehlt?
Martin Ou, Jakob Schicho
Was schreibt die Zeitung?
Warum erst jetzt?
Was spielen die Theater?
Music for a While
Es ist Dienstag
7. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Geographie
Wer fehlt?
Civan Sahin
Was schreibt die Zeitung?
Förderungen, Gehälter: Wo das Land sparen will
Was spielen die Theater?
Rigoletto, Frühlings Erwachen
Es ist Mittwoch
8. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Mathematik
Wer fehlt?
Anna-Sophie Brocza, Anna Tomaselli
Was schreibt die Zeitung?
Kultur: Sparzwang bringt Stelzer und Luger zusammen
Was spielen die Theater?
Unser Planet Erde, Wunderland!
Es ist Donnerstag
9. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Mathematik
Wer fehlt?
Anna-Sophie Brocza, Anna Tomaselli, Johannes Jeryczynski
Was schreibt die Zeitung?
Reise auf die Krim: Linzer FP-Chef verärgert Kurz
Was spielen die Theater?
Unser Planet Erde, Rigoletto
Es ist Freitag
10. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Deutsch
Wer fehlt?
Anna-Sophie Brocza, Johannes Jeryczynski, Civan Sahin, Pia Schuster
Was schreibt die Zeitung?
Überlebt!
Was spielen die Theater?
Schaf, Wer ist's, der an die Türe pumpert?
Es ist Samstag
11. November
2017
Es ist schulfrei
Was schreibt die Zeitung?
Land der Raucher: Kritik der OECD an Österreich
Was spielen die Theater?
Die Frau ohne Schatten, Lange Nacht der Bühnen
Es ist Sonntag
12. November
2017
Es ist schulfrei
Was spielen die Theater? Sinatraworks 2017, Schaf, Lux Aeterna, Peter Pan oder der Junge, der nicht erwachsen werden wollte, Wunderland!
Es ist Montag
13. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Deutsch
Wer fehlt?
Marlene Bauer, Civan Sahin, Pia Schuster
Was schreibt die Zeitung?
Abu Dhabi hat jetzt seinen Louvre
Was spielen die Theater?
Schaf, Music for a While
Es ist Dienstag
14. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Geographie
Wer fehlt?
Fabian Laresser, Civan Sahin
Was schreibt die Zeitung?
Oberösterreich exportiert so viele Waren wie noch nie
Was spielen die Theater?
Peter Pan, Leben des Galilei
Es ist Mittwoch
15. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Mathematik, Schularbeit
Was schreibt die Zeitung?
Finanzbildung ist blinder Fleck der Österreicher
Was spielen die Theater?
Die Frau ohne Schatten, Peter Pan, Wunderland!, Frühlings Erwachen
Es ist Donnerstag
16. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Mathematik
Wer fehlt?
Anja Bimmelmair
Was schreibt die Zeitung?
Kampf um das rote Wien: Schieder fordert Ludwig
Was spielen die Theater?
Music for a While, Peter Pan, Wer hat Angst vorm bösen Wolf!
Es ist Freitag
17. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Deutsch
Was schreibt die Zeitung?
450.312.500 Dollar für Da-Vinci-Gemälde
Was spielen die Theater?
Rigoletto, Forever Young, Peter Pan, Antigone, Parzival Short Cuts
Es ist Samstag
18. November
2017
Es ist schulfrei
Was schreibt die Zeitung?
Kurz und Strache schnüren strenges Sicherheitspaket
Was spielen die Theater?
Music for a While, Forever Young, Wunderland!, Das Sparschwein
Es ist Sonntag
19. November
2017
Es ist schulfrei
Was spielen die Theater?
Matinee zur Operette "Eine Nacht in Venedig", Auf Flügeln des Gesanges, Wunderland!
Es ist Montag
20. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Deutsch
Wer fehlt?
Martin Ou, Marlene Moosbauer, Twinkle Niedo, Michaela Arbeithuber, Civan Sahin, Matts Sandhacker
Was schreibt die Zeitung?
Klimagipfel: Konferenz der kleinen Schritte
Was spielen die Theater?
Schaf, Music for a While, Zebras, Zombies und Zigarren
Es ist Dienstag
21. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Geographie
Wer fehlt?
Michaela Arbeithuber
Was schreibt die Zeitung?
Nach Aus für "Jamaika": Merkel ist für Neuwahl
Was spielen die Theater?
Schaf, Die Frau ohne Schatten, Forever Young, Peter Pan, Frühlings Erwachen
Es ist Mittwoch
22. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Mathematik
Wer fehlt?
Michaela Arbeithuber, Martin Ou, Civan Sahin
Was schreibt die Zeitung?
Mindestsicherung: Luger schert aus SP-Linie aus
Was spielen die Theater?
Schaf, Die Frau ohne Schatten, Forever Young, Peter Pan, Frühlings Erwachen
Es ist Donnerstag
23. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Mathematik
Wer fehlt?
Michaela Arbeithuber, Jakob Schicho, Civan Sahin
Was schreibt die Zeitung?
Historisches Urteil: Mladic erhielt lebenslänglich
Was spielen die Theater?
Schaf, Peter Pan, Poetry Slam
Es ist Freitag
24. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Deutsch
Wer fehlt?
Michaela Arbeithuber, Civan Sahin
Was schreibt die Zeitung?
Streit in Bayern torpediert die Regierungsbildung
Was spielen die Theater?
Forever Young, Peter Pan, Geächtet
Es ist Samstag
25. November
2017
Es ist schulfrei
Was schreibt die Zeitung?
Kindergärten: ÖVP legt Gebührenmodell vor
Was spielen die Theater?
Rigoletto, Forever Young, Wunderland!, Antigone
Es ist Sonntag
26. November
2017
Es ist schulfrei
Was spielen die Theater?
40 Jahre Landesmusikschulwerk, Wunderland!, OÖN-Christkindl-Gala
Es ist Montag
27. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Deutsch
Wer fehlt?
Marvin Kaltenböck
Was spielen die Theater?
Eine Gala der Menschlichkeit
Es ist Dienstag
28. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Geographie
Wer fehlt?
Marvin Kaltenböck
Was schreibt die Zeitung?
Kassenfusionen: Zukunft des Linzer UKH offen
Was spielen die Theater?
Rigoletto, Forever Young, Geächtet
Es ist Mittwoch
29. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Mathematik
Wer fehlt?
Marvin Kaltenböck
Was schreibt die Zeitung?
Internet als Sucht: Künftig Auszeiten in den Schulen?
Was spielen die Theater?
Flo's Jazz Casino, Parzival Short Cuts,
Es ist Donnerstag
30. November
2017
Es ist Schule
1. Stunde
Mathematik
Wer fehlt?
Marvin Kaltenböck
Was schreibt die Zeitung?
Vergiftet vor laufender Kamera
Was spielen die Theater?
Rigoletto, Forever Young, Peter Pan, Der Menschenfeind - wie Herr Molière zum Mörder wurde

04 DER STOTTERER

(Zum Bild: Ein junger Mann löst sich und versucht, einen Text zu lesen. Er kommt über den ersten Buchstaben nicht hinaus. Es ist ganz still. Fiebernd.)
(Ein junger Mann)

05 KÜRNBERGER WALD

(Bassbariton)

Tief unten liegt das Donautal
von dichtem Wald umbettet
so wie einst
fast so wie einst
Wie die schöne Königstochter Kriemhild
und der dunkle Hagen
so wandern wir
im Kürnberger Wald
Da plötzlich fernes Donnergrollen
graue Wolkenfetzen,
erste Tropfen
Gespinste
Und anstatt der Nibelungen Schwertgeklirr
schrillt von ferne her
der Pfiff der Mühlkreisbahn
im Kürnberger Wald
Und es regnet und es regnet
und es regnet und es regnet
und wir rennen und wir rennen
und wir rennen und wir rennen
Wir zwei wir zwei
Regen Regen
wir zwei wir zwei
patschnass patschnass
Und dann halte ich sie in den Armen
wir zwei wir zwei
Regen Regen
wir zwei wir zwei
patschnass patschnass
Sag es, sag es, was ist mit dir geschehen?
Was?
Es regnet im Kürnberger Wald
Tropfen
Regen
Dunkel
Geli
Regen
Im Kürnberger Wald
Regen
Dunkel
Kürnberger Wald

06 AUFSTEHEN SETZEN

(Dieser Text kann als Bravour-Auftritt einer Sprechrolle angelegt werden oder als Wortballett mehrer Sprechstimmen. Virtuos. Text kann auch wiederholt oder teilweise wiederholt werden.)

Aufstehen Guten Morgen Setzen' Aufstehen Good Morning Children Good Morning Ma'm Sit Down Please Setzen' Ankommen Aufstehen Ein paar Ein paar nicht Bitte Setzen Guten Tag Setzen' Aufstehen Hallo Wir auch Hallo Setzen' Aufsperren Reingehen Bitte setzen Hallo Setzen' Eintreten Aufstehen Guten Morgen Guten Morgen Setzen' Reinkommen Guten Tag Aufstehen Guten Tag Setzen' Hinkommen Hallo Türe öffnen Eintreten Reingehen Setzen' Ankommen Aufsperren Eintreten nichts sagen' Hinkommen Eintreten Guten Tag Platz suchen Setzen' Hinkommen Reingehen Hallo Platz nehmen' In die Klasse gehen Morgen setzen murmeln Setzen Morgen murmeln' Eintreten Begrüßen Good Morning Take a seat Setzen Morning Good Morning Thanks' Reinkommen Taschen abstellen Bonjour Asseyez vous Merci Bonjour Madame Setzen' Reinlaufen Türe zuschlagen Morgen Setzen Aufschrecken Alle Setzen' Hallo Guten Morgen Aufsperren Zu den Plätzen Grüß Euch Danke Setzen' Rucksack Lehrerpult Setzen danke Setzen beziehungsweise teilweises Setzen' Durch den Gang laufen Hallo Guten Morgen Türe öffnen Plätze suchen Setzen' Aufsperren Umziehen Hineingehen In einen Kreis setzen Hallo Servus Grüß Euch' Ankommen Aufsperren Reingehen Hinsetzen' Aufsperren Grüß Euch Platz nehmen' Reinstürmen Türe schlagen Guten Tag Guten Tag Setzen

07 DIE KUNST DES AUFZEIGENS

(Ballett. Eventuell alle, die auf der Bühne sind. Orchestermusik, Chor!)

Hintergrundtexte
 
Will ein Schüler „drankommen“, bewirbt er sich offiziell um sein Rederecht. Er zeigt auf. In der Regel geschieht das durch den nach oben gestreckten Arm. Wie zeigt man richtig auf? Wie melde ich mich, wie mache ich mich bemerkbar und wie oft soll ich das in einer Stunde tun? Demonstriert man, um endlich „dranzukommen“, aufgeregt ein dringendes Bedürfnis, zeigt man - eher genervt, dass man eine lästige Pflicht absolviert und halt einfach nur mitmacht? Oder zieht man sich vielleicht überhaupt besser mit einer ironischen Geste zurück? Wie ernst nimmt man den Unterricht?
Wer eine Schulstunde von außen - wie ein fremdes Ritual - betrachten würde, könnte sogleich eine breite Palette von Möglichkeiten des Aufzeigens und Drankommen-Wollens erkennen, vielleicht sogar ein Ballett der Hände
entdecken.
Arten, wie sich Schüler melden: Der ganz Normale / Der sich mit 2 Händen meldet / Der mit dem Finger an der Nase hängenbleibt / Der sich mit seiner ganzen Hand meldet / Der mit der anderen Hand / Der Winkende / Der mit 2 Händen winkt / Der beim Winken ruft / Der schon halb Schlafende / Der schon ganz Schlafende / Der sich rückwärts meldet / Der sich mit einem Stift meldet / Der ganz woanders hinguckt / Der dabei redet / Der sich mit 2 Stiften meldet / Der nicht merkt, dass er drangenommen wurde / Der beim Melden schnippst / Der Klatschende / Der sich in Gedanken meldet / Der sich noch mal überlegt / Der sich faul meldet / Der rein ruft / Der sich einfach nur so meldet / Der kleine Finger / Der es nicht richtig schafft / Der mit dem Kugelschreiber knipst ...

08 BERNHARD DOPPLER ERZÄHLT VON ERICH GINTNER

(Bernhard Doppler erzählt)

Im Jahresbericht 1938/39 ist Erich Gintner als neuer Lehrer angeführt - seit 3.1.1939. Vom 19. bis 25.2.1939 - es war Fasching - war er beim Schikurs der 6b in der etwas abgelegenen Stainacherhütte auf der Tauplitzalm. Er wurde von den Schülern "Zick" genannt, er war, heißt es im Bericht der Schüler, immer "mit uns", vermutlich auch am Abend, wenn, wie es im Bericht heißt, "größte Lustigkeit" herrschte, man Punsch trank und im nahen Karl-Holl Haus tanzte.
Es gab fünf Turnlehrer bzw. Turnassistenten im Akademischen Gymnasium 1938/39, die ausschließlich "Leibeserziehung" unterrichteten, drei weitere unterrichteten es als Nebenfach, neben Kunsterziehung, Griechisch oder Mathematik, zwei davon waren zur "Wehrdienstleistung eingerückt", ein weiterer war zum Hochschulinstitut für Leibesübungen beurlaubt worden.
Mein Vater hat den neu eingestellten Zick bei jenem Schikurs kennengelernt. Im Schuljahr 1939/40 war er dann ganz plötzlich verschwunden. Er gehörte einer Widerstandsgruppe an, stellte sich heraus - und ist, so zumindest das Gerücht in der Klasse, hingerichtet worden. Vermutlich stimmte das Gerücht auch.

09 DER STUMME CHOR

(Chor)

(Zum Bild)

(Die Erinnerung an das Foyer der Schule: Links die Steintafel zum Gedenken an "unsere" Toten des 1. Weltkriegs, rechts die Steintafel zum Gedenken an "unsere" Toten des 2. Weltkriegs. Zwei Mal legen wir die Welt in Schutt und Asche und hauen die Namen der Soldaten in Stein - von den Vertriebenen und Massakrierten sehen wir nix.

Es ist ein großer, sehr eindringlicher Chor. Ein auskomponierter Chor, von dem aber nichts zu hören ist. Wir sehen nur die Mundbewegungen und die schreienden Augen. Und wir bitten damit um Vergebung. Meine Kinder fragen mich, bei entsprechender Gelegenheit, wie es möglich ist, dass wir (und die Deutschen) zwei Mal die Welt in Schutt und Asche legten. Das hat sonst kein anderes Volk oder Land geschafft.)

Sängerinnen und Sänger:
Links die Tafel zum Gedenken an die Toten des Ersten Weltkriegs
Chor (stumm):
"Unsere" Toten
Sängerinnen und Sänger:
Rechts die Tafel zum Gedenken an des Zweiten Weltkriegs.
Chor (stumm):
"Unsere" Toten
Schauspielerinnen und Schauspieler:
Zwei Mal legten wir die Welt in Schutt und Asche
Und zwei Mal meißelten wir dann die Namen der toten Soldaten in Stein.
Chor (stumm):
Wo? Wo? Wo? Wo? Wo?
Wo sind die Namen der anderen?
Vertriebenen? Der Ausgestoßenen?
Wo? Wo? Wo? Wo? Wo? Wo?

10 ÜBER DAS STOTTERN

(Der "alte" Herr spricht)
 
Er weiß, dass er wieder drankommt. Immer wieder müssen sie in Deutsch, in Englisch, in Französisch oder in Latein vorlesen. Aus dem Buch vorlesen. Und seit der 1. Klasse bringt er dabei keinen Laut heraus. Höchstens den ersten Buchstaben. Niemand tut etwas. Auch er selbst nicht. Er revoltiert nicht und verweigert nicht.
Nein, im Gegenteil: acht Jahre lang quält er sich und wird gequält, gedemütigt und blossgestellt. Kein Lehrer sagt etwas, kommt zu ihm oder hilft ihm. Oder spricht wenigstens mit ihm darüber. Niemand, weder Professorin K, die andere Professorin K, Professor M oder Professor R. Man könnte auch sagen: "Komm, jetzt hören wir auf mit diesem sinnlosen Blödsinn. Schauen wir, was dir hilft." Nein, er kommt wieder dran. Scheitert. Kommt dran und scheitert. Täglich einige Male, fünf Tage die Woche, acht Jahre.
Er hat solche Angst. Er zittert. Sein Kopf glüht. Er möchte sich umbringen vor Scham. Dann wäre er oben bei den Engeln.

11 BEI DEN ENGELN

(Tenor singt)

Ich habe solche Angst. Ich zittere. Mein Kopf glüht. Ich möchte mich umbringen vor Scham. Dann wäre ich oben bei den Engeln.

12 LEHRSTÜCK

(Alle Schauspieler = eine "alte" Dame, ein "alter" Herr, 3 Damen, 4 Herren. Dichte Szene.
Material aus Robert Walsers "Jakob von Gunten", Heinrich Manns "Professor Unrat" und diversen Internet-Foren. Einzelne Akkorde als Hintergrund und/oder Akzentuierung.)

(Die Reihenfolge der einzelnen Textblöcke kann auch geändert werden.)

Kenntnisse werden uns keine beigebracht.
Es fehlt an Lehrkräften, das heißt die Herrn Lehrer schlafen, oder sie sind tot oder nur scheintot oder sie sind versteinert, gleichviel, jedenfalls hat man gar nichts von ihnen.
An Stelle der Lehrer, die aus irgendwelchen Gründen tatsächlich totähnlich daliegen und schlummern, unterrichtet und beherrscht uns nun eine junge Dame. Wir stehen alle von den Plätzen auf, wenn sie erscheint. Hat die Lehrerin Platz genommen, so dürfen wir uns auch wieder setzen. Sie klopft mit dem Stab dreimal kurz und gebieterisch hintereinander auf die Tischkante, und der Unterricht beginnt.
Ich merke immer mehr, dass ich ein schrecklicher Lehrer bin. In dem Job geht es nur ums Bluffen. Ich kann aber nicht bluffen. Bin kein guter Schauspieler. Man merkt mir an, wenn ich von den Schülern genervt bin. Und schlafe kaum noch, weil die Vorbereitung so viel Zeit kostet. Und jeden Tag werden meine gut vorbereiteten Stunden von den Schülern in Stücke gehauen. Immer, immer stören sie meinen Unterricht. Nie herrscht Ruhe, und nichts hilft.
Irgendwann, wenn man sich nicht mal zur Tafel umdrehen kann, ohne dass hinter dem Rücken das Geschrei losgeht, kann man einfach nicht mehr. Irgendwann, wenn der zehnte Schüler kommt und saudumme Fragen stellt (Darf ich mir was zu trinken kaufen? Darf ich das Fenster aufmachen? Darf ich mich umsetzen? Mein Heft ist leer, soll ich mir ein neues kaufen? Ich habe die Hausaufgabe mit Kugelschreiber gemacht, ist das schlimm? Ich finde das Blatt von letzter Stunde nicht, wo ist es? - alles mitten im Unterricht!!!), wird man nur noch aggressiv.
Dazu die ständigen Streitereien, immer ist es laut, die Schüler nehmen keine Rücksicht aufeinander. Einmal war ich krank. Ich sage in der Klasse: Ich bin erkältet, bitte seid heut nicht so laut. Hätte ich besser nicht machen sollen. An dem Tag haben sie Sprechchöre gebildet, nur um mich zu ärgern. Immer drauf auf den Lehrer! Der ist ja kein Mensch!!!
Ich habe einen sehr aufdringlichen und nervigen Lehrer. Ich hasse ihn einfach, ich mag ihn nicht und konnte ihn nie leiden. Ich bekomme Aggressionen, wenn ich ihn sehe. Ich besuche eine neue Schule. Und ich habe 2 Klassenlehrer. Eine Lehrerin, die ist ok. Aber den anderen Lehrer mag ich nicht. Er ist ein Pädo (: Und das jetzt ohne Witz. Am Anfang habe ich mir gedacht: Hm, ist halt ein Lehrer, aber nicht mein Typ.' Doch dann habe ich ihn etwas beobachtet und gemerkt, was für ein Mensch das eigentlich ist. Er ist mein Physik-, Mathe- und zugleich Sportlehrer. Ich habe mich einmal in Sport abgemeldet, damit ich ihn noch besser beobachten kann. Wir haben immer 2 Stunden Sport. Er hat immer auf die Ärsche geschaut von Mädchen, was mich richtig aufgeregt hat. Wir hatten dann die 4. Stunde, und zwar Mathematik. Ich habe mich oft bei ein paar Rechnungen nicht ausgekannt und habe aufgezeigt, damit er mir helfen kann. Er kam zu mir und streichelte mich am Rücken, am Nacken und kam immer näher zu meinem Gesicht. Daraufhin bin ich ohne zu zögern SOFORT aufgestanden und habe gefragt, was das soll. Die ganze Klasse schaute mich dumm an, doch meine Freunde ahnten, wieso ich geschrien habe. Dieser Lehrer macht mein Leben kaputt. Selbst in Mathe kann ich nicht aufpassen, weil ich ihn nicht leiden kann. Was soll ich tun? Ich glaube, ein paar unter euch wissen, wie es sich anfühlt. (Besonders die Mädchen, falls ihr so einen Lehrer habt) Und nein, ich werde nicht zum Direktor gehen, weil das kein Stück hilft. Denn wer wird mir schon glauben?
Ich sehe mich immer von den Schülern hinterrücks angefeindet, betrogen, gehasst. Sie sind meine Erbfeinde. Ab ins Kabuff. Ich bin wie einer von ihnen, Ich rede wie sie. Ich denke wie sie. Man muss sie hineinlegen, man muss sie vom Ziel der Klasse zurückhalten. Ab ins Kabuff.
Ja, fürwahr. Ich strafe im Ernst. Schule ist Ernst und Wirklichkeit. Trägheit verderblich. Verderblich für die Gesellschaft. Ab ins Kabuff.
Er ist sowas von inkompetent und so ein Ar*chloch. Ich bin eigentlich ein guter Schüler und hatte die letzten Jahre bei anderen Lehrern immer etwas zwischen 1 und 2, aber seit ich ihn hab, bin ich plötzlich ein Problemfall? Zunächst mal ist seine Art zu unterrichten ein einziger Reinfall, nach 10 Minuten alleine lernen, weiß ich mehr als nach 4 Stunden Unterricht bei ihm. Es wäre produktiver und kostensparender seinen nutzlosen Beamtena...sch mit einem Haufen Chemiebücher zu ersetzen. Dann müssten wir weder seinen Anblick noch seinen widerlichen Charakter ertragen und würden weit mehr lernen, als wir es in seinem Unterricht je tun würden. Dazu kommt noch, dass er immer auf die gleichen Schüler geht und sie vor der Klasse demütigt.
Wenn es gut läuft, unterrichte ich 20 Minuten in einer Schulstunde, die restlichen 25 Minuten verbringe ich mit Ermahnen, Erziehen und Beruhigen. Ein Schüler wälzt sich auf dem Boden hin und her. Ein anderer steht auf und bespuckt seine Mitschüler. Ein Junge schreit so laut, dass ich denke, mir platzt das Trommelfell. Ein Schüler fängt an zu singen, ein anderer führt Selbstgespräche. Einer leckt die Wand ab. Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich arbeite nicht mehr mit den Schülern, sondern gegen sie.
Welch ein Unterricht. Es ist wenig, und wir wiederholen immer, aber vielleicht steckt ein Geheimnis hinter all den Nichtigkeiten und Lächerlichkeiten.
Ich hasse es, wenn ein Lehrer jemanden drannimmt, obwohl man sich nicht meldet! Man ist ja in der Schule, um zu lernen, und man kann ja beim ersten Mal nicht alles wissen! Deswegen geht man ja auch zur Schule - um zu lernen!!! Außerdem meldet man sich nur, wenn man die Lösung hat, ist ja auch das Zeichen dafür. Die Lehrer finden es wohl witzig, uns leiden zu sehen!
Lächerlich? Uns Knaben ist niemals lächerlich zumute. Unsere Gesichter und unsere Manieren sind sehr ernsthaft. Kraus lacht nie, und wenn es ihn hinreißt, dann nur ganz kurz, und dann ist er zornig, dass er sich zu einem so vorschriftswidrigen Ton hat hinreißen lassen. Die erforderliche Lustigkeit und Lässigkeit fehlt uns. Irre ich mich? Wir reden Dummheiten miteinander, oft auch Ernstes, aber unter Vermeidung großer Worte. Schöne Worte sind viel zu langweilig.
Die Schüler merken natürlich, dass ich überfordert bin. Ich glaube, sie machen das sogar mit Absicht. Ich hasse meinen Beruf. Am liebsten würde ich alles hinschmeißen. Mir graust es vor morgen. Ich hasse das Klassenzimmer. Ich hasse diese dummen, gemeinen, unerzogenen Kinder, die sich daran freuen, mich zu ärgern, mich zu verarschen und mich durch dumme Fragen abzulenken. Ich kann einfach nicht mehr!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Also da gibt es so einen Lehrer, der mich nie drannimmt. Ich könnte auch ein Schild hochhalten mit „Hier bin ich“. Der nimmt mich nie dran. Aber wenn ich mal nicht aufzeige, nimmt er mich dran. Und bei anderen macht er das nicht. Sondern nur bei mir. Und ich habe das Gefühl, dass er denkt, ich wäre dumm oder ich könnte nichts. Der regt mich echt auf.
Ich kenne sie alle. Ich vergesse nichts. Die Stadt ist voll von ehemaligen Schülern. Die Schule endet für mich nicht an der Hofmauer. Sie erstreckt sich über alle Häuser, auf alle Altersklassen ihrer Bewohner. Überall sitzen sie, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, die sich nicht vorbereitet hatten, die mich ärgern wollten. Versuchen Sie es nur, von ihnen habe ich schon drei gehabt. Ich hasse ihre ganze Familie. Ab ins Kabuff!
Mein Lehrer macht einen ständig vor der Klasse runter, wenn man was nicht kann. Und auf mich hat er einen besonderen Pick. Er meinte heute, dass ich beim nächsten Test einen Fünfer schreiben würde und ich mich schon darauf freuen könnte, wenn ich das Jahr wiederhole. Tickt es bei dem Typ eigentlich noch? Was soll denn das?
Man hat immer wieder solche Mistlehrer, entweder schaltet man auf Durchzug oder man ist schlagfertig. Aber das Gesülze sollte man sich bloß nicht zu Herzen nehmen.

13 DAS ALPHABET DER WELT

(Eventuell sagt jemand die Arie an: "Das Alphabet der Welt" ... oder so ähnlich.)

(Bariton singt)

A, B, C, D, E, F, G, H, I, J, K, L, M, N, O, P, Q, R, S, T, U, V, W UND X, Ypsilon und Z. Und ab und zu Alpha, Beta, Gamma, Delta und Pi. Das Alphabet der Welt.

14 DER GROSSE SCHLAF

(Sängerin, Sänger, Sprecher, Chor)

(Ein Klang, der "atmet" wie ein Mensch. Richtig tief. Einatmen = ein Akkord / Ausatmen = anderer Akkord
Das wird wiederholt, bis es zu einem "Stellungswechsel" kommt, wie wenn sich jemand im Bett umdreht,
dann klingen zwei andere Akkorde.
Die Schlafakkorde schwellen immer mächtiger an, so tiiiiiieeeef schlafen alle,
dann großes, langsames Abschwellen und versickern des Klangs --------------------------------- Niente)
 
Jemand spricht:
Hypnos kann Götter, Menschen und Tiere in den Schlaf versetzen. Und sein Bruder Thanatos schickt sogar jeden Menschen ohne Vorwarnung in die "ewige" Ruh', also in den Tod! Die beiden sind Söhne der Nyx, der Nacht. Es heißt, daß sie die beiden vaterlos zur Welt brachte. So wie Maria Jesus. Andere sagen, daß der Erebos, die fürchterliche Finsternis, seinen Anteil daran hatte.
Nyx, Hypnos und Thanatos sind immer zusammen. Und wer zu ihnen vordringen möchte, muß durch die große Vergeßlichkeit waten, durch Lethe. Hypnos hat auch meist seine Kinder im Gefolge: Morpheus, Phobetor und Phantasos. Sie sind Gestalt, Schrecken und Fantasie. Angeblich hat Hypnos aber weit mehr Kinder. Man weiß es nicht.
Hypnos hat sogar Zeus schon einmal in den Schlaf versetzt. Das war auf Bitte der Gattin Hera, die ungestört Jagd auf Herakles machen wollte. Als Zeus aufwachte, wurde er rasend vor Wut. Er verfolgte Hypnos, der aber schleunigst zu seiner Mutter Nyx floh. Dort war dann Schluß. Denn mit der Nacht wollte sich selbst Zeus nicht anlegen.
Hypnos erfüllt auch die Bitten von Heroen, also von Helden und Halbgöttern wie Ariadne, Elektra, Medea, Achilles, Herakles oder Theseus. Aber besonders den Menschen ist er immer freundlich zugetan. Darum gilt Hypnos als ruhiger und sanftmütiger Gott, der Menschen in ihrer Not hilft und als Schlaf die Hälfte ihres Lebens besitzt. Die Hälfte ihres Lebens! Kein Witz!
Seine Mutter Nyx trägt ihre beiden Söhne Hypnos und Thanatos – der eine ist weiß, der andere schwarz – oft auf ihren Armen. Selbst jetzt, wo sie groß sind. Insgesamt macht Hypnos' Familie also sechs Personen aus: Mutter Nyx, Bruder Thanatos, die Kinder Morpheus, Phobetor und Phantasos und natürlich Hypnos selbst.
Und alle sechs wohnen in der Schule!
(Elfriede Jelinek weiß das natürlich schon lange. Deshalb sagt sie: In die Schule gehen ist wie in den Tod gehen, ohne diesen zu kennen, aber wer kennt den schon? Vom Tod kann man nachher auch nichts mehr erzählen. Aber auch die Schule kennt man erst, wenn man sie hinter sich hat. Das haben beide wieder gemeinsam, der Tod und die Schule. Man weiß vorher eben nicht, wie und ob es sich ausgeht ...)
Vergleiche Homer, Ilias 14, 230–360

15 PAUSE

Es klingelt eine richtige Pausenglocke.
Eine „echte“ Schulpause. Kaum klingelt es, springen alle auf, rennen herum, machen ihre eigenen Sachen. Das kann auch durchaus im Zuschauerraum sein oder sonstwo. Wie halt in der Schule ... Aber was machen denn die Schüler in der Pause wirklich?
Es klingelt wieder – attacca fängt TABLEAU VIVANT II an, - alle suchen ihren „richtigen“ Platz.

16 TABLEAU VIVANT II

Nach dem Klingeln formieren sich alle schnurstracks wie beim ersten Bild.
Musik.

17 DIE HERRSCHAFT DES WAHNSINNS

Sprechchor (inkl. S1, S2, ME, TE, BA, BB)
D1, D2, D3 = Schauspielerinnen
H1, H2, H3, H4 = Schauspieler

Chor (alle?): Leistungsbeurteilungsverordnung
D1: Paragraph 14
Chor: Beurteilungsstufen
 Noten
H1: Berücksichtigter Stand der Gesetzgebung
D1: 10.08.2019
H1: Absatz 1
Chor: Absatz 1
H2: Für die Beurteilung der Leistungen der Schüler bestehen folgende Beurteilungsstufen (Noten):
D1: Sehr gut
Chor: (1),
D1: Gut
Chor: (2),
D1: Befriedigend
Chor: (3),
D1: Genügend
Chor: (4),
D1: Nicht genügend
Chor: (5).
H1: Absatz 2
Chor: Absatz 2
H2: Mit „Sehr gut“ sind Leistungen zu beurteilen, mit denen der Schüler die nach Maßgabe des Lehrplanes gestellten Anforderungen in der Erfassung und in der Anwendung des Lehrstoffes sowie in der Durchführung der Aufgaben in weit über das Wesentliche hinausgehendem Ausmaß erfüllt und, wo dies möglich ist, deutliche Eigenständigkeit beziehungsweise die Fähigkeit zur selbständigen Anwendung seines Wissens und Könnens auf für ihn neuartige Aufgaben zeigt.
H1: Absatz 3
Chor: Absatz 3
D2: Mit „Gut“ sind Leistungen zu beurteilen, mit denen der Schüler die nach Maßgabe des Lehrplanes gestellten Anforderungen in der Erfassung und in der Anwendung des Lehrstoffes sowie in der Durchführung der Aufgaben in über das Wesentliche hinausgehendem Ausmaß erfüllt und, wo dies möglich ist, merkliche Ansätze zur Eigenständigkeit beziehungsweise bei entsprechender Anleitung die Fähigkeit zur Anwendung seines Wissens und Könnens auf für ihn neuartige Aufgaben zeigt.
H1: Absatz 4
Chor: Absatz 4
H3: Mit „Befriedigend“ sind Leistungen zu beurteilen, mit denen der Schüler die nach Maßgabe des Lehrplanes gestellten Anforderungen in der Erfassung und in der Anwendung des Lehrstoffes sowie in der Durchführung der Aufgaben in den wesentlichen Bereichen zur Gänze erfüllt; dabei werden Mängel in der Durchführung durch merkliche Ansätze zur Eigenständigkeit ausgeglichen.
H1: Absatz 5
Chor: Absatz 5
D3: Mit „Genügend“ sind Leistungen zu beurteilen, mit denen der Schüler die nach Maßgabe des Lehrplanes gestellten Anforderungen in der Erfassung und in der Anwendung des Lehrstoffes sowie in der Durchführung der Aufgaben in den wesentlichen Bereichen überwiegend erfüllt.
H1: Absatz 6
Chor: Absatz 6
H4: Mit „Nicht genügend“ sind Leistungen zu beurteilen, mit denen der Schüler nicht einmal alle Erfordernisse für die Beurteilung mit „Genügend“
Chor: Siehe Absatz 5
H4: erfüllt.

18 BERNHARD DOPPLER ERZÄHLT VOM BESUCH IN AMERIKA

(Bernhard Doppler erzählt)
Bethesda ist eine Siedlung nordwestlich von Washington im US-Bundesstaat Maryland. Hierhin sind wir eingeladen, Peter Androsch und ich: in das Haus von Herrn und Frau Kafka.
Man holt uns mit dem Auto vom Hotel ab. Frau Kafka, 88 Jahre alt, lenkt den Wagen. Herr Kafka, 95, ist mit seiner Arbeit – er ist praktizierender Psychoanalytiker – für heute zu Ende. Der alte Mann ist mit dem Akademischen Gymnasium eng verbunden und hatte auch indirekt mit Adolf Hitler zu tun. Er ist der Neffe des Hausarztes von Hitlers Mutter, Eduard Bloch, den Hitler – obwohl Bloch Jude war – so schätzte, dass er ihn arisieren wollte. Eduard Bloch emigrierte in die USA.
John Kafka besuchte zwei Jahre die Spittelwiese. Sein Freund war der Oberstreber Hillbrand. Doch dessen Eltern hatten den Kontakt verboten, sie waren keine Nazis, aber überzeugte Antisemiten, wie John Kafka erzählt.
John S. Kafka ist dort aufgewachsen, wo, wie er sagt, im Herbst 1934 in Österreich die sozialistische Revolution begonnen hatte: beim Linzer Centralkino. Schon 1935, also vor dem Anschluss, nahm ihn sein Onkel aus der Schule. Er schickte ihn nach Frankreich – was er sehr schrecklich fand –, zunächst in ein Internat in Montpellier, dann in eine öffentliche Schule. In Frankreich wurde er zu Jean. Schließlich emigrierte er mit der Familie in die USA, wo aus Jean ein John und aus Siegmund ein S mit Punkt wurde.
John Kafka gehört zu den führenden Psychoanalytikern und hatte auch sogleich Kontakt zu den nach Amerika emigrierten Schülern Freuds, Theodor Reik, Kurt Eissler, Erich Fromm usw. Er beschäftigte sich sogar mit dem nationalsozialistischen Zweig der Psychonalytischen Gesellschaft, den es auch gab. Die ausgesprochene „Verrücktheit“ des Holocaust führte zu Kafkas Beschäftigung mit Psychosen und zur Arbeit mit Psychotikern, die ihn auch bekannt machte. (Sein Buch „Jenseits des Realitätsprinzips: Multiple Realitäten in Klinik und Theorie der Psychoanalyse“ gilt als Standardwerk.)
Was sich in der Wohnung in Washington, Bethseda, zeigt, ist aber nicht nur das Geschäftsleben der in Linz und Urfahr eingesessenen Familie Kafka, sondern auch ihre Verbindungen zur literarischen Szene Wiens: etwa seines Onkels Rudolf Kafka, der bei seinen Wien-Aufenthalten mit Peter Altenberg die sehr jungen Mädchen teilte.
Am Ende des Washingtoner Abends – es wird Whisky gereicht – bestaunen wir im Wohnzimmer das „Lebende Bild“ eines großen US-Familienfotos: eine imponierende Gattin, Kinder, Zwillingsenkelkinder.
Was von den Kafkas aus Linz und Urfahr geblieben ist? John Kafka zeigt uns ein Maßband, ein Werbegeschenk seines Vaters und Onkels: „J. u. S. Kafka: Konservenfabrik“ ist darauf zu lesen.

19 SEIT WIR TOT SIND

(Sprecher, Sopran, Sopran)

Sprecher: Wir hören das Duett "Seit wir tot sind"
 von Angela Raubal und Frieda Schauberger

Frieda: Geli
Geli: Frieda
Frieda: Geli
Geli: Frieda
Frieda: Geli
Geli: Frieda
Geli: Seit ich tot bin
 Bin ich die tote Nichte
 Vom Prinzregentenplatz
 Mit dem Loch in der Lunge
Frieda: Seit ich tot bin
 Liege ich am Balkon
 Der Kaiservilla
 Nackt und schiach
Geli und Frieda:
 Seit wir tot sind
 Sahen wir alle sterben
 Seit wir tot sind
 Sahen wir alle sterben
 Alle von früher und heute
 und noch viel mehr
 und noch viele mehr
Geli: Alle aus der Spittelwiese
Frieda: Alle aus der Münchner Kamarilla
Geli: Alle aus Bad Ischl
Frieda Und dein Emil Maurice aus Westermoor
Geli: Und dein Maxi Böhm von der Metropol-Bar
 ... mit seinen achtzigtausend Witzen
Frieda: Seit ich tot bin
 Denk ich an die wilde Zeit
 Schon als Kinder
 In der Schul’ b’soff’n
Geli: Seit ich tot bin
 Seh ich den Lehrer Foppa
 Bier in die Schule bringen
 Und toten Fisch
Geli und Frieda:
 Seit wir tot sind
 Sahen wir alle sterben
 Seit wir tot sind
 Sahen wir alle sterben
 Alle von früher und heute
 Und auch Hermann, Robert und Jörg
 (die nicht aufhören konnten)
Geli: Seit ich tot bin
 Seh ich den armen Dr. Klug
 Liebe ich den Alfred
 Im Regen im Kürnberger Wald
Frieda: Seit ich tot bin
 Bin ich mit Dir und
 Onkel Wolf
 Raus aus München hinaus
Geli: Hinaus in die Natur
Frieda: Hinauf nach Bayreuth
Geli: Hinauf an die See
Frieda: Hinauf auf den Berghof
Geli und Frieda:
 Mit Mama und mit Leo
 Und mit Rudolf und mit Putzi
 Und dem Bechstein-Klavier
Geli und Frieda:
 Seit wir tot sind
 Sahen wir alle sterben
 Seit wir tot sind
 Sahen wir alle
 Und noch viele Millionen mehr
 Millionen mehr
 Seit wir tot sind
 Sind wir tot
Sprecher: Von der Maturaklasse 1927 sind naturgemäß alle tot.
 Kurt Fink ist tot.
 Gottfried Fosen ist tot.
 Johann Groll ist tot.
 Alois Gruber ist tot.
 Walter Hemmelmayr ist tot.
 Karl Hölzl ist tot.
 Franz Huber ist tot.
 Josef Jilka ist tot.
 Alfred Klimesch ist tot.
 Helmut Kühnelt ist tot.
 Alfred Maleta ist tot.
 Arnold Pillinger ist tot.
 Karl Plank ist tot.
 Angela Raubal ist tot.
 Frieda Schauberger ist tot.
 Wolfgang Schwinner ist tot.
 Herbert Toscany ist tot.
 Josef Wagner ist tot.
 Josef Wallner ist tot
 (und darüberhinaus sind noch viele Millionen mehr tot.)
 
20 DIE ZERSTÖRUNG DER WELT DURCH UNTERICHT

(Sehr flott gebautes Wortballett - für Sprechstimmen, für einige, für viele, für alle?)

L, L, L, L, L, L, L, L
Le, Le, Le, Le, Le, Le, Le, Le
Lei, Lei, Lei, Lei, Lei, Lei, Lei, Lei
Leis, Leis, Leis, Leis, Leis, Leis, Leis, Leis
Leist, Leist, Leist, Leist, Leist, Leist, Leist, Leist
Leistu, Leistu, Leistu, Leistu, Leistu, Leistu, Leistu, Leistu
Leistun, Leistun, Leistun, Leistun, Leistun, Leistun, Leistun, Leistun,
Leistung, Leistung, Leistung, Leistung, Leistung, Leistung, Leistung, Leistung

21 ZEUGNISARIE

(Mezzo)

(Text besteht nur aus dem, was auf einem Zeugnis steht: Namen, Daten, Gegenstände, Zeugnisnoten - sehr, sehr innig.)

Jahres-, Jahres-, Jahres-, Jahres-, Jahres-, Jahres-, -zeugnis, -zeugnis, -zeugnis
Schuljahr, Schuljahr, Schuljahr Zweitausendachtzehn-neunzehn, neunzehn, neunzehn
Verhalten in der Schule zufriedenstellend
Deutsch genügend Englisch gut
Latein genügend und Mathematik befriedigend
Biologie ein Gut Chemie genügend
Physik befriedigend
Geschichte und Geografie genügend
Musik und Bildnerische und Werkerziehung befriedigend
Bewegung und Sport und Psychologie und Philosophie und Informatik gut
Jahres-, Jahres-, Jahres-, Jahres-, Jahres-, Jahres-, Jahres-, -zeugnis, -zeugnis
Jahres-, Jahres-, Jahres-, Jahres-, Jahres-, Jahres-, Jahres-, Jahres-, -zeugnis, -zeugnis
geht über in

22 ZEUGNISMUSIK

23 DIE SCHULE IST SEHR ALT

Sprechchor (sehr bestimmt):
Es ist eine alte Schule
Die Schule ist sehr alt
Es gibt sie schon seit langer Zeit
So alt ist sie
Es gibt sie schon seit vielen Jahren
Seit hunderten von Jahren
Sie ist seit Generationen überkommen
So alt ist sie
Sie war seit langer Zeit alt
Sie ist seit langer Zeit alt
Und sie wird lange Zeit alt sein
So alt ist sie
Es ist eine alte Schule
Die Schule ist sehr alt
Es gibt sie schon seit Generationen
So alt ist sie
(Sehr sehr alt)
Tenor: Die Schule besteht schon lange
 Sie ist älter
 Traditionell
 Althergebracht
Sopran 1: Die Schule ist wohlbekannt
 Wohlbekannt wohlbekannt
Bariton: In der Stadt und auf dem Land
 Damals und heute
Sopran 2: Vergangenheit Vergangenheit
 Klassisch
Baßbariton: Ehemalig ehemalig
 Überliefert überliefert
 Geschichtlich
Mezzo: Historisch betagt
Alle Sänger: So alt ist sie
Chor:
Es ist eine alte Schule
Die Schule ist sehr alt
Sehr alt
Es gibt sie schon seit langer Zeit
So alt ist sie
Sie ist alt seit langer Zeit
So alt ist sie
Die Schule ist sehr alt
Ist sie seit langer Zeit
Sehr langer Zeit
So alt ist sie
Die Schule ist sehr alt
Tenor: Die Schule
Sopran1: Die Kinder
Bariton: Ist sehr alt
Sopran2: Sind heute
Baßbariton: Es gibt sie
Mezzo: Die Kinder
Tenor: Schon lange
Sopran1: Sind jung
Bariton: Urteilen
Sopran2: Koope-
Baßbariton: Und prüfen
Mezzo: -ration
Tenor: Bewerten
Sopran1: Und Demo-
Bariton: Benoten
Sopran2: -kratie
Baßbariton: Leistung
Mezzo: Die Kinder
Tenor: Wettstreit
Sopran1: Sind heute
Bariton: Teilen
Sopran2: Die Kinder
Baßbariton: Und herrschen
Mezzo: Sind jung
Tenor: Die Schule
Sopran1: Und wo ist
Bariton: Ist sehr alt
Sopran2: Die Zukunft?
Baßbariton: Es gibt sie
Mezzo: Wo ist die
Tenor: Schon lange
Sopran1 u.a.: Hoffnung
Chor, alle: Die Schule

24 DER STOTTERER FINE

beendet das Stück. "Es" ist nicht zu überwinden, - kein Wort kommt raus.
Fine

25 DER UNSTUMME CHOR

Chor: A-
Ein Schauspieler:
Links die Tafel zum Gedenken an "unsere" Toten des 1. Weltkriegs
Eine Schauspielerin:
Rechts die Tafel zum Gedenken an "unsere" Toten des 2. Weltkriegs
Ein anderer Schauspieler:
Zwei Mal legten wir die Welt in Schutt und Asche
Eine andere Schauspielerin:
Und zwei Mal schlugen wir dann
Der erste Schauspieler:
die Namen der toten Todbringer in Stein
Die erste Schauspielerin:
Und wo sind die Namen der anderen?
Chor:
Wo?
Wo sind die Namen der anderen?
Der Ausgestoßenen, der Vertriebenen?
Wo?
Wo?
Erich Quer
Adolf Fürst und Georg Krens
Felix Kurrein
Hans Kronberger
Paul Hartmann und Johann Kafka
Paul Eisenberger
Wer fehlt?
Wo sind die anderen?
Wo?
---
Diese Musiken können willkürlich in das Stück eingeschoben werden, wie reingeschnitten. Vielleicht sogar marktschreierisch angekündigt.

26 1938
Jemand: 1938

27 1968
Eine Stimme: Ein Klang des Jahres 1968

28 1999
Jemand: Der Klang von 1999

29 2019
Jemand: Das ist (eventuell) der Klang des Jahres 2019

Partitur

Mobirise

Die Kunst des Aufzeigens

Juni 2017 · Ausstellung · Fenster des Akademischen Gymnasiums

Von Anfang an bestimmte das Projekt "Die Schule" die Überzeugung, dass wir mit den Recherchen, Grabungen, Schlussfolgerungen und Ergebnissen nach außen gehen wollten. Damit positioniert sich die Schule auch als gesellschaftlicher Ort in der Stadt. Wer die Schule als Spiegel oder Membran begreift, kann sie nicht isoliert betrachten. Das brächte wohl nur unzureichende Erkenntnisse. Deshalb wurde schon 2017 begonnen, die unzähligen Fenster der Schule als allgemein zugängliche Ausstellungsfläche zu nützen.

Im Juni 2017 eröffnete ein eigener Abschnitt der großen Fensterausstellung:
Die Kunst des Aufzeigens

Will ein Schüler "drankommen", bewirbt er sich offiziell um sein Rederecht. Er zeigt auf. In der Regel geschieht das durch den nach oben gestreckten Arm. Wie zeigt man richtig auf? Wie melde ich mich, wie mache ich mich bemerk- bar und wie oft soll ich das in einer Stunde tun? Demonstriert man, um endlich "dranzukommen", aufgeregt ein dringendes Bedürfnis, zeigt man - eher genervt, dass man eine lästige Pflicht absolviert und halt einfach nur mitmacht?
Oder zieht man sich vielleicht überhaupt besser mit einer ironischen Geste zurück? Wie ernst nimmt man den Unterricht? Wer eine Schulstunde von außen - wie ein fremdes Ritual - betrachten würde, könnte sogleich eine breite Palette von Möglichkeiten des Aufzeigens und Drankommen-Wollens erkennen, vielleicht sogar ein Ballett der Hände entdecken.

Team: Marlene Bauer, Anna-Sophie Brocza, Michael Fellinger, Alexander Hundertpfund, Johannes Jeryczynski, Marvin Kaltenböck, Fabian Konz, Fabian Laresser, Anna Neswal, Matts Sandhacker, Jakob Schicho, Anna Tomaselli sowie Peter Androsch, Bernadette Chausse, Bernhard Doppler und Natalie Pichler (Fotos)


Hans Jean John

Juni 2017 · Ausstellung · Fenster des Akademischen Gymnasiums


Von Anfang an bestimmte das Projekt "Die Schule" die Überzeugung, dass wir mit den Recherchen, Grabungen, Schlussfolgerungen und Ergebnissen nach außen gehen wollten. Damit positioniert sich die Schule auch als gesellschaftlicher Ort in der Stadt. Wer die Schule als Spiegel oder Membran begreift, kann sie nicht isoliert betrachten. Das brächte wohl nur unzureichende Erkenntnisse. Deshalb wurde schon 2017 begonnen, die unzähligen Fenster der Schule als allgemein zugängliche Ausstellungsfläche zu nützen.

Im Juni 2017 eröffnete ein eigener Abschnitt der großen Fensterausstellung:
Hans Jean John

Hans Siegmund Kafka, 1921 in Linz geboren, besuchte das Akademische Gymnasium 1931 bis 1934. Auf Anraten eines Onkels aus dem Elsass wechselte er mit 14 Jahren die Schule und ging in Frankreich auf ein Lyceum. Dennoch besuchte er Österreich immer wieder, vor allem in den Schulferien. 1940 emigrierte er als Jean Kafka von Le Havre aus in die USA.
In Washington D.C. ist John S. Kafka noch heute als Pychoanalytiker tätig. Lange Zeit arbeitete er auch in der berühmten Chesnut Lodge am National Insititut of Mental Health. 2016 erschien sein Buch "Unveiling the Past - Discovery the New" (Enthüllung der Vergangenheit - Entdeckung des Neuen), das seine zahlreichen Forschungen auf dem Gebiet der Psychoanalyse zusammenfasst. Auf der Titelseite ist eines seiner eigenen Aquarelle zu sehen.
Mit der Linzer Gesellschaft war Hans Sigmund Kafka als Kind und Jugendlicher eng verbunden. Sein Vater betrieb eine Konservenfabrik und hatte Geschäfte in Linz und Urfahr. Nach dem frühen Tod seines Vaters übernahm der Linzer Armenarzt Eduard Bloch die Vormundschaft über Hans Kafka. Als Hausarzt von Hitlers Mutter hatte dieser Onkel die zweifelhafte Ehre als "Hitlers Edeljude" (siehe Historikerin Brigitte Hamann) zu gelten. Doch auch Eduard Bloch emigrierte in die USA.
In Linz war Hans Kafka im jüdischen Sport- und Turnverein, aber auch als Laienspieler mit seiner Nichte Grete Pollak sehr aktiv. Doch auch am Akademischen Gymnasium spürte er Antisemitismus, - weniger von den Mitschülern, als von deren Eltern. Sein bester Freund durfte plötzlich nicht mehr mit ihm spielen, weil Hans kein "Arier" war.

TEAM
Marlene Bauer, Anna-Sophie Brocza, Michael Fellinger, Alexander Hundertpfund, Johannes Jeryczynski, Marvin Kaltenböck, Fabian Konz, Fabian Laresser, Anna Neswal, Matts Sandhacker, Jakob Schicho, Anna Tomaselli sowie Peter Androsch, Bernadette Chausse und Bernhard Doppler, Bilder: Natalie Pichler und tw. privat

Der Keller

Juni 2018 · Ausstellung · Fenster des Akademischen Gymnasium


Von Anfang an bestimmte das Projekt "Die Schule" die Überzeugung, dass wir mit den Recherchen, Grabungen, Schlussfolgerungen und Ergebnissen nach außen gehen wollten. Damit positioniert sich die Schule auch als gesellschaftlicher Ort in der Stadt. Wer die Schule als Spiegel oder Membran begreift, kann sie nicht isoliert betrachten. Das brächte wohl nur unzureichende Erkenntnisse. Deshalb wurde schon 2017 begonnen, die unzähligen Fenster der Schule als allgemein zugängliche Ausstellungsfläche zu nützen.

Im Juni 2018 eröffnete ein eigener Abschnitt der großen Fensterausstellung:
Der Keller

Der Philosoph Slavoj Zizek analysiert in "The Pervert's Guide to Cinema" den Film "Psycho" von Alfred Hitchcock. Auf YouTube ist diese faszinierende Arbeit jederzeit nachzusehen. Zizek interpretiert das Haus von Mrs. Bates nach dem Strukturmodell der Psyche von Siegmund Freud: das Ergeschoß ist das Ego, der erste Stock das Über-Ich und der Keller das Es. Hier sitzen die Triebe, von welchen Zizek betont: "The drives are silent". Auch die Schule können wir so betrachten, als Stapelung verschiedener Ebenen. Und der Keller ist dabei wohl am interessantesten. Und so machte sich eine abenteuerlustige Truppe auf den Weg durch den Keller, um den Untergrund zu erforschen.

Die Fotos sind von Marlene Bauer, Anna-Sophie Brocza, Michael Fellinger, Johannes Jeryczynski, Marvin Kaltenböck, Anna Neswal, Jakob Schicho, Anna Tomaselli und Peter Androsch, bearbeitet von Natalie Pichler.


Die Sätze

Juni 2018 · Ausstellung · Fenster des Akademischen Gymnasium


Von Anfang an bestimmte das Projekt "Die Schule" die Überzeugung, dass wir mit den Recherchen, Grabungen, Schlussfolgerungen und Ergebnissen nach außen gehen wollten. Damit positioniert sich die Schule auch als gesellschaftlicher Ort in der Stadt. Wer die Schule als Spiegel oder Membran begreift, kann sie nicht isoliert betrachten. Das brächte wohl nur unzureichende Erkenntnisse. Deshalb wurde schon 2017 begonnen, die unzähligen Fenster der Schule als allgemein zugängliche Ausstellungsfläche zu nützen.

Im Juni 2018 eröffnete ein eigener Abschnitt der großen Fensterausstellung:
Die Sätze

Die Recherchegruppe aus acht Schülern der siebten Klasse erforschten, was aus Schülerinnen und Schülern geworden ist, die in den Achtzigern maturiert hatten. Damals war meist noch üblich, die Berufswünsche im Jahresbericht bekannt zu geben. Bei ganz wenigen ist in der betreffenden Spalte ein Strich zu sehen, der wohl auf die Unschlüssigkeit der Person verweist. Die meisten nahmen sich Universitätsstudien vor, die in der Tradition der Schule der letzten Jahrzehnte standen: Jus, Medizin, Germanistik, Lehramt.
Durch eine penible und oft auch unterhaltsame Recherche wurden die Lebenswege einiger Absolventinnen und Absolventen nachgezeichnet und mit den ursprünglichen Berufswünschen abgeglichen. Schon dadurch drängten sich gewisse Schlussfolgerungen auf. Diese wurden fast wie bei Haikus verdichtet und als Fantasie anregende Wandsprüche in der Durchfahrt zum Hof öffentlich gemacht.

Die Sätze
Rudolf trägt Ohrringe.
Sieghard geht noch immer den rechten Weg.
Franz macht dir ein Regal. Das kostet aber.
Klemens regiert die Schule.
Peter weiß nicht, was er will.
Charlotte singt Carmen.
Thomas arbeitet nicht weit von hier.
Karl Heinz raucht mit Heinz-Christian.
Hans Peter schläfert ein.
Bis Andrea euch scheidet.
Udo hat ein Buch geschrieben.
Die Sätze sind von Marlene Bauer, Anna-Sophie Brocza, Michael Fellinger, Johannes Jeryczynski, Marvin Kaltenböck, Anna Neswal, Jakob Schicho, Anna Tomaselli und Peter Androsch.

Bilder: Peter Androsch

Spiegel

Juni 2017 · Ausstellung · Fenster des Akademischen Gymnasiums


Von Anfang an bestimmte das Projekt "Die Schule" die Überzeugung, dass wir mit den Recherchen, Grabungen, Schlussfolgerungen und Ergebnissen nach außen gehen wollten. Damit positioniert sich die Schule auch als gesellschaftlicher Ort in der Stadt. Wer die Schule als Spiegel oder Membran begreift, kann sie nicht isoliert betrachten. Das brächte wohl nur unzureichende Erkenntnisse. Deshalb wurde schon 2017 begonnen, die unzähligen Fenster der Schule als allgemein zugängliche Ausstellungsfläche zu nützen.

Im Juni 2017 eröffnete ein eigener Abschnitt der großen Fensterausstellung:
Spiegel

Die Institution Schule kann aus unterschiedlicher Perspektive betrachtet werden, - sei es aus geschichtlicher, soziologischer oder kulturhistorischer. Klar ist, dass die Schule als Labor gesellschaftlicher Prozesse fungiert. Die Schule ist Spiegel der Gesellschaft. Ganz wörtlich und als Metapher.
Es spiegelt sich das Leben der katholischen Schriftstellerin Enrica Handel-Mazzetti, die gegenüber in der Spittelwiese über Jahrzehnte zurückgezogen lebte. Es spiegelt sich die Fassade der Gebäude vis-a-vis, genauso wie die Auslagen und Passanten, Überzeugungen, Leben, Konflikte.

Team: Marlene Bauer, Anna-Sophie Brocza, Michael Fellinger, Alexander Hundertpfund, Johannes Jeryczynski, Marvin Kaltenböck, Fabian Konz, Fabian Laresser, Anna Neswal, Matts Sandhacker, Jakob Schicho, Anna Tomaselli sowie Peter Androsch, Bernadette Chausse und Bernhard Doppler,

Bilder: Natalie Pichler

76. Jahresbericht

zum Schuljahr 1926/27 des Bundesgymnasiums zu Linz

Auch wenn die Schule, die sich heute Akademisches Gymnasium nennt, schon 1542 gegründet wurde und seither nahezu durchgängig existiert, gibt es doch eine Unzahl von Brüchen. Die einen sind politisch begründet wie z.B. in den Übergängen von der protestantischen Gründung zur Jesuitenschule nach der Gegenreformation. Die anderen durch Umorganisation, Namensänderung oder ähnlichem. So erklärt sich auch, weshalb der Jahresbericht zum Schuljahr 1926/27 (erst) als sechsundsiebzigster gezählt wird. Und weshalb die Schule zu dieser Zeit einfach "Bundesgymnasium" genannt wurde.

Der Maturajahrgang 1927 stellte sich im Laufe der Jahre, während derer viele Menschen Recherchen in und um die Schule bewerkstelligten, als besonders interessant dar. Einmal weil es mit Angela "Geli" Raubal eine besonders illustre Absolventin gab. Ihre Mutter war die Halbschwester von Adolf Hitler und "Geli" seine Lieblingsnichte. Umschwärmt wurde Raubal, wie es im Jahresbericht von 1927 steht, von ihrem Jahrgangskollegen Alfred Maleta, dem späteren ÖVP-Politiker und Nationalratspräsidenten. Diesen beiden Schulabgängern wie auch ihrem Geschichteprofessor Hermann Foppa galt eine besondere Aufmerksamkeit in den Recherchen.
Andererseits weil der Jahrgang darstellt, wie zunehmend Frauen in die höheren Schulen drängten. Die Öffnung für Mädchen hat 1922 mit Leopoldine Kranich begonnen. Bis 1935 haben jeweils ein bis vier pro Jahr maturiert. Aber 1935 verwehrte dann der Ständestaat den Mädchen den Schulbesuch. Bis 1948 gab es keine weiblichen Schüler. Schließlich maturierte Herlinde Razinger 1955 als erstes Mädchen nach dem Krieg. Doch bis 1966 blieb der Frauenanteil unter 10%. Inzwischen ist die Schule überwiegend weiblich.

Eine Ironie der Geschichte ist, dass erst Hitler die Spittelwiese zu einer überwiegend katholischen Schule gemacht hat. Die Nazis schlossen die konfessionellen Schulen. Die Mehrheit der nun heimatlosen Schüler suchte also einen Ersatz. Als humanistisches Gymnasium bot die Spittelwiese eine geeignete Alternative.

Deshalb ist hier der gesamte Jahresbericht 1926/27 im Faksimile nachzulesen.

Team: Peter Androsch und Martin Kraher

Schausachen

Dezember 2019 · Ausstellung · Linz

Die Designerin und Künstlerin Natalie Pichler begleitet das Projekt Die Schule von Beginn an und verarbeitete ihre Eindrücke und Erfahrungen, indem sie kleine, unauffällige, unbeachtete Fundstücke aus der Schule zu assoziativen Miniwelten arrangiert, zu hinterhältigen Kosmen, voller Querverweise und subtiler Rätsel.
Pichlers Assemblagen sind vom 1. Dezember bis 13. Februar in den Fenstern der Theater des Landestheaters (Orchesterprobensaal Musiktheater, Schauspielhaus an der Promenade, Kammerspiele) zu sehen.

Bilder: Lili Androsch

Die Schule - was ist das?

November 2019 · Linz

"Die Schule" ist ein künstlerisch-kulturelles Projekt, das die Geschichte des Akademischen Gymnasiums in Linz von 1918 bis heute, 2019/20, recherchiert, erzählt, besingt, be- und verarbeitet, herzeigt und vermittelt.

Die Seite die-schule.at macht die dabei entstandenen Arbeiten so weit wie möglich zugänglich. Sie versammelt Reportagen mit Text und Bild, Schaubilder, also Ausstellungen, Hörbilder, nämlich Audiobeiträge (manchmal auch als Videos), Archäologien ("Ausgrabungen") und Beispiele aus dem Musiktheater "Die Schule oder Das Alphabet der Welt" von Peter Androsch (Uraufführung Jänner 2020, Neues Musiktheater Linz).

Geschichtsarbeit als gesellschaftspolitisches und kreatives Projekt

„Historische Spurensuche“ und „entdeckendes Lernen“ vor Ort sind Handlungsanleitungen einer neuen Geschichtsbewegung in den 80er-Jahren. Diese Art der Geschichtsarbeit kann nicht nur als besonders anschauliche Form des historischen Lernens verstanden werden, sondern vor allem als ein gesellschaftspolitisches Projekt. Von gleicher Wichtigkeit ist der Ansporn, mit den eigenen Gedanken, Weltbildern, Positionen, Situationen kreativ umzugehen, daraus Neues zu entwickeln und die eigenen Anliegen zu reflektieren. „Grabe, wo du stehst“ – unter diesem Motto gründeten sich seit den späten 1970er-Jahren in Westeuropa und den USA zahllose sogenannte Geschichtswerkstätten. Ursprünglich handelte es sich um den Titel eines „Handbuches zur Erforschung der eigenen Geschichte“, das der schwedische Sachbuchautor Sven Lindqvist 1978 veröffentlichte (http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/14353)

Die Schule ist sehr alt

Die Geschichte des Akademischen Gymnasiums ist an sich schon europaweit einmalig. Als ältestes Akademisches Gymnasium zumindest Österreichs vom protestantischen Adel 1542 gegründet, in der Gegenreformation mit Zwang rekatholisiert, von Jesuiten übernommen. Dann als Staatsgymnasium auch ein Ort für jene, die ihre Kinder nicht total dem Katholizismus überlassen wollen. Gleichzeitig als Frucht der Gegenreformation ein Hort großdeutscher Sehnsucht. Im 20. Jahrhundert kamen in der Schule neben der Mehrheit der Katholiken (meist in den A-Klassen) Protestanten, Juden, Sozialisten, Kommunisten und Nazis zusammen. Aus dieser vergleichsweise kleinen Stadt - aus dem Umkreis der Schule also - kommen erstaunlich viele Menschen, die die Welt auf so unvergleichliche Weise geprägt haben, - nämlich als Massenmörder: Adolf Hitler, Adolf Eichmann, Ernst Kaltenbrunner, August Eigruber. Sie waren zwar nicht Schüler der Schule, aber haben quasi nebenan gelebt, gewohnt, gewirkt. Seit dem 19. Jahrhundert wird die Schule im Volksmund nach der Adresse „die Spittelwiese“ genannt.

Grabe, wo du stehst

Prototypische Menschen des 20. Jahrhunderts waren hier Schüler. Beginnend bei Ludwig Boltzmann, der sich im Schloss Duino am Dachboden erhängt, nicht lange bevor der Schüler der benachbarten Handelsakademie, Rainer Maria Rilke, dort seine "Duineser Elegien" schreibt, und durchaus erinnernd den Musikrevolutionär Anton Bruckner, ebenfalls in der Hofgasse in der Präparandie (Lehrerbildungsanstalt) hörend lernend und später Boltzmanns Klavierlehrer. Dann sehen wir in einem Blick zurück Josef Ressel, den Schiffsschraubenerfinder, Johannes Kepler, Lehrer hier, während die Schule Universität werden sollte, - was vom Wiener Hof verhindert wird, und die vertriebenen Schüler John S. Kafka, Neffe von Hitlers Hausarzt Eduard Bloch, - dann einer der führenden Psycholanalytiker der USA bis heute, sein Kollege Hans Kronberger, der Schöpfer der Atommacht des United Kingdom, mysteriös verstorben (ermordet?) in den 70er-Jahren, dann der Literaturwissenschaftler Alfred Doppler, - alle diese Figuren bewegen sich in einem recht kleinen Areal der Stadt: auf der Spittelwiese, ihrer Umgebung, kurz in Linz, Innere Stadt. (Heute leben in der Metropolregion Linz, laut Eurostat-Erhebung von 2012, rund 760.000 Menschen.)

Als der Musiker und Komponist Peter Androsch, selbst Absolvent des Akademischen Gymnasiums an der Spittelwiese in Linz, 2013 von Direktorin Erika Hödl gebeten wird, eine Maturarede zu halten, taucht er ein in das Archiv der Schule und erkennt dieses als „historischen Spielplatz“. Und somit beginnen Schülerinnen und Schüler mit ihrer Professorin Bernadette Chausse, Peter Androsch und Literaturwissenschafter Bernhard Doppler gemeinsam, Geschichte lebendig werden zu lassen. Die Themen ergeben sich durchaus assoziativ, manchmal durch trockene Archivarbeit, manchmal aus kreativen Ideen heraus. Eine umfassende, eventuell sogar wissenschaftliche Aufarbeitung dieser mehr als hundert Jahre, war nie das Ziel, viel mehr die Reanimation der alten Aufforderung: "Grabe, wo du stehst."

Programm

2019/20

Schaufenster Fensterschau
Archäologischen Fundstücken gleich präsentieren die Forscher*innen des Projektes Die Schule Recherchen, Grabungen und Trouvaillen der Öffentlichkeit.
Damit positioniert sich die Schule auch als gesellschaftlicher Ort in der Stadt. Schon 2017 wurde damit begonnen, die unzähligen Fenster – und teilweise auch Mauern – der Schule als immense, allgemein zugängliche Ausstellungsfläche zu nützen. Fünf Themenbereiche werden hier zur Schau gestellt: Die Kunst des Aufzeigens, Hans Jean John, Spiegel, Der Keller, Die Sätze.
Von Marlene Bauer, Anna-Sophie Brocza, Michael Fellinger, Alexander Hundertpfund, Johannes Jeryczynski, Marvin Kaltenböck, Fabian Konz, Fabian Laresser, Anna Neswal, Matts Sandhacker, Jakob Schicho, Anna Tomaselli sowie Peter Androsch, Bernadette Chausse, Bernhard Doppler u.a.
Ab sofort in den Fenstern des Akademischen Gymnasiums, Ecke Spittelwiese / Herrenstraße.

die-schule.at
Unter dem Stichwort "Reconstructing Spittelwiese" sind nahezu alle im Zusammenhang mit der SCHULE entstandenen Recherchen und Arbeiten von Schüler*innen, Lehrer*innen, Forscher*innen und Künstler*innen zugänglich.
Ab 1. Dezember 2019 auf www.die-schule.at

Schausachen
Die Designerin und Künstlerin Natalie Pichler begleitet das Projekt Die Schule von Beginn an und verarbeitete ihre Eindrücke und Erfahrungen, indem sie kleine, unauffällige, unbeachtete Fundstücke aus der Schule zu assoziativen Miniwelten arrangiert, zu hinterhältigen Kosmen, voller Querverweise und subtiler Rätsel.
Pichlers Assemblagen sind vom 1. Dezember bis 13. Februar in den Fenstern der Theater des Landestheaters (Orchesterprobensaal Musiktheater, Schauspielhaus an der Promenade, Kammerspiele) zu sehen.

Hörbilder
Die Schule ist ein Ort des Redens und Hörens, ein Schallort sozusagen. Die drei Akte des Hörtheaters nähern sich der Schule zum einen über die Leute aus und in der Schule, die Menschen rundherum (seien es Geschäftsleute oder Passanten) und über die Geräusche, die die Schule selbst hervorbringt. Und natürlich geht es auch wieder um Geli Raubal, die mondäne, exzentrische Nichte von Adolf Hitler, die nach der Matura 1927 in ein wildes Leben aufbrach. Historisch brisante Sager sind darunter, schräge Meldungen, wirre Dialoge und überraschende Geräuschsymphonien, ein Pandämonium des Hörens.
Von Peter Androsch, Bernhard Doppler, Claus Prellinger, Eva Salzner u.a.
Jederzeit abrufbar auf www.die-schule.at
Oder vor den Vorstellungen in der Hörstation der BlackBoxLounge

Grätzelspaziergänge
Wer die Schule als Spiegel oder Membran einer Stadtgesellschaft begreift, kann sie nicht isoliert betrachten. Schallkünstler, Komponist und Autor des Musiktheaterprojekts Die Schule, Peter Androsch, nimmt Interessierte mit auf einen Spaziergang entlang der Berührungspunkte des Gymnasiums mit seiner Umgebung. Vertraute Orte lüften ihr Geheimnis. Gegenwart und Vergangenheit verbinden sich miteinander.
Mittwoch 15., 18, 22., und 29. Jänner und 5. und 12. Februar, jeweils 18.00 bis 19.00 Uhr
Treffpunkt: Schultor Akademisches Gymnasium, Spittelwiese 14, 4020 Linz
Teilnehmerzahl: max. 15 Personen

Kafkas Geburtsort
Mit dem Kontakt zu John S. Kafka ist das Projekt „Die Schule“ in Gang gekommen. Was liegt da näher, als an seinem Geburtsort in der Landstraße 36 „Die Schule“ zu präsentieren und bei einem Glas Wein zu bereden.
Montag, 27. Jänner, 20.00 Uhr
Central, Landstraße 36

Die Schule oder Das Alphabet der Welt
Musiktheater von Peter Androsch / Texte von Silke Dörner, Bernhard Doppler und Peter Androsch
Uraufführung: 19.01.2020, 20.00
Spielstätte: BlackBox Musiktheater Linz
Wilde Gesänge, lebende Bilder, bestürzende Klänge, intime Gespräche, schockierende Geständnisse, Explosionen, Niederlagen, Stille. Die Chronik des Akademischen Gymnasiums in Linz – von 1918 bis heute – erzählt die Geschichte der Welt.
Weitere Vorstellungen um 20.00 - außer anders vermerkt.
23., 26. (17.00), und 29. Jänner,
4., 6., 9. (17.00) 11., und 13. Februar (11.00) 2020
Rahmenprogramm vor und nach den Vorstellungen am 29. Jänner und 9. Februar 2020.
Jinie Ka (Musikalische Leitung), Andreas von Studnitz (Inszenierung), Renate Schuler (Bühne und Kostüme), Martin Zeller (Leitung Extrachor),
Katharina John, Andreas Erdmann, Ira Goldbecher (Dramaturgie)
Mit: Eva-Maria Aichner, Maximilian Bendl, Timothy Connor, Tamara Culic, Florian Granzner, Horst Heiss, Rafael Helbig-Kostka, Jakob Kajetan Hofbauer, Svenja Isabella Kallweit, Levent Kelleli, Philipp Kranjc, Florence Losseau, Etelka Sellei, Melanie Sidhu und Annelie Straub.
Extrachor des Landestheaters Linz
Bruckner Orchester Linz

Kultursender OE1 Leporello
Freitag, 17.01.2020, Leporello, 7.52

Kultursender OE1 Feature
Feature von Andreas Wolf
Samstag, März 2020, Hörbilder, 9.05

Vergangene Veranstaltungen

Die Schule und das 20. Jahrhundert
Präsentation im Akademischen Gymnasium
Mittwoch, 15.02.2017, 19.30

Die Schule - drei Schauen
Die Schule - drei Schauen:
Hans Jean John, Spiegel, Die Kunst des Aufzeigens
Fenster des Akademischen Gymnasiums
Begrüßung, Musik, Führung, Buffet
Donnerstag, 22.06.2017, 19.30

Fenster- und Fassadenschauen
Die Sätze, Der Keller
Fenster und Hofeinfahrt des Akademischen Gymnasiums
Mittwoch, 20.06.2018, 19.00

Reconstructing Spittelwiese
Work in Progress - Zwischenstände / Performance Lecture
Akademisches Gymnasium
Montag, 21.01.2019, 19.00

Die Schule oder Das Alphabet der Welt
Präsentation des Theaterstücks im Akademischen Gymnasium am Tag der offenen Tür
Mit Eva-Maria Aichner, Horst Heiss, Jinie Ka, Peter Androsch, Andreas Erdmann
Freitag, 15.11.2019, 14.15, 15.15 und 16.15


Kalender

    
Schaufenster Fensterschau 
Ausstellung läuft schon
Fenster und Fassade des Akademischen Gymnasiums

die-schule.at
ab 01.12.2019 online

Hörbilder
01.12.2019
auf die-schule.at und vor den Aufführungen
in der Hörstation der BlackBoxLounge

Schausachen
08.12.2019 bis 13.02.2020
Fenster der Theater des Landestheaters

Grätzelspaziergang
15.01.2020, 18.00
Spittelwiese 14

Leporello
17.01.2020, 7.52
Kultursender Radio OE1

Grätzelspaziergang
18.01.2020, 18.00
Spittelwiese 14

Die Schule oder Das Alphabet der Welt
Uraufführung
19.01.2020, 20.00
BlackBox Musiktheater

Grätzelspaziergang
22.01.2020, 18.00
Spittelwiese 14

Die Schule oder Das Alphabet der Welt
23.01.2020, 20.00
BlackBox Musiktheater

# Am Sonntag in die Schule:
26.01.2020
15.00 Uhr: Auf der Suche nach Frieda: Zwei Detektive auf den Spuren von Frieda Schauberger
15.45 Uhr: Die Frau von gegenüber: Fensterln bei Enrica von Handel-Mazzetti
16.30 Uhr: Einführung
17.00 Uhr: Vorstellung
19.15: Uhr: Mythos Geli Raubal
20:30 Uhr: Ethnopädagogik: Die Schulstunde als Theateraufführung
BlackBox Musiktheater

Kafkas Geburtsort
Präsentation, Gespräch, Wein
27.01.2020, 20.00
Central, Landstraße 36

Grätzelspaziergang
29.01.2020, 18.00
Spittelwiese 14

Die Schule oder Das Alphabet der Welt
29.01.2020, 20.00
BlackBox Musiktheater

Grätzelspaziergang
29.01.2020, 18.00
Spittelwiese 14

Die Schule oder Das Alphabet der Welt
04.02.2020, 20.00
BlackBox Musiktheater

Grätzelspaziergang
05.02.2020, 18.00
Spittelwiese 14

Die Schule oder Das Alphabet der Welt
06.02.2020, 20.00
BlackBox Musiktheater

# Am Sonntag in die Schule:
09.02.2020
15:00 Uhr: Schule im NS. Die Herrschaft der Rowdys – Politische Haltung als Theaterkostüm 
16:30 Uhr: Einführung
17:00 Uhr: Vorstellung
19:15: Uhr: Mythos Geli Raubal
20:30 Uhr: Klassentreffen: Absolventen erinnern sich, Beobachter kommentieren
BlackBox Musiktheater

Die Schule oder Das Alphabet der Welt
11.02.2020, 20.00
BlackBox Musiktheater

Grätzelspaziergang
12.02.2020, 18.00
Spittelwiese 14

Die Schule oder Das Alphabet der Welt
13.02.2020, 11.00
Letzte Aufführung
BlackBox Musiktheater

vergangene Veranstaltungen

Die Schule und das 20. Jahrhundert
Präsentation
15.02.2017, 19.30
Akademisches Gymnasium

Die Schule - drei Schauen:
Hans Jean John, Spiegel, Die Kunst des Aufzeigens
Begrüßung, Musik, Führung, Buffet
22.06.2017, 19.30
Fenster des Akademischen Gymnasiums
 
Fenster- und Fassadenschauen:
Die Sätze, Der Keller
20.06.2018, 19.00
Fenster und Hofeinfahrt des Akademischen Gymnasiums

Reconstructing Spittelwiese
Work in Progress - Zwischenstände
Performance Lecture
21.01.2019, 19.00
Akademisches Gymnasium

Die Schule oder Das Alphabet der Welt
Präsentation des Theaterstücks am Tag der offenen Tür
Mit Eva-Maria Aichner, Horst Heiss, Jinie Ka, Peter Androsch, Andreas Erdmann
15.11.2019, 14.15, 15.15 und 16.15
Akademisches Gymnasium

Impressum


DIE SCHULE
Arbeitsgemeinschaft für künstlerisch-kreative Geschichtsarbeit

Peter Androsch
Karlhofstraße 21
4040 Linz
Österreich
memo@die-schule.at

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Die Menschen von
Die Schule


Die Stadt Linz, das Land Oberösterreich und Rosenbauer International AG haben das Vorhaben maßgeblich unterstützt. Vielen Dank dafür! Chapeau!

Mitgearbeitet haben
Lili Androsch, Peter Androsch, Marlene Bauer, Johannes Baumgartner, Anna-Sophia Brocza, Bernadette Chausse, Silke Dörner, Bernhard Doppler, Johannes Jeryczynski, Anna Neswal, Natalie Pichler, Susanne Posegga, Claus Prellinger, Jakob Schicho, Anna Tomaselli uvm.

Dank an
Agentur Wimmer-Dirnberger, Allianz Kulturstiftung, Sirikit Amann, Rudolf Ardelt, Karl Blümlinger, Sigrid Burkowski, Cornelia Daurer, Otto-Christian Dirnberger, Isolde Ebner-Dietrich, Reinhold Gruber, Erika Hödl, Michael John, John und Marian Kafka, Verena Koch, Martin Kraher, Mini Kraher, KulturKontakt Austria, Kulturverein Akademisches Gymnasium, Peter Leisch, Bernhard Lichtenberger, Rudi Mitter, Angelika Relin, Herlinde Rigby, Chris Sattlberger, Walter Schuster, Dieter Siegel, Heide Stockinger, Dagmar Ulm, Wolfgang Zechmeister uvm.

Die Schule und das 20. Jahrhundert

Jänner 2017 · Peter Androsch · Linz · Absolventenreport Akademisches Gymnasium
(redigierte Fassung November 2019)

Seit dem laufenden Schuljahr verfolgt ein Team von Schülerinnen und Schülern der 6. Klasse der Spittelwiese ein Vorhaben unter dem Titel "Die Schule". Damit wird versucht, die Geschichte des 20. Jahrhunderts an Hand des Akademischen Gymnasiums und seiner Umgebung zu erzählen.

Als ältestes Akademisches Gymnasium wurde die Schule vom protestantischen Adel 1542 gegründet und in der Gegenreformation, die einen nur mit 1938 vergleichbaren Brain Drain auslöste, mit Zwang rekatholisiert. Seit da war sie auch ein Hort jener, die eine innere Distanz zum Katholizismus suchten. Gleichzeitig - als Frucht der Gegenreformation - ein Ort jener Sehnsucht, die später „großdeutsch“ genannt wurde. Im 20. Jahrhundert dann kamen in der Schule - neben der Mehrheit der Katholiken - meist in den B-Klassen Protestanten, Juden, Sozialisten, Kommunisten und Nationalsozialisten zusammen.

Das Archiv der Schule reicht weit zurück, vielleicht teilweise sogar bis zur Gründung, ein unglaublicher historischer Schatz. Hier ist das Team der 6. Klasse häufig zu finden. Gemeinsam mit Bernadette Chausse, der Professorin für Geschichte, gestaltet sich die Recherche als kreativer Prozess. Denn aus all den Daten wie Name, Wohnort, Eltern, Berufe der Eltern, Verwandte, Anmerkungen, Zeugnisse uvm. werden Beziehungen, Verbindungen, Entwicklungen herausgelöst und dargestellt. Als Vorbild dient auch die Arbeit des US-Künstlers Mark Lombardi, der in seinen in Handarbeit gefertigten Soziogrammen gesellschaftliche Zustände packend dargestellt hat. Es wird schnell klar, daß viel mehr aus vermeintlich trockenen Archivdaten herauszu- lesen ist, als anfangs vermutet.

Schulleben

Wer Geschichte nicht als Schichtenanalyse begreift, sondern als „History“, also als „story telling“, ist schon einen Schritt weiter. Zur Zeit steht der Maturajahrgang 1927 im Mittelpunkt des Interesses. Mit Angela „Geli“ Raubal, der Nichte Hitlers, und ihrem Freund Alfred Maleta, dem späteren Nationalratspräsidenten, sehen wir zwei Persönlichkeiten der Zeitgeschichte auch prominent am Maturafoto.

Ausgehend von dieser Klasse spinnt sich ein Netz von Beziehungen auch quer durch die Zeit. Natürlich sind diese immer von den politischen Verhältnissen und Entwicklungen durchtränkt. Deshalb ist auch die Umgebung der Schule von Interesse. Im Vorhaben wird um die Schule ein Kreis gezogen mit einem Kilometer Radius. Gleich wird klar, daß dieser Zwei-Kilometer-Kreis ein Hotspot der Geschichte ist. Von hier kommen erstaunlich viele Menschen, die die Welt auf unvergleichliche Weise geprägt haben, - nämlich als Massenmörder: Adolf Hitler, Adolf Eichmann, Ernst Kaltenbrunner, August Eigruber. Gleichzeitig bleiben auch die „normalen“ Menschen in der Schule von Interesse, und das explizit bis heute. Ihre Biographien sagen viel über das gesellschaftliche Labor „Schule“.

„Die Schule“ wird bis Anfang 2020 verfolgt. Im Laufe der Zeit werden die Ergebnisse in Veranstaltungen, auf ei- ner Internetseite, in Ausstellungen, Audioproduktionen, einer Kooperation mit den Oberösterreichischen Nach- richten, Publikationen und eben einer Musiktheaterproduktion 2020 gezeigt. So fügt sich die Arbeit ein in den großen Jubiläumsreigen, den es 2018 in Oberösterreich geben wird in Bezug zu drei großen Jahreszahlen: 1918, 1938, 1968.

Wie entstand die Idee?

Kurz nach der Veröffentlichung meiner Maturarede im Absolventenreport 2013 bekam ich ein Email von John S. Kafka aus Washington, D.C. Der Spittelwieser Kafka konnte noch kurz vor der NS-Machtübernahme in Österreich flüchten und lebt nun hochbetagt in einem Vorort der amerikanischen Bundeshauptstadt. Als er sechs Jahre alt war, starb sein Vater, sein neuer Vormund wurde Eduard Bloch, der während der Jugend von Adolf Hitler der Hausarzt der Familie Hitler war. Die Historikerin Brigitte Hamann bezeichnete Bloch als „Edeljude“ Hitlers. Kafka hat sich später intensiv mit der Biographie seines Vormundes auseinander gesetzt. Wie er bei einem Vortrag 2006 erzählte, führte die „Verrücktheit“ des Holocaust zu seiner Beschäftigung mit Psychosen und zur Arbeit mit Psychotikern, die ihn auch bekannt machte. Sein Buch „Jenseits des Realitätsprinzips: Multiple Realitäten in Klinik und Theorie der Psychoanalyse“ gilt als wichtiges Standardwerk.

2015 konnte ich John Kafka in Washington besuchen. Dabei hat mich der Literaturwissenschaftler Bernhard Doppler begleitet. Im Zuge unseres Gesprächs stellte sich heraus, daß Dopplers Vater Alfred Klassenkollege von John Kafka - damals noch Siegmund genannt - gewesen war (sic!). Jedenfalls waren seither Bernhard Doppler und ich gefangen von der Thematik. Wahrscheinlich nicht zufällig kam es zu einer Begegnung mit dem neuen Intendanten des Linzer Landestheater, Hermann Schneider. Es wurde vereinbart, daß „Die Schule“ Ende 2018 (Anm. resp. 2020) zu einer Musiktheaterproduktion wird. Die Arbeit mit dem Schülerteam fundiert und begleitet die künstlerische Arbeit für das Landestheater von Bernhard Doppler und mir.

Direktorin Erika Hödl unterstützt die Arbeit von Anfang an tatkräftig. Als institutionelle Unterstützer sind bisher Kulturkontakt Austria, der Absolventenverband, die oö. Landesregierung und die Stadt Linz dabei. In der Schule wird „Die Schule“ am 15. Februar 2017 um 19.30 erstmals vorgestellt. Sie sind herzlich willkommen!

Spittelwiese: Wie Geschichte lebendig wird

13. Februar 2017 · Reinhold Gruber · Linz · Oberösterreichische Nachrichten

LINZ. Schüler des Akademischen Gymnasiums in Linz präsentierten am Mittwoch das Projekt "Die Schule"

2018 ist ein Jahr des besonderen Gedenkens. 1918, 1938, 1968 – das sind allesamt Jahreszahlen mit besonderen historischen Bezügen. Diese Jahre werden im Projekt "Die Schule" des Akademischen Gymnasiums Linz Spittelwiese eine Rolle spielen. Aber nicht nur. 

Der Zeitraum 1918 bis 2018 bildet einen ersten Schwerpunkt in der Auseinandersetzung von Schülern der 6. Klasse mit dem, was an großen historischen Ereignissen wie Ende des Ersten Weltkrieges oder Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland gewesen ist. Darauf bleibt die Archiv-Arbeit aber nicht beschränkt.

Historischer Spielplatz

Vielmehr geht es in dem Projekt um die Geschichte und die persönlichen Geschichten, die unmittelbar mit der Bildungsstätte, ihren Schülern und Lehrern sowie ihrem engsten räumlichen Umfeld in Linz zu tun haben. "In einem Umkreis von einem Kilometer um die Schule befindet sich ein historischer Spielplatz", sagt Peter Androsch, Musiker, Komponist, Absolvent des Linzer Traditionsgymnasiums und Ideengeber für das besondere Geschichte-Projekt.

Seit er 2012 von Direktorin Erika Hödl dazu eingeladen wurde, die Maturarede zu halten, hat sich sein Kontakt mit der Schule wieder intensiviert. So erfuhr er auch vom Archiv der Schule, das bis 1542, in das Gründungsjahr des Akademischen Gymnasiums, zurückgeht. Dieser Schatz bleibt den Schülern normalerweise verborgen, nun dürfen ihn die "Auserwählten" heben.

Das Projekt "Die Schule", an dem Androsch mit dem Literaturwissenschafter Bernhard Doppler und den Schülerinnen und Schülern der 6. Klasse mit ihrer Professorin Bernadette Chausse bereits seit einiger Zeit arbeitet, wird Geschichte lebendig werden lassen. Es wird Texte, eine Ausstellung, eine eigene Homepage und sogar ein Theaterstück geben. Am 15. Februar macht das Projekt einen ersten Schritt in die Öffentlichkeit. Um 19.30 Uhr werden alle Beteiligten im Gymnasium einen Einblick in ihre Vorstellungen, Gedanken und in ihre Recherchen geben.

Die Klasse von 1927 als Beispiel

Im Mittelpunkt wird dabei die Maturaklasse von 1927 stehen. Eine Klasse, in die Angela Raubal ging. Ihre Mutter war die Halbschwester von Adolf Hitler und "Geli" seine Lieblingsnichte. Umschwärmt wurde Raubal, wie es im Jahresbericht von 1927 steht, von ihrem Jahrgangskollegen Alfred Maleta, dem späteren ÖVP-Politiker und Nationalratspräsidenten. Diesen beiden Schulabgängern wie auch ihrem Geschichteprofessor Hermann Foppa galt eine besondere Aufmerksamkeit der Schüler in den Recherchen.
Übrigens: Wer über diese Zeit etwas berichten kann, ist an dem Abend herzlich willkommen.


Zwölf Jugendliche und der Schatz im Schularchiv

22. Juni 2017 · Reinhold Gruber · Linz · Oberösterreichische Nachrichten

Die Jugendlichen recherchieren mit wachsender Begeisterung im Archiv des Akademischen Gymnasiums.

LINZ. Langzeitprojekt "Die Schule" im Akademischen Gymnasium Linz geht mit einer Ausstellung in die zweite Runde.

Geschichte lebt von den Geschichten derer, die erlebt haben. So kann Geschichte im wahrsten Sinn des Wortes lebendig bleiben, Bestand für nachfolgende Generationen haben. So bleibt sie auch interessant.

Im Projekt "Die Schule" wird bis 2019 am Akademischen Gymnasium Spittelwiese in Linz vorexerziert, wie spannend das Forschen in der "eigenen Schulgeschichte" sein kann und ist. Dies dient aber nicht dem Selbstzweck, sondern wird auch immer wieder öffentlich.
Der zweite sichtbare Schritt ist nun eine Ausstellung, die heute Abend eröffnet wird. Mitten im Stadtraum werden die Fenster der Schule im Erdgeschoß zum Schaufenster in die Vergangenheit. Inhaltlich stehen dabei Hans Siegmund Kafka, die Schule als Spiegel der Gesellschaft und die "Kunst des Aufzeigens" im Blickpunkt.

Das Langzeitprojekt, das von Peter Androsch und Bernhard Doppler initiiert wurde, versetzt zwölf Schülerinnen und Schüler in die Lage, in der langen Geschichte der Schule zu Menschen und ihren Lebensgeschichten vorzudringen. Sie greifbar, begreifbar zu machen.

Nachdem sich die Jugendlichen der 6. Klasse mit großer Begeisterung der Schule und dem 20. Jahrhundert gewidmet haben (die OÖN haben darüber ausführlich berichtet), folgt nun der nächste Schritt. Angesichts einer Schulgeschichte, die bis ins Jahr 1542 (!) zurückreicht, hätte das Archiv als "historischer Spielplatz" durchaus viel Spielraum geboten, um in andere Jahrhunderte einzutauchen. Aber: "Wir wollten den Schülern keine Vorgaben machen", so der Musiker, Komponist und Absolvent des Linzer Traditionsgymnasiums. Die Devise habe gelautet: "Grabt, wo ihr graben wollt." Die Jungen nahmen dankbar an und wollten in der Zeit des Nationalsozialismus weitergraben.

Ergebnis dieser Forschungen ist die Ausstellung "Die Schule", die im Vorbeigehen am Schulgebäude in der Spittelwiese und in der Herrenstraße die Fenster nutzt, um zu informieren. Gestaltet von Natalie Pichler und ausgestattet mit Text- und Bildmaterial wird dabei etwa die Geschichte von Hans Siegmund Kafka erzählt. 1921 in Linz geboren, von 1931 bis 1934 Schüler im Akademischen Gymnasium, emigrierte er 1940 in die USA, wo er als Psychoanalytiker John S. Kafka berühmt wurde. Seiner Heimatstadt blieb er verbunden. Im Sommer wird Androsch den 95-Jährigen wieder in Amerika besuchen.
 
Ausstellung Eröffnung am 22. Juni, 19.30 Uhr, Akademisches Gymnasium Linz

Über die Kunst des Aufzeigens in der Schule

Eine Bilderserie zeigt in der Ausstellung: Wer aufzeigt, schickt gleich auch noch eine Botschaft mit.
23 Fenster der Ausstellung im Akademischen Gymnasium sind einer besonderen Kunst gewidmet, die Schüler der unterschiedlichsten Generationen, die hier schon die Schulbank gedrückt haben, wohl nicht als eine Kunstform bezeichnet hätten: das Aufzeigen.

Das Handzeichen als deklarierter Wille, "dranzukommen", war Wissenschaftern eine intensive Auseinandersetzung wert. "Die hat uns fasziniert", sagt Androsch im OÖN-Gespräch und meint damit das gesamte Team des Projektes "Die Schule". Muss die "offizielle Bewerbung um sein Rederecht" einer speziellen Form folgen? Oder anders gesagt: Wie zeigt man richtig auf? Lässt sich aus der Armhaltung beim Aufzeigen ablesen, ob derjenige nun ein dringendes Bedürfnis damit verbindet oder nur eine lästige Pflicht hinter sich bringen will?

Um zu veranschaulichen, wie unterschiedlich man aufzeigen kann, haben die Jugendlichen Fotos gemacht. Alle von hinten aufgenommen, zeigen sie sehr deutlich, dass das Aufzeigen schon durchaus als Zeichen gedeutet werden kann. "Es gibt eine breite Palette des Aufzeigens", sagt Androsch, der darin sogar ein "Ballett der Hände" erkennen will. Ein paar Beispiele aus der Ausstellung verdeutlichen, was damit gemeint sein könnte.

Das Projekt "Die Schule"

Als der Musiker und Komponist Peter Androsch, selbst Absolvent des Akademischen Gymnasiums an der Spittelwiese in Linz, 2013 von Direktorin Erika Hödl gebeten wird, eine Maturarede zu halten, taucht er ein in das Archiv der Schule und erkennt dessen Wert. Die Idee, sowohl die Geschichte als auch die persönlichen Geschichten von Linz’ ältester Bildungsstätte, ihren Schülern und Lehrern zu erzählen, entsteht.

Das Projekt „Die Schule“, an dem die Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse mit ihrer Professorin Bernadette Chausse sowie Ideengeber Peter Androsch und Literaturwissenschafter Bernhard Doppler gemeinsam arbeiten, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Geschichte lebendig werden zu lassen – in Form von Texten, einer Ausstellung, einer eigenen Homepage und eines Theaterstücks, das aufgeführt werden soll. Das Projekt läuft bis 2019.

Bild: Volker Weihbold

Lageplan

2019 · Linz


Eine schöne Aufgabe ist, die Wohn-, Studier- oder Arbeitsorte von Menschen zu suchen, die mit der Spittelwiese zu tun hatten. Entweder weil sie da Schüler oder Lehrer waren oder täglich vorbeigegangen sind wie Rainer Maria Rilke. Er wohnte beim Verleger Hans Drouot in der Herrenstraße 6 - gegenüber der Hofeinfahrt des Gymnasiums - und ging täglich in die Handelsakademie in die Hofgasse. Ludwig Boltzmann wanderte wahrscheinlich zum Sängerbund Frohsinn am Pfarrplatz, um die wöchentliche Klavierstunde bei Anton Bruckner zu absolvieren. Richard Tauber ging von der Herrenstraße 11 in die Volksschule auf die Spittelwiese. Der um zwei Jahre ältere Adolf Hitler kreuzte wohl ab und zu Taubers weg. Hitler bog - egal von welchem seiner unterschiedlichen Wohnorte kommend - von der Herrenstraße in die Steingasse zur Realschule auf Nummer sechs. Hermann Bahr stolperte praktisch nur über die Straße und war schon in seinen Schulen, nämlich von der Herrenstraße 12 auf die Spittelwiese, zuerst in die Volksschule, dann ins Gymnasium. Aus der Dinghoferstraße - Nummer 41 oder 49? - spazierte Geli Raubal auf die Spittelwiese. Ihre Busenfreundin Frieda Schauberger kam von weiter her. Sie durchquerte fast die ganze damalige Stadt von der Hafenstraße 6 bis zur Schule. Achtzehn Jahre später begründete Maxi Böhm, der angeheiratete Verwandte, seinen Komödiantenruhm im Kabarett Eulenspiegel in der Bethlehemstraße vier. Beruflich die Komik, privat ein Leben als Tragodie. Die Tragödien der Kindheit prägten Walter Schmidingers ganzes Leben. Bis 1949 spielte das Urfahraner Volkstheater in der Rosenauerstraße. Er durchquerte die halbe Stadt, oft vorbei an der Spittelwiese, um zu den Proben und Aufführungen zu kommen, zuerst von der Goethestraße 95, dann von der Semmelweisstraße 15. Da war dann Simon Wiesenthal schon in der Stadt. Bis 1961 nutzte er zehn Wohn- und Büroadressen: DP Lager Ebelsberg, Landstraße 60, Uhlandgasse 22, Gutenbergstraße 4, Adam-Kaltenbrunner-Gang 8, Gutenbergstraße 34, Pacherstraße 3, Raimundstraße 39, Landstraße 15 und Goethestraße 63. Ab 1931 sind die drei Klassenkollegen Hans (Johann) Kafka, Erich Quer und Alfred Doppler ins Gymnasium gegangen. Kafka von der Landstraße 36, Erich Quer der Pfarrgasse 3 und Alfred Doppler der Unionstraße 50. Gleich daneben wohnte Stefan Ruzowitzky in der Unionstraße 47. Die ganze Stadt als Adressen, die Schule als Summe der Beziehungen und Wege.

Illustration Stadtplan: www.biancafels.at  


Tableaux vivants

20. Mai 2016 · Bernhard Doppler · Berlin


Der Begriff der Lebenden Bilder hat mich sofort interessiert. Tableaux vivants sind eine bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts sehr beliebte Kunstform. Sie waren sogar die bevorzugte theatralische Form bei Feiern in der Schule: Kostümierte Figuren, die minutenlang - während (klassische) Musik zu hören war - zu stummen Posen erstarrten, um eine Szene bedeutungsschwer wie ein Gemälde vorzuführen. Im "postmodernen" Historismus zwischen 1870 und 1910 wurden Tableaux vivants besonders gerne dargeboten. Wenn ein Schillerdrama, "Wilhelm Tell" z.B., in der Schule aufgeführt wurde, dann eben nicht selten als Lebendes Bild, ohne Worte also: geronnen zu den Schlüsselszenen (Apfelschuss, Rütlischwur..), für die das Schulorchester die untermalende Musik einstudiert hatte.
 
Ich selbst bin auf Tableaux vivants bei Enrica von Handel-Mazetti gestoßen, jener Schriftstellerin, die dem Gymnasium gegenüber in der Spittelwiese 15 fast 50 Jahre lang wohnte. Von 1921 bis 1955 soll sie (bis auf eine Begegnung mit Paula Grogger) das Haus nur zur heiligen Messe mehr verlassen haben. Die lebenden Bilder sind für die streng katholische Schriftstellerin insofern auch ästhetisch programmatisch, weil sie einen Augenblick, in dem sich Transzendenz offenbart, einfangen. Ganz folgerichtig verklärt Handel-Mazetti, wie übrigens viele Katholiken um 1900 auch, das neue Medium, die Photographie, in der sich ebenfalls die "heilige" Einmaligkeit des Augenblicks - wie im Andachtsbild - offenbart. (Ähnliche Begeisterung findet sich auch bei fundamentalistischen Katholiken um 1920 dann für das Kino.)

Ja, Lebende Bilder sind eine interessante Kunstform! Und sie scheinen mir geradezu programmatisch zu Peter Androsch zu passen. Thematisiert Peter Androsch doch auch immer wieder das Verhältnis von Raum (Stillstand) und Musik (Bewegung). Lebendes Bild ist aber auch, könnte man weiterführen, jedes Klassenfoto, sei es als Abschlussfoto oder sei es von einem Schulausflug. Denn in das Momentum, den Augenblick des Schusses des Fotographen, ist für den späteren Betrachter auch das Versprechen und der Konstrast der weiteren Entwicklung der Personen dieser Klassengemeinschaft eingefangen.

Handel-Mazzetti hat übrigens das Staatsgymnasium nicht nur - von ihrem Fenster - im Blick gehabt, sie hat es auch in Artikeln in der "Wiener Reichspost" 1916 beschrieben, als das Staatsgymasium Reserverspital wurde. "Der Blumenteufel" und "Ilko Smutnjak, der Ulan" sind Büchlein, die aus diesen Berichten entstanden sind. (Zu ihrem 60. Geburtstag im Ständestaat wurden gewaltige Feiern vor ihrem Haus veranstaltet, u.a. mit "Lebenden Bildern" unter Aufsicht des Landesschulrats Berger.) Außerdem hat der mexanische antikommunistische Pater Pro auch ein Wunder an ihr gewirkt, wie sie bei dessen Seligsprechungsprozess für den Vatikan 1938 zu Protokoll gibt.
 
Ich selbst habe aber auch einen persönlichen Bezug zum Akademischen Gymnasium, obwohl ich nicht in Linz aufgewachsen bin. 1931 bis 1941 ist mein Vater in das Akademische Gymnasium gegangen. Als Sohn eines Eisenbahners und einer Putzfrau hat er - unabhängig davon, dass er auch die Klasse wiederholen musste - nicht sogleich zu allen Mitschülern Anschluss gefunden; erst später, als er vor allem als Statist beim Linzer Landestheater sehr aktiv war, habe er, erzählt er, größere Anerkennung gefunden.

Meine Schulzeit habe ich in Graz verbracht, aber mein Vater hatte durchaus den Kontakt zu alten Freunden weiter gepflegt, beziehungsweise sie mit ihm. Mich beeindruckte vor allem Franz Roth, ein "Kapitalist" wie aus dem Bilderbuch, wie mir schien. Manager der Ringbrot-Werke und ein hoher CV-Funktionär. Das Ringbrot ("Der besten Dinge bestes ist das Brot") war das ÖVP-Gegenstück zum SPÖ-Spatenbrot. Das waren die frühen 60er Jahre, deren Herkunft aus den 30er und 40er Jahren man so noch merken konnte. Die kurzen Treffen mit seinen Schulfreunden verschafften mir immer überraschende Einblicke in politische und geschichtliche Zusammenhänge.
Sichtbar wird in den Schul- und Jugendgeschichten meines Vaters natürlich vor allem der Bürgerkrieg, der in der Zwischenkriegszeit in dem noch gar nicht voll industrialisierten Linz stattfand: Der Jude Quer, der sich als illegaler Nazi gebärdete oder die sozialistischen Freunde, die in Spanien gegen Franko kämpften, aber dort vor den Nazis nach Tschechien und zu Stalin flüchteten etc. Sie gingen nicht ins Akademische Gymnasium, wohnten aber im gleichen Haus, einer Arbeiterwohnung in der Unionstraße, wie mein Vater. Dass er zwei Jahre gemeinsam mit John Kafka, dem Neffen des Hausarztes von Hitlers Mutter, in die Klasse ging, erinnerte er sich allerdings nur flüchtig. Wie verkleiden und offenbaren sich politische und soziale Gegensätze im Foto der Klassengemeinschaft also in den "lebenden Bildern" der Klassenfotos?

Klassenfoto und Emigration

Der Gemeinschaftssinn der Klasse verkleidet vor allem oft, wie viele nicht integriert sind, weggehen wollen oder weggehen müssen. Aber wie endgültig ist die freiwillige oder unfreiwillige Trennung? Gewaltsam oder eine Emanzipation? Wollen sie vielleicht doch noch zum Klassentreffen und ins Klassenfoto der Abiturientenfeier zurück? Oder sind die Verletzungen, war das Mobbing zu groß? War die Schule vielleicht noch eine Insel, gegenüber dem feindlichen, mörderischen Alltag, oder ist auch diese Vorstellung nachträgliche Verklärung?

Der Besuch bei John Kafka von Peter Androsch und mir in Washington D.C. ist dafür das eindinglichste Beispiel. Will, wollte John Kafka zurück? Offensichtlich wollte er genau wissen, wie sich alles in Linz seit seiner Emigration zuerst nach Frankreich, dann endgültig weg vom Hitler-Europa nach Texas, entwickelt hatte. Das Klassenfoto von 1935 wird gerade durch ihn unheimlich und vielschichtig. Was hatte John Kafka als jüdischer Schüler in Linz (übrigens genau an jener Kreuzung wohnend, wo der österreichische Bürgerkrieg zwischen Sozial- und Christdemokraten losging) mitbekommen? Wie hatte er als Schüler registriert, was in und außerhalb seiner Schulklasse sich politisch entwickelte?
 
Gegenüber dem "Lebenden Bild" des Linzer Klassenfoto konnten Peter Androsch und ich in Washington das "Lebende Bild" eines großen USA-Familienfoto bestaunen: eine imponierende Gattin, Kinder, Zwillingsenkel - alle integriert in den amerikanischen Kulturbetrieb (Kino und Literatur die Söhne) und in die psychoanalytische Forschung (John Kafka war mit den emigrierten Schülern Sigmund Freuds vernetzt). Schließlich wurde bei John Kafka noch ein "historisches Familienbild" in oft durchaus ungewöhnlichen offenen sexuellen Beziehungen deutlich, das weit über Linz und Urfahr hinausführte, nicht nur zum Hausarzt von Hitlers Mutter, sondern auch zum Dichter Franz Kafka, zu südamerikanischen Politikern, zum Wiener Kreis um Peter Altenberg.
 
Wie erinnert man Schule?

Im klassischen Erinnerungsroman "Die Feuerzangenbowle" von Heinrich Spoerl wird Schule nostalgisch als Ort von lustigen Schulstreichen verklärt, obwohl es streng genommen vielleicht eher Mobbing war. Auch im "Fliegenden Klassenzimmer" schweigt man sich eher über die Konflikte aus. Schulgeschichten von "Professor Unrat" bis "Schüler Gerber" zeigen immer wieder, wie weit entfernt Schule und wirkliches Leben voneinander sind.

Adolf Hitler ist zwar nicht im Akademischen Gymnasium in die Schule gegangen, sondern in die Fadingerschule, aber in den aufgezeichneten Tischgesprächen in der Wolfsschanze 1944, als die Kapitulation greifbar war, ergeht er sich vor seinen Generälen nur in launigen Erinnerungen über Schülerstreiche seiner Kameraden gegenüber Latein- und Religionsprofessoren. Auch der Film "Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann ist erst 1943 herausgekommen. Schülerstreiche als Durchhalte-Verdrängung. Das "Lebende Bild" des Klassenfotos kann also auch eine Form von Vergessen sein, und gerade dadurch auch Vergessen selbst sichtbar machen. Der Schülerwitz, der wieder auf sich zurückfällt.

Der Ausgleich, das Gegengewicht, ja eine Gegenwelt zur Schule und dadurch damit verbunden, war für meinen Vater das Theater. In Graz hat er viele der Schauspieler, die in der Bühne in Urfahr engagiert waren, wieder getroffen und sie mir vorgestellt. Das Theater in Linz und in Urfahr war eine faszinierende Szene zwischen 1945 und 1955, wohl einzigartig in Deutschland und Österreich zu dieser Zeit. Der Schriftsteller Arnolt Bronnen (zuerst Freund Brechts, dann Goebbels, dann KPÖ-Bürgermeister in Bad Goisern) war Dramaturg. Schauspieler wie Walter Schmidinger und Romuald Pekney zeigten ein markantes in den 50er Jahren ungewohnt psychologisch genaues Theaterprofil, das die moderne Spielweise der 60er Jahre vorwegnimmt. Und vor allem: Die Besatzungsgrenze Urfahr-Linz wirkte dabei äußerst produktiv. Diese Linzer Theaterszene sollte, finde ich, auch ins Bild der Schule gebracht werden.
 
Die Erstarrung des Lebenden Bildes, des Klassenfotos macht also Bewegungen der Geschichte besonders deutlich. Das "lebende Bild", das Klassenfoto zeigt gestellte Posen, Arrangements, die das Leben nicht einlöst, auflöst, übermalt, zerstört.
Für die Form des Arrangements der Lebenden Bilder und ihrer "dramatischen", dramaturgischen Auflösung der von ihnen vorgegebenen Akkorde gibt es verschiedene Möglichkeiten. Der Gegensatz von Schulbild und Bild des Lebens, vielleicht auch die Thematisierung von Theater und Schule, von Schulfest und Leben scheint mir sinnvoll, auch für das vorbereitende Schul-Projekt.

Die Themen gehen immer von biographischen Portraits aus. Im Mittelpunkt stehen Interviews, bei 1, 2 und 5 ist an Recherchen im Archiv gedacht, wenn möglich aber auch an Interviews
1) Schule und Krieg: Reserverspital Staatsgymnasium - Kriegsjahrgänge (eventuell a la Remarque "Im Westen nichts Neues") - Kriegsmatura
2) Gegenüber: Spittelwiese Nr. 15 - von Handel-Mazzettis Fenster
3) Familienbilder: Die jüdische Familie Kafka in Linz und in den USA
4) Schulfeiern im Akademischen Gymnasium
5) Entlassen und Wiedereingesetzt: Dr. Hubert Razinger
6) Maturajahrgang unmittelbar nach dem Krieg
7) Der Abituriententag (Übermalung von Franz Werfels Roman)
8) Schülerstreiche: Feuerzangenbowle auf der Spittelwiese und anderes (Übermalung von Schulromanen)
9) Soziale Gegensätze in einer Klasse
10) Linzer Theater (und Akademisches Gymnasium) 1945 bis 1955
11) Wie politisch ist eine Klassengemeinschaft 1970? 1934? 2016? 1989? 1968? 1946?

(Auch von Adolf Hitler erzählte Gauleiter Eigruber dem neu gegründeten Brucknerorchester 1944 bei seinem Eintreffen in St. Florian)

Bilder: Akademisches Gymnasium, Stifterhaus
V.l.n.r: zwei Lebende Bilder, Hans Sigmund Kafka mit seinem Schulfreund, Arnolt Bronnen vor dem Mikrophon, die Maturaklasse 1941 und wie bei Leonardos Abendmahl Lehrer- und Schüler der Matura 1930

Schaufenster - Fensterschau

Juni 2017 · Peter Androsch · Linz · Absolventenreport Akademisches Gymnasium
(redigierte Fassung November 2019)

Die Institution Schule kann aus unterschiedlicher Perspektive betrachtet werden, sei es aus geschichtlicher, soziologischer, pädagogischer oder kulturhistorischer. Jedenfalls wird schnell klar, dass die Schule als Labor gesellschaftlicher Prozesse fungiert. Herrschaftsverhältnisse, ideologische Tendenzen, gesellschaftliche Konflikte bilden sich in der Idee der Schule recht schnell ab. Sie ist ein politisch heißes Terrain, verheißt sie doch große hegemoniale Wirkmächtigkeit in relativ kurzer Zeit. Sie ist somit begehrtes Spielfeld der Mächtigen. Hier ist auch zu beobachten, wie Macht und Gesellschaft sich formieren. Die sich historisch entwickelnden Formationen - Klasse, Jahrgänge, Lehrkörper, Lernkörper etc. sind auch künstlerisch interessant. In ihnen bilden sich die Beziehungen zwischen den einzelnen Menschen, Gruppen und Entitäten ab. Ganz wörtlich kann da gefragt werden: Wer zieht wen wohin? Wer zieht wen wovon weg oder ab? Wer bezieht sich auf wen oder was? Wie gehen Schüler miteinander um, wie verhalten sich Lehrer untereinander? Wie beweglich ist die Hierarchie von den Putzkräften bis zur Direktion, ja bis zu den politisch Verantwortlichen? Wie schichtet sich die Hierarchie? Wer wirkt wie in die Schule hinein? uvm.
Da die Schule per se eine Formation der Macht ist, ist Veränderung und Erneuerung aus ihr selbst heraus nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Die Schule ist immer hinter den gesellschaftlichen Entwicklungen, sie ist strukturell konservativ. Dies trifft selbst auf sogenannte Reform- oder Alternativschulen zu. Beeindruckend wird das dargestellt in Rudi Pallas Buch „Die Kunst Kinder zu kneten“ und Ulrich Bröcklings „Disziplin: Soziologie und Geschichte militärischer Gehorsamsproduktion“.

Besonders für das Verständnis sozialer Abläufe in der Schule sind die kamera-ethnographischen Studien von Bina Elisabeth Mohn über die „Lernkörper“ (http://kamera-ethnographie.de). Der lernende Körper dient als Forschungsobjekt in unterschiedlichen Funktionen. In den „kamera-ethnographischen Studien zum Schülerjob“ wird auch das Aufzeigen als kulturelles Phänomen betrachtet. Deshalb ist ein großer Abschnitt der Ausstellung der „Kunst des Aufzeigens“ gewidmet. Hier wird dieses fast choreographische Phänomen beleuchtet. Darin zeigen sich beispielsweise individuelle Verhaltensweisen, soziale Verhältnisse und die historische Einbettung.
Ob er tatsächlich in Deutsch schreiben soll, fragt sich John S. Kafka, als er über sich eine autobiographische Skizze verfassen soll. Seine Muttersprache Deutsch ist für ihn mit 13 Jahren „steckengeblieben“. Mit John S. Kafka hat das Projekt über die Geschichte des Akademischen Gymnasiums seinen Anfang genommen, 83 Jahre nachdem er die Schule verlassen hatte. Johann Siegmund Kafka, so hieß er damals, verließ bereits nach drei Schuljahren das Akademische Gymnasium in Linz. Ehe er in die USA emigrierte, brachte ihn ein Onkel aus Strasbourg in einem französischen Internat unter. Den Antisemitismus der Linzer hatte er freilich auch schon vor dem Nationalsozialismus zu spüren bekommen. John Kafka gilt in Amerika nun schon seit weit mehr als einem halbes Jahrhundert als einer der führenden Psychoanalytiker. Vier Fenster widmen sich diesem exemplarischen Leben.

Die Schule ist Spiegel der Gesellschaft. Ganz wörtlich und als Metapher. Fünf Fenster sind diesem Phänomen gewidmet. Es spiegelt sich das Leben der katholischen Schriftstellerin Enrica Handel-Mazzetti, die gegenüber in der Spittelwiese über Jahrzehnte zurückgezogen lebte. Es spiegelt sich die Fassade der Gebäude gegenüber, genauso wie die Auslagen und Passanten.
 
Bilder: Florian Schwarz

Die Frau gegenüber

5. Mai 2018 · Peter Androsch und Bernhard Doppler · Linz · Oberösterreichische Nachrichten

Eine gleichermaßen historische wie aktuelle Spurensuche in der Nachbarschaft des Akademischen Gymnasiums in Linz anlässlich des Projekts "Die Schule".

Wer war die Frau gegenüber?

Die, die seit 1921 – so wie vielleicht jetzt Elfriede Jelinek – die Öffentlichkeit der Straße scheute und höchstens zur Messe in den Dom mit Kopftuch ging und von der nun eine Gedenktafel am Haus Spittelwiese 15 kündet? "Wir haben die Dame gekannt, wir haben ja mit ihr immer gefensterlt", hieß es, als wir bei einem Maturatreffen Absolventen des Maturajahrgangs 1956 auf Enrica von Handel-Mazzetti ansprachen. Manchmal seien sogar Papierflieger aus dem Klassenzimmer des Akademischen Gymnasiums zum Fenster gegenüber gesegelt.
1931 wollte Bundeskanzler Engelbert Dollfuß unbedingt erreichen, dass Handel-Mazzetti in Oslo den Nobelpreis bekommt. Überdimensionale Feiern wurden in Linz zu ihrem 60. Geburtstag veranstaltet, für die sich die Dichterin auf den ersten Seiten der Tageszeitungen wortreich bedankte. Schüler führten in "Lebenden Bildern" Szenen aus ihren dicken Romanen vor, begleitet von neuen sinfonischen Dichtungen. Aber eine, wenn auch umstrittene literarische Größe wie vor dem Ersten Weltkrieg war die katholische Schriftstellerin damals nicht mehr.

1871 in Wien geboren, kam sie 1905 aus familiären Gründen nach Oberösterreich, zuerst nach Steyr, dann nach Linz. "Steyr wurde das Weimar, Linz das Jena meiner Kunst", meinte sie einmal, sich mit der deutschen klassischen Literatur in Beziehung setzend. Häufigen Besuch hatte sie freilich nicht, die dichterischen Inspirationen wurden hochstilisiert und machten ihre Wohnung zu einem geheimnisvollen Ort. Die Frau vom Fenster gegenüber schien aus einer anderen Welt zu kommen.

Mit der Spittelwiese verbinden sich zwei Werke Handel-Mazzettis. Im Ersten Weltkrieg war das Gymnasium als Lazarett, als "Reservespital Staatsgymnasium Linz", eingerichtet worden. Handel-Mazzetti hat in der Zeitung "Wiener Reichspost" ausführlich ihre freiwilligen Hilfsdienste bei den Verwundeten geschildert. Bisweilen hat sie, wie sie schreibt, auch ein Gläschen "Medizinalwein" zur Stärkung für die braven Frontkämpfer mitgebracht. Für ihre Tätigkeit wurde die Dichterin damals sogar mit der bronzenen Ehrenmedaille des Roten Kreuzes ausgezeichnet.

Ein weiterer Bericht von der Spittelwiese ist dem an ihr vollbrachten Wunder des mexikanischen Märtyrers Pater Pro gewidmet. Er war während des mexikanischen Bürgerkriegs hingerichtet worden. Durch sein Eintreten habe Pater Pro eine Netzhautablösung der Dichterin wieder rückgängig gemacht (sic!). In ihrem Büchlein "Das heilige Licht" 1938 protokolliert die Dichterin diesen Vorgang. Sie hat den Bericht für die Seligsprechung des Paters beim Vatikan eingereicht. Am 8. 4. 1955 ist sie gestorben, an einem „Karfreitag“, wie auf der Gedenktafel an der Spittelwiese eigens vermerkt ist.

Hermann Bahr, acht Jahr älter als Enrica Handel-Mazzetti, wurde in der Herrengasse 12 geboren. Neben der Tafel, die auf die Geburt des Dichters aufmerksam macht, ein Fenster, in dem auch eine Anzeige für eine "Hebammenordination" angebracht ist. Eine zufälliger Hinweis auf den Geburtsort des Autors?

Bahr wurde über Nacht bekannt. Sein 1890 erschienener Roman "Die gute Schule" war eine literarische Sensation und auch ein kleiner Skandal. Das Buch heißt so, weil Bahr der Ansicht war, dass "die Liebe die gute Schule der wirklichen Weisheit" sei, "man kann ihre Lehre das ganze Leben nicht wieder vergessen." Das Werk ist durchzogen von populärer Psychologie, irgendwo zwischen Nietzsche und Freud, Zynismus, antibürgerlichen Ressentiments und vor allem exzessiv: Sex. Das wirkte auf Bahrs Zeitgenossen provozierend, heute liest es sich meist unfreiwillig komisch.
Hermann Bahrs Karriere war ungemein bewegt. Er studierte in Wien, Graz, Berlin und Czernowitz, wo er die Universität wegen antisemitischer Reden verlassen mußte. Er arbeitete in Paris, Berlin, Wien, Salzburg und schließlich in München. Während die einen in ihm einen publizistischen Hansdampf sahen, war er für die anderen ein Bahnbrecher der Moderne. "Bahr vertrat unentwegt radikale Positionen, um kurze Zeit später mit gleicher Entschiedenheit fürs Gegenteil einzustehen. Feinde, wen wundert's bei solcher bedenkenlosen Umtriebigkeit, hatte er viele", meint Klaus Modick in "Büchermarkt". Karl Kraus bemerkte: "Bahr fördert das Unkraut, ich jäte es aus."

Die Geschäfte an der Spittelwiese spiegeln das Akademische Gymnasium oft nur indirekt, ja fast schon gebrochen ironisch. Der Maulkörbe, die am Eingang der Luxus-Hunde-Boutique "Feine Pfote" an Hundeplastiken vorgeführt werden, verweisen natürlich nicht auf schulische Zensur und das Bekleidungsgeschäft "Kleider machen Leute", das nachhaltige Bekleidung anbietet, kaum auf Gottfried Kellers oft im Deutschunterricht traktierte Novelle. Und wenn man im Papiergeschäft "Becker" noch alte Federn und Tinte ersteht, dann nicht um damit in Schulheften herumzukratzen. Es sind kostbare Designer-Raritäten für Liebhaber, im Glasschrank verwahrt. Neben Bahrs Geburtshaus spiegelt sich die Hofeinfahrt der Schule in den Fensterscheiben der Boutique "Mademoiselle" an der Herrenstraße 10 und dann folgt die hippe Bäckerei "Brotsüchtig", aus welcher der Duft des frischen Brots über die Straße zur Rückseite der Schule schwebt.

"Der Tenor Richard Tauber wurde am 16.5.1891 in diesem Haus geboren", steht auf der Gedenktafel am Haus Herrenstraße 11. Er wurde eigentlich als Richard Denemy als lediges Kind der Soubrette Elisabeth Seyffert (geborene Denemy, verwitwet nach Karl Seifferth) und des Schauspielers Richard Anton Tauber in einem Zimmer des heutigen Hotels "Schwarzer Bär" geboren. Erst 1913 wurde er von seinem Vater adoptiert. Später verwendete Tauber daher auch die Namen "Ernst Seiffert", "Carl Tauber" und "C. Richard Tauber".

Seine Kindheit verlief recht unstet. Weil seine Mutter oft auf Tournee war, wuchs er in den ersten Lebensjahren bei Pflege-Eltern auf. Erst später holte ihn sein Vater zu sich nach Wiesbaden, wo dieser am Hoftheater engagiert war. Hier erhielt Richard Tauber den ersten Musikunterricht - zunächst in Klavier und Violine, später auch Gesangsunterricht. Obwohl ein Vorsingen in der Wiener Hofoper mit einem Fiasko endete - man bescheinigte ihm, "eine Stimme so dünn wie ein Zwirnsfaden" zu haben -, war er schon in den 20er-Jahren der "König des Belcanto". Schnell war er einer der ersten Stars der Plattenindustrie, bei Odeon erschienen viele berühmte Aufnahmen. "Dein ist mein ganzes Herz" aus der Operette "Land des Lächelns" von Franz Lehár wurde regelrecht zum "Tauber-Lied".

Wie ein Fluch aus der Heimat ereilte ihn der Hass der Nazis. 1933 wurde Richard Tauber in Berlin vor dem Hotel Kempinski von einem SA-Trupp niedergeschlagen. Er verbrachte die nächsten Jahre hauptsächlich wieder in Österreich, vornehmlich in Bad Ischl, bevor er 1938 nach Großbritannien emigrierte. Sobald es wieder warm wird, stehen die Fenster der Schule weit offen. Aus dem Musiksaal ziehen dann die Klangfetzen in die Straße und vermischen sich mit der Erinnerung an den Sängerkönig.


Die Schriftstellerin Enrica von Handel-Mazzetti (1871–1955) lebte gegenüber der Schule, im Haus Spittelwiese 15 in Linz (Bild: Archiv), Blick aus der Schule in Handel-Mazzettis Wohnung (Bild: Natalie Pichler), Gedenktafel nach Hermann Bahr (Bild: Peter Androsch), Nachbarn einst und jetzt (Bild: Natalie Pichler)

Geschichte und Geschichten einer Schule

3. März 2017 · Bernhard Doppler · Berlin

Lebende Bilder vom Drankommen, Weggehen und Wiederkommen.

Will man das wirklich? Zurück noch einmal in das Gymnasium in jener Stadt, in der man als Jugendlicher gelebt und die man dann aber bald verlassen hatte? Soll man der Einladung für ein Maturatreffen nachkommen? Wird man, wenn man sich so viele Jahre nicht gesehen hat, nicht gleich erschrecken, wie behäbig, wie unansehnlich die einstigen Mitschüler geworden sind? Vor allem: Sie werden Spiegel sein, in den man nicht so gerne blickt, da man vor ihm nicht verdrängen kann, wie sehr man selbst gealtert ist. Nur mit Mühe wird man an manchen Zügen in den Gesichtern noch einige versteckte Reste der jugendlichen Ausstrahlung von damals entdecken und nur mit Mühe wird man dann jenes in alten Schwarz-weiß-Fotos festgehaltenen Schulleben von damals lebendig werden lassen können.

Und doch war auch alles bei jenem Klassentreffen gleichzeitig auch so wie früher! Ich bin also hingegangen. Bei Bettina zum Beispiel! Sie ist Stewardess geworden. Für Momente - fühlte man sich wieder auf gleicher Wellenlänge, flirtete ein wenig und war dann doch nach kurzem Palaver wieder abgeblitzt. Und Franz! Inzwischen selbst so voller dummer, erzkonservativer Statements wie damals seine entsetzlichen Eltern. Natürlich war er wieder sogleich von allen gnadenlos aufgezogen worden. Er verdient es, dachte ich - und gleichzeitig tat er mir dann doch auch irgendwie leid, und als dann auf einmal in Erinnerungen an Fußball-Nachmittage bei Manfred geschwelgt wurde, kam auch ich mir plötzlich selbst wieder wie damals ausgegrenzt vor. Als schlechter Sportler war man für diese Nachmittage nicht gefragt worden, gehörte dort nicht dazu. Das nagt noch immer. Lieber schnell wieder weg.

Maturatreffen sind ein guter Romanstoff. Franz Werfel hat in „Der Abituriententag“ das fünfundzwanzigjährige Maturatreffen des Jahrgangs 1902 eines Prager Gymnasiums sehr spannend geschildert. Es sind nicht alle gekommen, nicht nur die nicht, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren. Der „modern denkende“ Gerichtsrat Ernst Sebastian, aus dessen sarkastischer Perspektive das Treffen erzählt wird, sieht auch in denen, die kommen, uninteressante Mittelmäßigkeit. Er spottet bei sich über Zukurzgekommene, „Kanonenfutter eines knappen und hoffnungslosen Auskommens“. Dann gibt er in der Runde aber zum Besten, dass er gerade in einem ihm vorgeführten Prostituierten-Mörder den verschollenen ehemaligen jüdischen Mitschüler Franz Adler erkannt hätte. Unmittelbar vor der Matura, vor 25 Jahren also, hatte nämlich Franz Adler nach Amerika auswandern müssen; ihm war die Schuld an einer Urkundenfälschung, an der Korrektur von Schulzeugnissen zugeschoben worden. Niederträchtigkeiten, Konkurrenzkämpfe, Verbrechen, Verführungen und Erniedrigungen aus der Schulzeit kommen nun wieder in Erinnerung. „Geschichte einer Jugendschuld“ ist der Untertitel von Werfels Schulroman. Am Ende stellt sich heraus, dass der verurteilte Mörder, auch wenn man sich beim Maturatreffen sicher war, doch nicht der nach Amerika geflüchtete Mitschüler ist, sondern mit diesem nur den Namen und das Alter gemein hat. So sehr können sich also Bilder und Erinnerungen über die Schule von früher verselbständigen.

1927, zwischen den beiden Weltkriegen, findet dieses 25jährige Maturatreffen in Werfels Roman statt. 1927 ist auch das Jahr, in dem jene Klasse maturierte, die die Geschichts-AG am Akademischen Gymnasium Linz nun zunächst erforschte. Erste Ergebnisse präsentierte sie am 15.2.2017 dort in einem Abend, genannt „Die Schule“. Auslöser für die Recherchen war ein Maturafoto.

In der Mitte des Bildes auf einem Sofa eine junge Frau, die Beine übereinander geschlagen, der Blick fast gelangweilt. Doch bereitwillig scheint sie den Photographen anzublicken. Auch die zweite junge Frau auf einem Stuhl neben dem Klassenvorstand hat die Beine kess übereinandergeschlagen. Der Klassenvorstand, die Arme gekreuzt - Dr. Klug heißt er und unterrichtet Mathematik und Naturlehre - ist als einziger auf dem Bild salopper gekleidet, in einem helleren einfachen Anzug, während alle Schüler sich elegant in dunklen Anzügen meist mit Mascherl, wenige mit Krawatte, um den Lehrer und die beiden jungen Damen aufgestellt haben. Nur drei der jungen Herrn sitzen.

Das Foto wirkt ein wenig wie die Präsentation einer Varieté-Sängergruppe oder wie das Foto aus einem Film der Zeit, dem „Blauen Engel“, in dem Marlene Dietrich, „von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, den selbstbewussten Gymnasiasten, vor allem aber dem Lehrer Professor Rath den Kopf verdreht. Nein, die Frau auf dem Sofa ist nicht der blaue Engel, sondern Geli (Angela) Raubal, eine Nichte Adolf Hitlers, die aber tatsächlich als junge lebenslustige burschikose Frau, oft an der Seite ihres Onkels, herumwirbelte - bis zu ihrem frühen Selbstmord, vier Jahre nach der Matura.
Dass Mädchen, wenn auch nur wenige, ab 1922 ins Linzer Gymnasiums gingen, war Zeichen moderner freizügiger Zeiten und wurde ja auch bald vom österreichischen Ständestaat wieder rückgängig gemacht. Zwischen 1936 und 1954 gab es am Akademischen Gymnasium keine Schülerinnen mehr, und dann auch nur sehr wenige, hat die Arbeitsgruppe erforscht.

Gespräch mit Hitler

Auf dem Foto hinter dem Klassenvorstand, die Augen ein wenig verkniffen, der spätere ÖVP-Politiker und Nationalratspräsident Alfred Maleta; als Schüler „eher ein Smokingtyp“, wie er in seiner Autobiographie „Bewältigte Vergangenheit“ erzählt. Maleta umschwärmt Geli Raubal, begleitet sie auf dem Schulweg und eröffnet als Tanzpartner mit ihr verschiedene Faschings-Bälle.
Geli Raubal vermittelt den Mitschülern auch eine Begegnung mit ihrem Onkel. Der Nationalsozialismus ist noch in einer Anfangsphase. Die Klasse unternimmt zwischen schriftlicher und mündlicher Matura eine Exkursion nach München und trifft dort mit Adolf Hitler zu einer längeren Gespräch im Palais Bruckmann zusammen, oder besser: es ist ein Monolog Hitlers. Die Begegnung wird Alfred Maleta später ausführlich erinnern, auch in einem denkwürdigen Gespräch mit seinem Geschichtslehrer Hermann Foppa, das im November 1940, 13 Jahre später, stattfand. Da sind Schüler und Lehrer in größtem politischen Gegensatz. Maleta war gerade aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen, während sein Lehrer Hermann Foppa nicht nur NS-Gauschulinspektor, Gauhauptstellenleiter und Gaupropagandaredner, sondern auch Reichstagsabgeordneter in Berlin war. Das Gespräch zwischen ehemaligem Lehrer und ehemaligem Schüler soll sehr freundschaftlich verlaufen sein und bis zwei Uhr morgens gedauert haben.

Der Nachlass der Kriegsmatura

Merkwürdig dieser Hermann Foppa! Wenn von ihm gesprochen wird, dann - es scheint fast wie ein Reflex - um ihn in Schutz zu nehmen, um Verständnis für ihn zu zeigen, um ihn als Ausnahmelehrer zu loben und zu entschuldigen! Auch Alfred Maleta tut dies trotz der politischen Gegensätze immer wieder: Foppa sei, wenn auch von der Notwendigkeit des Anschluss Österreichs an Deutschland überzeugt, doch „Idealist“ gewesen. Aber engagierte er sich nicht unbelehrbar - wie es im Wikipedia-Eintrag heißt - nach 1945 in "rechtsextremen Kreisen"? Und war es nicht auch seine nationalsozialistische Tätigkeit, warum ihn 1950 Robert Haider zum Taufpaten seines Sohns, des FPÖ Politikers Jörg Haider machte? Keine leichte Hypothek.

Ich stelle mir Hermann Foppa als einen jener Lehrer vor, der gerade deshalb überzeugt, weil er damit kokettiert, Opposition zum verknöcherten Schulbetrieb zu sein, vielleicht so wie „Justus“ Dr. Bökh in Erich Kästners „Fliegendem Klassenzimmer“, ein Lehrer, der auch gleichzeitig immer voller Verständnis für die Rolle der Schüler ist, sicherlich manchmal auch auf Kosten der Lehrerkollegen. Vielleicht war es auch seine Erscheinung. Auf den Fotos sieht er wie der Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer aus. Eine Inszenierung als Freak? Oder interpretiere ich da zu viel in das Foto? Wenn Schüler einen Streich spielten, etwa Fische aufs Klassenpult legten, setzte Foppa mit jung gebliebenem Schülerherzen verständnisvoll noch eins drauf: Er ärgerte sich nicht über den Streich, sondern lässt noch während des Unterrichts Bier von einer Gastwirtschaft in die Klasse bringen. Alfred Maleta strebte ihm offensichtlich als Politiker, wenn auch mit gänzlich unterschiedlicher politischer Einstellung, nach. Nicht nur bei der Schulexkursion nach München, sondern auch nach Wien, wo er als Jugendlicher vor dem Parlamentsgebäude prophezeite, auch einmal darin als führender Politiker tätig zu sein. Der Geschichtslehrer Hermann Foppa war auch für ihn die wichtige Alternative zu allen anderen Lehrern. Während Maleta sonst über ein Genügend nicht hinauskam, hatte er, wie die Schülerarbeitsgruppe herausfand, bei Hermann Foppa zwar schwere Aufgaben zu lösen - von Marx bis Machiavelli und über die Europäische Einheit zu schreiben - aber immer in Geschichte einen Einser!

Voll Dankbarkeit erinnerte sich auch eine ehemalige Linzer Schülerin - mehr als 70 Jahre später - wie sie Foppa als Landesschulinspektor unbürokratisch vor dem Wiederholen einer Klasse bewahrte und eine schikanöse Versetzung eines Lehrers außer Kraft setzte. Wegen dieser Tat Foppas war sie eigens zum Geschichtsabend ins Akadmische Gymnasium gekommen. Es war auch die Schule, vor allem die Fürsprache des Lehrerkollegiums, weswegen das Strafverfahren gegen Hermann Foppa vor dem „Volksgericht“ in Linz 1948 wieder beigelegt wurde.

Im Archiv der Schule fand die Schülergruppe in mehreren großen Schachteln auch einen Nachlass, der eine Kriegsmatura betrifft, den Jahrgang 1941. Alle Klassentreffen sind festgehalten, die Einladungen aufbewahrt, auch die Reden, die dabei gehalten wurden. Informationen über den späteren Werdegang der Schüler sind in eigenen Büchern penibel dokumentiert. Sogar eine eigene Zeitschrift, eine Art Rundschreiben, „Civitas“ hat dieser Maturajahrgang herausgegeben. Ja es scheint so, dass sich die Gemeinsamkeit dieser Klasse nach der Schulzeit vor allem zwischen 1950 und 1970 noch intensivierte. Exkursionen bis nach Italien fanden statt, gemeinsames Eisstockschießen oder Wochenenden am Attersee. Und ausgerechnet in diesen Schachteln bin ich dann auch auf meinen Vater gestoßen! Er ist zwar später erst in diese Klasse gekommen, und nach der Matura aus Linz weggezogen. Insofern gehörte er nicht zum engen Zirkel. Ich finde meinen Vater auf den Fotos aber schnell, denn auf dem durchsichtigen Spinnenpapier, das in den Fotoalben über den Fotos liegt, hat man jedes Gesicht mit einer Nummer versehen. Mein Vater hat Nummer 2 und sieht nur wenig älter als nun mein Sohn aus. Ziemlich finster, ja fast ein wenig grimmig blickt die ganze Klasse 1938 bei einer Großdeutschland-Feier, nur wenige lächeln - ein bisschen. Wie ist das zu deuten? Auf den Wandertag-Fotos kann ich meinen Vater allerdings nirgendwo finden. „Ich bin da meistens nicht hingegangen“, erklärte er mir später, „ich bin im Bett geblieben, es regnet doch und vermutlich fällt der Wandertag aus, habe ich mir eingeredet.“ War also Schule in dieser Zeit doch nicht gar so streng? Doch die politischen Veränderungen waren immer sofort spürbar. Der Turnlehrer, den man auf den Fotos beim Schikurs sieht, war Widerstandkämpfer - auch solche Leute gab es am Akademischen Gymnasium. Er wurde hingerichtet. Fast alle Lehrer erschienen sonst, erzählt er mir, nach dem Anschluss Österreichs ans Dritte Reich mit Parteiabzeichen und einige gebärdeten sich sogleich als besonders stramme Nationalsozialisten. Die Lehrer aus der Vaterländischen Front wurden entlassen, aber einer, der zuvor Kassier für die Vaterländische Front war, trat so auf, wie wenn er sich damit nur als illegaler Nationalsozialist getarnt hätte.

Der Mitschüler Erich Alfred Quer

Wann musste man aus der Schule ausscheiden, wann gehörte man wieder dazu? Die Schulgeschichte ist oft verwirrend. Ein geradezu unheimliches Beispiel ist Erich Alfred Quer, ein Mitschüler meines Vaters. 1936 wird Quer vorübergehend wegen nationalsozialistischer Betätigung aus dem Akademischen Gymnasium verwiesen, - er ist überzeugter Nationalsozialist! Und gleichzeitig, wie sich zwei Jahre später herausstellt: Jude. 1938 wird Quer deshalb aus dem Gymnasium ausgeschlossen und emigriert mit seinen Eltern von Linz nach Kansas City in den USA, wo er bis 2009 als angesehener Chirurg tätig ist. Das Akademische Gymnasium hat ihn übrigens auch später nicht ganz losgelassen, auch wenn er in Linz die Matura nicht machen durfte. Er ist zu einem Treffen seiner Klasse gefahren. Allerdings soll er mit seinen Mitschülern in Linz fast ausschließlich nur mehr Englisch gesprochen haben.

Ob er tatsächlich in Deutsch schreiben soll, fragt sich auch John S. Kafka, als er über sich eine autobiographische Skizze verfassen soll. Deutsch, seine Muttersprache, ist für ihn im Alter von dreizehn Jahren „steckengeblieben“, viele Wörter sind - vor allem aber auch durch den Wortgebrauch der Nationalsozialisten - vergiftet.

Was aus John S. Kafka wurde

Mit John S. Kafka hat das Projekt über die Geschichte des Akademischen Gymnasiums seinen Anfang genommen. Kafka nahm den Kontakt mit dem Komponisten Peter Androsch, nachdem er 2013 dessen Maturarede im Absolventenreport gelesen hatte: 83 Jahre nachdem er die Schule verlassen hatte!
Johann Siegmund Kafka, so hieß er damals, verließ bereits nach drei Schuljahren das Akademische Gymnasium in Linz. Ehe er in die USA emigrierte, brachte ihn ein Onkel aus Strasbourg in einem französischen Internat unter. Den Antisemitismus der Linzer hatte er freilich auch schon vor dem Nationalsozialismus zu spüren bekommen. Seinem besten und liebsten Freund, Oskar Hillinger, war es plötzlich von dessen Vater untersagt, mit ihm zu spielen oder sein Haus zu betreten, da er kein Arier sei. John Kafka hat noch immer ein Foto von ihm aufbewahrt. Johann Kafka war ausgegrenzt und versuchte das durch sportliche Leistungen auszugleichen.

John Kafka gilt in Amerika nun weit mehr als ein halbes Jahrhundert als einer der führenden Psychoanalytiker und trotz seiner 95 Jahre betreibt er in Washington noch immer - wenn auch etwas eingeschränkt - seine Praxis. Er ist nicht nur in die psychoanalytische Gesellschaft integriert und hatte mit vielen nach New York emigrierten Schülern Sigmund Freuds engen Kontakt, auch seine amerikanische Familie ist inzwischen verzweigt und auch in den Kulturbetrieb integriert. Und ein wenig wie die amerikanischen Familie scheint auch die weitverzweigte Familie Kafka ihre kulturellen Verknüpfungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielen zu lassen. In der Washingtoner Wohnung erinnert aber nur mehr ein gusseisernes Maßband an Linz und Österreich, ein altes Werbegeschenk der Firma, die in Urfahr und auf der Landstraße 44 ihre Fabrik und ihr Geschäft hatte. „LUSKA Ludwig und Sigmund Kafka, K & K Hoflieferanten Brandweine, Konserven, Essig Senf, Gurken“.  

Das berühmte Maturafoto mit Geli Raubal (Bild: Akademisches Gymnasium), Maturaklasse 1941 (aufgestellt im Jahr 1939) - man scheut sich, sich ihre Zukunft vorzustellen.

Die Herrschaft der Rowdys

15. September 2018 · Bernhard Doppler · Linz · Oberösterreichische Nachrichten

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich auch das Verhalten von Schülern und Lehrern.

Der Linzer Hermann Bahr hat einmal gesagt, unsere Schule sei ein Tummelplatz der Mittelmäßigkeiten, doch was unsere Schule im Laufe der letzten Jahre geworden ist, brauche ich Ihnen nicht zu sagen: Der Rowdy, zum Ideal erhoben, herrschte in der Gestalt des HJ-Führers!" So eröffnete 1946 nach dem Zweiten Weltkrieg Direktor Hubert Razinger am Akademischen Gymnasium die Konferenz des Lehrkörpers. Es sei geradezu eine "weltgeschichtliche Tatsache", erklärte der Schuldirektor, "dass es Durchgefallene mit schwelenden Neid- und Rachekomplexen waren, die unsere Schule regierten – siehe die durchgeflogenen Mittelschüler Hitler und Eigruber (August Eigruber, der Gauleiter von Oberdonau, Anm.) – und damit die Welt und menschliche Kultur in Brand gesteckt haben."

Rowdytum in der Schule: In den Tischgesprächen, die Adolf Hitler 1942 im Führerhauptquartier in der Wolfsschanze führte, wurde öfter darüber geplaudert. Immer wieder lässt sich Hitler in seinen Monologen über Erinnerungen an seine Schulzeit an der Realschule Linz bzw. in Steyr aus, macht sich über die Aussprache seiner Lehrer lustig. Er prahlt mit seinen Lausbubenstreichen, wenn er etwa dem dicken Religionslehrer den Weg zwischen den Bänken versperrte oder ihn mit obszönen Schreibereien an der Tafel zur Verzweiflung brachte. Kaum einer der Lehrer habe Disziplin gehabt. Die "Revolution" sei in die Klassen gezogen, jeder konnte machen, was er wollte, amüsierte sich Hitler nostalgisch.

Bericht des Maturajahrgangs ’42

Das Schularchiv des Akademischen Gymnasiums kann durchaus Einblick gewähren, wie es während des Nationalsozialismus in dieser Schule zuging. Unter den Klassenfotos zur Feier der "Wiedervereinigung" finde ich auch meinen Vater: die Gesichter der Schüler forsch, aber eher finster und skeptisch. Doch "mit dem Ernst der Schule war es vorbei: Einmal eine Parade, dann der Empfang einer Parteigröße, die Professoren hatten Sorgen, wir den Übermut der Jugend. Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt – mochten die Eltern auch etwas besorgt sein." Diese Beobachtung findet sich in einem Bericht des Kriegsmaturajahrgangs 1942 – angefertigt nach dem Krieg.
 
Den nationalsozialistischen Lehrern schienen ihre Fächer nicht mehr so wichtig, und die, die 1938 übernommen wurden, obwohl sie nicht bei der Partei waren, agierten äußerst vorsichtig. Sie ließen sich von den Schülern schnell einschüchtern und hatten Angst, denunziert zu werden. Mit Kindern von nationalsozialistischen Eltern wollte man sich unter keinen Umständen anlegen.

"Physiklehrer N.", so steht es im Bericht des Maturajahrgangs 1942, "musste es sich gefallen lassen, dass wir während der Stunde aus dem Fenster der damals im Parterre liegenden Klasse sprangen, weil der Reichsarbeitsdienst mit klingendem Spiel und blitzenden Spaten eben durch Linz zog und unsere nichtsahnenden Herzen sich freuten." Und weiters, man liest die Eintragung nicht ohne Schrecken: "Was kümmerte es uns, dass dieser Rausch den anderen Elend bedeutete. Jetzt sprachen wir, jetzt waren wir Deutsche, alles Vaterländische war vorbei. Jede krumme Nase wurde zum Verhängnis, in der Schule geprügelt, auf der Straße geächtet."

Noch aufschlussreicher sind aber die Überprüfungsbögen des oberösterreichischen Landesschulrates. 1945 waren von 44 Lehrern am Akademischen Gymnasium 36 neu, nur acht waren übernommen worden. Direktor Hubert Razinger hatte bereits im Untergrund während des Nationalsozialismus – u. a. mit dem späteren Linzer Bürgermeister Koref – an neuen Lehrplänen für ein neues Österreich gearbeitet. 1938 war Razinger aus dem Schuldienst sofort entlassen und in eine Strafkompanie "einrückend" gemacht worden. Seine Berichte sind von psychologischer Einfühlung, Scharfsinnigkeit und großer, geradezu literarischer Anschaulichkeit.
 
Razinger war nicht nur Pädagoge, sondern auch Theaterkritiker und Regisseur. 1933 hatte er am Akademischen Gymnasium eine aufsehenerregende Aufführung von Gerhart Hauptmanns sozialem Drama "Die Weber" inszeniert, auf die der Dichter mit einem Dankschreiben reagierte. Auch die Überprüfungsbögen zeigen Politik als Theater – vor allem, wie schnell Lehrer politische Programme als Theaterrolle sehen und dabei ihre Kostüme wechseln, um inhumane Verhaltensweisen auszuagieren. Ich habe diese Akten mit meinem Vater durchgeblättert. Er war immer wieder fasziniert, wie ausführlich und verblüffend präzise der Lehrkörper in diesen Formularen charakterisiert wird. Das Bild der Schule war ihm – 73 Jahre später – plötzlich äußerst lebendig.

Der Lehrkörper war gespalten

Da ist Professor K., der den Unterricht in Stiefeln und SS-Uniform hielt: "Ein stadtbekannter Vollnazi ohne Einschränkung", wie im Überprüfungsbogen zu lesen ist. "Überall gefürchtet." Er hetzte bedenkenlos Klassen gegen ihre Lehrer auf, wenn diese ihm politisch nicht gefielen. "Als Nazi in Reinkultur" fand er selbst bei gemäßigten Altnazis einmütige Ablehnung. Sein Ansehen und sein berufliches Können seien gering. "Seit Mai 1945 ist er nicht mehr aufgetaucht." Aber es gab auch Professor F., "eine wissenschaftliche Natur", ein "Nazi aus Ängstlichkeit", ein gegenüber dem praktischen Leben hilfloser Mensch.

Professor P. erscheint in den Überprüfungsbögen fast als tragische Figur. Er war immer so ängstlich, erinnert sich mein Vater. Als entlaufener Benediktinermönch betonte er seine Konversion zum Nationalsozialismus und war ständig bedacht, dass ja nichts gegen die Partei gesagt wurde. Er war "sieggläubig" und noch in den letzten Kriegstagen über pessimistische Stimmungen sehr aufgeregt.

Man sprach nicht miteinander. Es gab in der sogenannten "Flüsterecke" die "Foppa-Clique" (benannt nach dem ehemaligen Kollegen Hermann Foppa, der inzwischen Landesschulinspektor, Abgeordneter im nationalsozialistischen Reichstag und "Gaupropagandaredner" geworden war).

Die ausführlichsten Berichte finden sich über Professor E., ja Hubert Razingers Beurteilung liest sich da beinahe wie eine Novelle von Thomas Mann. E., heißt es, sei eine seiner größten auch privaten Enttäuschungen gewesen – obwohl er schon bald die Schwächen seines Probelehrers durchschaute und dessen manchmal unehrliches Spiel auf E.s Spielschulden zurückführte. E. war mit der Familie Razingers sehr vertraut, doch nach dem Anschluss erwiderte er nicht einmal einen Gruß. "Ein Schwanken der Meinung wäre unter den damaligen Zeitumständen auch bei einem innerlich gefestigten Menschen irgendwie begreiflich gewesen, selbst eine weltanschauliche Erschütterung bei einem ringenden und suchenden Geist. Er war ein junger Mensch und er brauchte kein festes Weltbild zu haben, und in jedem Menschen stecken Widersprüche. Aber die Plötzlichkeit erschreckte und nahm selbst die Nazilehrer gegen ihn ein. Am 10. 3. 1938 war er noch an der Spitze der Vaterländischen Front und schluchzte bei der Demission Schuschniggs theatralisch. Am 13. 3. war er begeisterter Führer des Jungvolkes und meldete sich sofort bei der SA, die ihn aber zurückwies, weil man ihm doch nicht traute. Nun tat er Spitzeldienste und war nazistisch bis zum Überdruss. Besonders schikanierte er katholische Schüler, die er provozierend immer wieder aus antikirchlichen Tendenzschriften vorlesen ließ. E. mimte den kampfhungrigen Soldaten, weil er gleichzeitig wusste, dass er – medizinisch nicht kriegstauglich eingestuft – gar nicht genommen wurde."

Bühne frei für Professor E.

Sein schauspielerisches Talent gestattete es ihm, nach ärztlichen Untersuchungen sogar zu schluchzen, weil er schon wieder nicht an die Front durfte. Es waren "Possenreißereien", die ihn auch für die Nazis als sonderbare Gestalt erscheinen ließen, "ein Charakter, der den Stürmen der Zeit nicht gewachsen war".
Professor E. ist dann doch noch nach 1945 als Lehrer untergekommen – am Realgymnasium in Wels. Er zeige erkennbaren Willen zu ehrlicher österreichischer Aufbauarbeit. Sicherlich, heißt es im Schreiben des Welser Schuldirektors, eine gewisse Selbstgefälligkeit trete an ihm hervor. Professor E. "möchte seine unzweifelhaft vorhandene schauspielerische Begabung in die Tat umsetzen und hört sich gerne öffentlich reden. Vorlesungen aus religiösen Schriften in größerem oder kleinerem privaten Kreis schaffen ihm die Möglichkeit, Geltungsbedürfnis zu befriedigen und die österreichische Linie zu betonen." Schule – auch hier als Theater also.

Buben aus der Schule bei der Großdeutschland-Feier 1938, Lehrkörper 1943 (Bilder: Akademisches Gymnasium)

Der Geist der Operette

November 2019 · Peter Androsch · Linz


Was wurde aus den Schülern Nico Dostal und Eduard Macku?
 
"Blauer Nil und warmes Gefühl" ist ein Reim in Nico Dostals Operette "Prinzessin Nofretete", - "Nofretete und Kette" ein anderer. Meine Vorurteile dem Genre gegenüber werden dadurch natürlich nicht weniger. Trotzdem muß ich als Kollege auf den Komponisten Dostal hinweisen, der in den Jahren des Ersten Weltkriegs am sogenannten Staatsgymnasium maturierte. Zur Zeit ist eine leichte Renaissance von Dostals Operetten im Gange. Barrie Koskys große „Clivia“-Show an der Komischen Oper in Berlin machte 2014 den Anfang. Mit „Clivia" gelang 1933 Dostals Durchbruch. Mit der 1936 etwas abseits der Operettenmetropole Berlin in Köln uraufgeführten „Prinzessin Nofretete“ ließ sich eine Engpass überbrücken, den die Nazis mit ihrem Rassenwahn in der Leichten Muse zu verantworten hatten. 2017 hat die Musikalische Komödie in Leipzig diese Ägypten-Paraphrase ausgegraben und eine hochgelobte Inszenierung hingelegt.
 
1933 also kam Nico Dostals Karriere richtig in Schwung, tatsächlich zeitgleich mit dem Nationalsozialismus. Im selben Jahr, als er mit "Clivia" seinen ersten großen Erfolg feierte, richtete er auch das "Charakterstück" "Die kleine Hitler-Garde kommt" für Orchester ein. Sein Name findet sich auf der sogenannten "Gottbegnadeten-Liste" für "unabkömmlich-gestellte Künstler/Komponisten für Film und Funk und Begleiter für Funk und Konzert". Er war somit während des gesamten Zweiten Weltkriegs vom Front- und Arbeitsdienst freigestellt.
  
Der Link zu operetta-research-center.org erhellt so manche Hintergründe: http://operetta-research-center.org/ich-reis-mir-eine-wimper-aus-und-stech-dich-damit-tot-die-entnazifizierung-der-ns-operette-zwischen-1945-und-2015/
Dostal starb 1981 im Alter von 85 Jahren in Salzburg. Der Nachlass des Komponisten befindet sich seit 2018 in der Collection Nico Dostal an der Universität Salzburg. 
 
Wer Dostal erwähnt, darf an Eduard Macku nicht vorbeigehen. Schon während der Schulzeit gründete Macku am Gymnasium ein Schülerorchester. Auch er widmete sich zeitlebens der Operette, als Dirigent, Organisator und Komponist. 1936 siedelte er nach Wien und machte sich vor allem als Dirigent von Unterhaltungsveranstaltungen im Konzerthaus einen Namen. In den 60ern war er der Gründervater der heute "Lehár Festival Bad Ischl" genannten Festspiele. Macku starb 1999 in Wien.
 
So, - genug Operette.
 
Ein wunderbares Plattencover mit bemerkenswerter Farbgebung, Prinzessin Nofretete, Premiere 25.03.2017, Ballett der Musikalischen Komödie, Leipzig (Bild: Kirsten Nijhof)

Das Spittelwieser Regime

November 2019 · Peter Androsch · Linz

Von der Geschichtswissenschaft bisher unbeachtet wurde im Rahmen der Recherchen zu "Die Schule" eine mehr als 50jährige Deep-State-Formation identifiziert.

Die Spittelwiese kontrollierte das Landhaus über Dekaden.

Ist es ein gutes oder ein schlechtes Omen? Nach 1945 sind schon drei Landeshauptleute Oberösterreichs Absolventen der selben Schule. Einer Schule, die praktisch neben dem Regierungssitz, dem Linzer Landhaus liegt. Haben die drei schon als Kinder den Magnetismus der Macht verspürt? So wie Gerhard Schröder, von dem erzählt wird, dass er in seinen Jugendtagen nach einer Sauftour am Zaun des Kanzleramtes gerüttelt und geschrien haben soll: "Ich will da rein!"
 
Oder ist Oberösterreich so unheilbar verhabert, dass sich die - alle der ÖVP angehörenden - Herren das quasi als Deep State ausschnapsten? Dem naiven Glauben, dass das heutige Akademische Gymnasium so unvergleichlich bessere Bildung (Ausbildung?) zu bieten hatte als andere Gymnasien, werden wohl nur wenige verfallen. Heinrich Gleißner, Maturajahrgang 1912, Erwin Wenzl, Maturajahrgang 1940, Josef Ratzenböck, Maturajahrgang 1948, reichten das höchste Amt des Bundeslandes praktisch unter sich weiter. Deshalb sollten die unglaublichen fünfzig Jahre von 1945 bis 1995 eigentlich das Spittelwieser Regime heißen. Nicht nur Wenzls Schulkollege Rupert Hartl hatte an diesem Regime als SPÖ-Landeshauptmann-Stellvertreter von 1974 bis 1982 erheblichen Anteil, auch der "legendäre" Linzer Bürgermeister Ernst Koref, Schüler und später Lehrer ebenda. Hugo Schanovsky, der im Jahr 1946 maturierte, positionierte den Deep State als Bürgermeister in den Jahren 1984 bis 1988 im Linzer Rathaus. Haben sich die alle schon in der Schulzeit ausgemacht, wer was wann wird?

Gleißner wirkte schon im austrofaschistischen Ständestaat von 1934 bis 1938 als Landeshauptmann. Die Nazis sperrten ihn dann in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Dort, wo mein Urgroßvater wegen Defaitismus ermordet wurde. Ähnlich wie Gleißner erging es seinem Parteifreund Alfred Maleta, der später Nationalratspräsident in Wien wurde und bis in die 80er-Jahre bei den Oö. Nachrichten bestimmend war. Diese Zeitung liegt nur eine Gasse weiter. Es ist ein bißchen (zu) viel beinander im Zentrum der Provinzstadt Linz, eben ein historisch brisantes Viertel.

Ein Blick zu den Anfängen

Wer heute die Furcht hat, dass die Spittelwiese als Teilorganisation der ÖVP wahrgenommen wird, sollte an den Anfang denken. Die Geschichte des Akademischen Gymnasiums ist an sich schon europaweit einmalig. Es wurde vom protestantischen Adel 1542 gegründet und ist somit das älteste Akademische Gymnasium zumindest Österreichs. Das Land Oberösterreich ("Ob der Enns") war praktisch zur Gänze lutheranisch. Die Eliten hatten schnell genug von der reaktionären katholischen Universität in Wien und wollten die Schule zur Universität ausbauen. Mit Johannes Kepler führte dies 1612 einen der führenden Wissenschaftler seiner Zeit als Lehrer her. Die Gegenreformation brachte aber schnell ein brutales Regime. Es bestand ein fatale Wahl: Rübe ab, Emigration oder Rekatholisierung, wenn nötig mit Gewalt. Ein Brain Drain fand statt, der dem von 1938 in nichts nachsteht. Im Land blieben die Armen, die Feigen, die Blöden. Es sollte Jahrhunderte dauern, bis sich das Land davon halbwegs erholte.

Seit dieser Zeit war die Schule im Geheimen auch ein Hort jener, die ihre Kinder nicht total dem Katholizismus überlassen woll(t)en. Und natürlich schauten die gerade noch protestantischen und seit kurzem katholischen "Katholiken" neidvoll auf die Länder, wo die Reformation gewonnen hatte. Es entstand so etwas wie eine großdeutsche Sehnsucht. Verständlicherweise wollten diese Schichten mit dem österreichischen Staat, dem Kaiser in Wien und der Katholischen Kirche nichts mehr zu tun haben. Wer die Phänomene des österreichischen Rechtspopulismus, -extremismus und Neofaschismus verstehen will, sollte da anfangen.

Umgeben vom Wahnsinn

Machen wir einen großen Sprung: Im 20. Jahrhundert kamen in der Schule Protestanten, Juden, Sozialisten, Kommunisten und Nazis zusammen. Und - welche Ironie! - erst durch Hitlers Schließung der konfessionellen Schulen wurde die Spittelwiese zu einer eindeutig überwiegend katholischen Schule. Wir können tatsächlich feststellen, dass die Schule bis 1938 eine andere Schule war als nach 1938 und nach 1945. Und die Umgebung ist ja vermint durch die Biografien der Massenmörder: Adolf Hitler, Adolf Eichmann, Ernst Kaltenbrunner, August Eigruber, die zwar nicht Schüler der Schule waren, aber quasi nebenan gelebt, gewohnt, gewirkt haben.

Einige Reportagen und einige Abschnitte des Musiktheaters behandeln ausführlich die Zeit der 30er- und 40er Jahre und sind auf dieser Homepage nachzulesen. Packende Schicksale, manchmal assoziativ, manchmal tatsächlich verbunden, drängen sich dabei auf. Johann Siegmund Kafka, jüdischer Neffe vom Hausarzt der Familie Hitler, Eduard Bloch, beobachtete die ersten Schüsse des österreichischen Bürgerkriegs 1934 von seinem Kinderzimmerfenster in der Landstraße 36 aus. Sein jüdischer Schulkollege Hans Kronberger: Er wurde einer der Schöpfer der Atommacht des United Kingdom und verstarb unter mysteriösen Umständen in den 70er-Jahren. Geli Raubal, Hitlers Lieblingsnichte und Alfred Malettas Geliebte, maturierte hier 1927 und war 1931 schon wieder tot. Hermann Foppa, Geschichtelehrer, Abgeordneter im Nazi-Parlament von 1938 bis 1945, entkam knapp dem Volksgericht, bis zuletzt enger Freund Robert Haiders und Taufpate seines Sohnes Jörg. Erich Quer deutschnational gesinnter Jude, HJ-Führer in Urfahr (sic!), schnellstens entfernt 1938 von den Reichsnazis, floh schließlich in die USA und werkte Jahrzehnte als Chirurg in Kansas City. Erasmus Reichel, Naziraufbold, stieg zum großen Killer während des Röhm-Putsches 1934 auf. Schon kurz danach entzog er sich und landete in Südamerika. Dort wurde er zum Vater der kolumbianischen Anthropologie, - wer begreift so etwas?

Doch auf irgendeinem Weg kommt das, was man nicht sehen will, dann doch immer wieder zurück. Stefan Ruzowitzky, Maturajahrgang 1981, gewann 2008 mit seinem KZ-Drama "Die Fälscher" den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. 2013 wird ein Neonazi-Ring in Desselbrunn gesprengt, der sich ausgerechnet im Haus von Ruzowitzkys Vater Erich eingemietet hatte. Die Unterwanderung österreichischer Behörden und Gerichte durch Nazi-Sympathisanten wird dadurch offensichtlich: http://www.profil.at/home/lange-leitung-neonazi-ring-oberoesterreich-351822. Heute, 2019, ist das an sich gar nicht mehr erwähnenswert, weil sogar das Innenministerium unterwandert ist von Menschen, die in ihren Verbindungen aus Liederbüchern singen, die zwischen 1938 und 1945 gedruckt zu sein scheinen.

Andere Perspektiven

2017, auf einer fast zweimonatigen Tour durch die USA, natürlich nach einem Besuch bei der Familie Kafka in Washington, landete ich in einem Trödlerladen in Seligman. Hier erstand ich Simon Wiesenthals Biografie. Sie gibt viel her, um die Linzer Verhältnisse in der Nachkriegszeit erfassen zu können. Segev greift auch auf die Arbeit der akribischen Historiker vor Ort zurück, wie Michael John, Walter Schuster u.a. Und selbst Leo Franks Buch "Geständnis: Das Leben eines Polizisten" wird als Quelle verwendet.

Am Umschlag klebt noch das Pickerl vom Garage Sale ($ 5-); Wiesenthal inspiziert den zukünftigen Leser mit einer Riesenlupe. Von 1945 bis 1961 betrieb er weitgehend unbedankt die Verfolgung von Nazi-Tätern von Linz aus. Wiesenthal war übrigens einer der Überlebenden aus dem KZ Mauthausen, die in der Zeitschrift "Aula" als "Massenmörder" oder "Landplage" bezeichnet wurden. Der Fall sorgte bereits im Dezember 2015 für Empörung, weil das Verfahren gegen den Autor eingestellt wurde. Die Staatsanwältin begründete das damit, dass es "nachvollziehbar" sei, dass die 1945 befreiten Häftlinge aus dem KZ Mauthausen eine "Belästigung" für die Bevölkerung darstellten. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Österreich in der "Landplage"-Causa verurteilt. Eine Schande.

2006 veröffentlichte das letzte jüdisch geborene Kind vor dem Anschluss seinen Film zu Linz: "Bischofstraße 7". Micha Shagrir, als Michael Schwager hier nebenan geboren, Nachbar der Familie Eichmann, Kind der berühmten Zuckerl-Schwager ist in Israel aufgewachsen und ging nach 60 Jahren die Familiengeschichte nach, gemeinsam mit dem zufälligen Linzer, Historiker Shlomo Sand. Es reicht in einem Leben nicht von Nazis bedroht und vertrieben zu werden. Shagrirs Frau Aliza wird 1980 vor der Synagoge in der Rue Copernic in Paris bei einem Terroranschlag in die Luft gesprengt. Sie war auf Urlaub und stand auf dem Gehsteig. Zuerst vermutete man Neonazis hinter dem Anschlag mit vier Todesopfern, dann drehte sich der Verdacht in Richtung radikaler Palästinenser. Wie kann man das alles in einem Leben aushalten?


Zu den Bildern: Deep State und monarchische Herrschaftskontinuität - beginnend mit Heinricht Gleißner, dann Erwin Wenzl, den die Schließung der konfessionellen Schulen durch die Nazis an die Spittelwiese brachte, und Josef Ratzenböck, mit dem das Spittelwieser Regime endete ( - so weit wir wissen). Sein Nachfolger mußte am Stifter-Gymnasium maturieren (!!).
Adolf Hitler, ging neben der Spittelwiese in die Realschule in der Steingasse. Adolf Eichmann wohnte in der Bischofstraße 3. Ernst Kaltenbrunner kam aus Raab nach Linz, wo er als Schüler laut Peter Black zuerst in Bertha Katzers Pension in der Waltherstraße 20 unterkam. August Eigruber residierte als Gauleiter im Landhaus. Die Spittelwiese war umgeben vom Wahnsinn.
Alfred Maleta und sein Lieblingslehrer, der Nazi Hermann Foppa, immer als Andreas Hofer-Wiedergänger verkleidet. Maleta schwärmt noch in seinen Memoiren von Geli Raubal und den Spaziergängen im Regen am Kürnberger Wald. Und das nach Jahren im KZ!
In Seligman an der Route 66 fiel mir ein Buch in die Hände, das meinen Blick auf Linz eminent erweiterte: Tom Segevs Biografie von Simon Wiesenthal.


Der Klang der Schule

Mai 2018 · Peter Androsch · Linz · Absolventenreport Akademisches Gymnasium

 
Seit in den 60er-Jahren der Kanadier R. Murray Schafer die Akustische Ökologie begründete, entstand eine Vielzahl von Methoden, um die akustische Umwelt verstehen und verändern zu können. Als Soundscape ("Klanglandschaft") wird das Zusammenwirken aller akustischen Erscheinungen verstanden: Natur- und Alltagsgeräusche, Sprache, Arbeits- und Maschinenlärm, Musik. Seither ist das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Schall für den Menschen beträchtlich größer geworden. Auch den Lebensraum Schule kann man von dieser Warte aus betrachten: als akustischen Kosmos.
 
Jedes Haus ist ein Instrument. Die Luft ist eingeschlossen in verschieden großen Räumen. Fenster, Türen und Tore sind Ventile, wie die Klappen an Klarinette oder Trompete. Und Schall ist meist nichts Anderes als bewegte Luft. Wenn ein Fenster nicht ordentlich schließt, dann kann es schnell unangenehm im Diskant pfeifen. Die Leitungen für Wasser, Kanal, Gas sind wie riesige Rohrinstrumente. Sie transportieren Geräusche über weite Strecken. Und wenn auf der Straße ein LKW brummt, vibrieren die Fensterscheiben bedrohlich. So wie bei einem leisen Tremolo das Fell einer Pauke. Türen schlagen, das Kratzen und Quietschen von Stühlen und Bänken, aber auch der Kreide auf der Tafel, das Knarren der Holzfussböden, - all das sind die geräuschhaften, perkussiven Klänge. Wie ein Instrument prägt das Gebäude mit allem Interieur Schall und Klang. Je größer das Haus ist, umso mehr kann es daher auch als Orchester betrachtet werden.
 
Das mächtige Gebäude des Akademischen Gymnasiums ist ein solches Orchester. Die 98 Fenster und zwei Tore, die alleine zu Herrenstraße und Spittelwiese gerichtet sind, sind die Membrane des Hauses. Durch sie klingt es heraus und hinein. Manchmal recht ungestüm, wenn im Sommer alles offen steht. Manchmal verhüllt, gedämpft. In jedem Augenblick entsteht eine unüberschaubare Fülle an Klängen in und durch das Haus. Und wer das Haus akustisch untersucht, kommt dem Kern der Schule, ja jeder Schule recht nahe.
 
Die Klangwelten, die die Schule umgeben, haben sich im Lauf der Zeit grundlegend geändert. Die Geschichte geht zurück auf das Jahr 1542 und ist mit der Entwicklung Oberösterreichs eng verbunden. Der damals fast durchwegs protestantische Adel gründete die als "Evangelische Landschaftsschule" bezeichnete Einrichtung auch als Akt der Emanzipation. Unter den Lehrern und Direktoren befanden sich berühmte Wissenschaftler und Dichter. 1612 wurde Johannes Kepler als Kartograph und Lehrer an die Schule berufen, wo er 14 Jahre lang wirken sollte. 35 Werke entstanden während dieser Zeit, auch das wichtige „Harmonices mundi“. Es ist ein Versuch, der Welt der Zerstörung und religiösen Intoleranz während des 30-jährigen Krieges die Idee der Harmonie entgegenzusetzen. Wir finden in dem Buch wieder die uralte Idee, dass Verhältnisse, die sich in den Planetenbahnen finden lassen, mit musikalisch-harmonischen Proportionen verwandt seien. Das läßt sich natürlich nicht nachweisen. Was aber unstreitig ist: der Mensch kann ohne Schall und Klang nicht leben. Nicht ohne Grund nennt er sich selbst Person, was auf das lateinische "personare" (durchklingen) rückführbar ist. Klänge begleiten uns immer. Sie helfen bei der Orientierung in der Umwelt und beim Ausdruck von Empfindungen. Insofern sind Klänge genauso "ewig" wie die Planeten.
 
Paul Hindemiths 1957 uraufgeführte Oper "Die Harmonie der Welt" beschäftigt sich mit Keplers Leben und Lehren. Sie wurde in der vergangenen Spielzeit im Linzer Landestheater wieder erfolgreich gespielt. Kepler selbst mußte 1626 flüchten. Der Sieg der Gegenreformation stellte den größten Teil des Adels und der Intelligenz vor die Wahl: Bekenntniswechsel, Emigration oder Tod. Es fand ein unglaublicher Braindrain statt, der mit jenem von 1938 vergleichbar ist.
 
Das bis heute genutzte Schulgebäude in der Spittelwiese wurde von 1870 bis 1872 nach den Plänen des Wieners Karl Stattler erbaut. Stattler war ein viel beschäftigter Architekt für Schul- und Universitätsbauten. Die als Historismus bezeichnete Mode seiner Zeit galt der Nachahmung von vergangenen Epochen wie der Antike oder der Renaissance. Der Rückgriff auf vermeintlich "große" Zeiten prägte auch ideologisch die Zeit. Die Monarchie sitzt nach der gescheiterten Revolution von 1848 fest im Sattel. Der katholischen Kirche wurde das Dogma der unbefleckten Empfängnis Mariens beschert, was schon damals ziemlich retro war.
 
Halle und Hall
 
Für den Klang des Hauses ist die historistische Gestaltung nicht unbedingt von Nachteil. Wer in das monumentale Eckgebäude eintritt, findet sich im beeindruckenden Foyer, einer regelrechten Empfangshalle wieder. Das ist für die kleinen Erstklässler durchaus einschüchternd. Kein Wunder, denn Stattler ist ein Könner der Herrschaftsarchitektur. Alle Flächen sind aus harten Materialien, Wände, Böden, Decken großteils parallel, - da wird jedes noch so kleine Geräusch mehrfach reflektiert und damit ordentlich verstärkt und örtlich nicht mehr zuordenbar. Der Mensch erschrickt darüber, welchen "Lärm" er selbst nur durch seine schnöde Existenz erzeugen kann. Ein alter Verunsicherungstrick, den schon die Griechen und Römer kannten. Gleichzeitig wird dadurch der Raum fast sakral, hier könnten die schönsten Choräle gesungen werden. Die Raumakustik überhöht jeden Klang allerdings so weit, daß die sprachliche Verständigung erschwert wird. Ein besseres Beispiel für die etymologische Einsicht, daß Halle und Hall das gleiche Wort sind und auch das gleiche meinen, läßt sich schwer finden.
 
Wer an den Säulen vorbei zum Stiegenhaus hinaufgeht, sieht eine monumentale Treppe. Zweiarmig und dreiläufig nennen das die Fachleute. Das heißt, daß eine große Treppe in der Mitte bis zum Halbstock läuft, und dann führen zwei links und rechts gelegene Treppen zurück bis zum nächsten Stock. Das ist so riesig, daß hier Aufmärsche stattfinden könnten. Zum Glück ist das nicht mehr en vogue. Aber ein ohrenbetäubender Lärm findet hier regelmäßig statt. Und zwar immer, wenn nach der letzten Stunde die Glocke läutet und die Türen der Klassenzimmer in einer Kaskade auffliegen. Wie ein Schwarm startender Vögel sausen die Türflügel auf, eine flüchtende Herde stürzt die Treppen hinunter und ergießt sich aus den Toren ins Freie. Es klingt wie das Schreien eines waghalsigen Starenschwarms und das Getrampel einer Pferdeherde gleichzeitig. Dann ist schlagartig - nichts.
 
Erst langsam justiert sich das Ohr wieder auf die feinen Klänge ein, die in der Schule hängen bleiben wie Schallweben: der Luftzug, der durch die Gänge streift, die ermatteten Schritte der Lehrerinnen, das zarte Surren des elektrischen Lichts, das Brummen der Kühl- und Getränkeautomaten. Und immer wieder erschrickt das brutale Zuschlagen der Türen. Die riesigen Flügel sind mit einem automatischen Schließer versehen, der sie wie eine Klapper in die Falle peitscht. Da rast ein Explosionknall durch die Gänge und Stockwerke und verebbt erst mühsam. Volumen, Form, Material und Oberfläche des Raumes formen den Klang, das zeigt sich hier exemplarisch. So gesehen sind die Architekten die Sounddesigner. Denn sie entscheiden, wie diese vier Parameter gestaltet sind. 
 
Der Klang der Stadt
 
Wenn Hausfassaden glatte, harte Flächen aufweisen, dann ergeben sich richtige Lärm-Canyons in den Straßen. Die Geräusche von Autos, Mopeds und LKWs werden von diesen Flächen zurückgeschleudert und verstärkt. Das ist auf der Spittelwiese gar nicht so. Die Fassaden sind stark gegliedert, es gibt Vorsprünge, unterschiedliche Putzarten und Materialien. Der Schall zerstiebt an den Oberflächen. Besonders auffällig ist das, wenn am letzten Schultag vor den Ferien die ganze Spittelwiese voller Autos ist. Chaotisch fahren die Eltern hin und her, halten kreuz und quer. Die Motoren laufen, die einen kommen an, die andern rauschen los. Alle wollen gleichzeitig in den Urlaub. Und trotzdem klingt es hier gut. Allen plappern, rufen, reden, hören, hören zu.
 
Eine Stimme haben und Gehör finden ist die Basis des menschlichen Zusammenlebens. So einfach ist die Geschichte. Vielleicht ist deshalb eine Bausünde so verschämt verborgen. Nur Eingeweihte wissen, daß Ende der 80er-Jahre mit der Taubenmarkt-Arkade auch ein Zubau für acht Klassen, Turnsaal und Nebenräume errichtet wurde. Beton und Glas wohin das Auge reicht, parallele Wände, harte Oberfläche, ein irrwitziges Treppenhaus, das ohrenbetäubenden Lärm erzeugt. Nicht die Kinder sind da laut, sondern die Architektur. Wie so oft in Schulen haben die Planer nicht begriffen, daß das Innerste der Schule der Austausch von Schallwellen zwischen den Menschen ist, seien sie nun Schülerinnen und Schüler oder Lehrerinnen und Lehrer. Gleichgültig welcher pädagogischen Richtung sich die Schule verschreibt, die sprachliche Kommunikation ist und bleibt der Kern der Schule.
 
Zwei Detailaufnahmen aus der Schule (Bilder: Peter Androsch und Natalie Pichler), Szene aus Hindemiths "Die Harmonie der Welt" (Bild: Musiktheater Linz, Thilo Beu)

Kontinuitäten Absurditäten

März 2017 · Linz


Richtigstellung



Die Topographie der Utopie

15. Juni 2013 · Peter Androsch · Linz · Akademisches Gymnasium
 
Mit dieser Rede begann das Projekt "Die Schule". Es die Maturarede, die Peter Androsch auf Einladung von Direktorin Erika Hödl, im Juni 2013 hielt. Diese Rede wurde im Absolventenreport abgedruckt und an die Absolventen verschickt. Kurz darauf meldete sich bei Peter Androsch der ihm bis dahin völlig unbekannte John S. Kafka aus Washington per Email. Die Begegnung mit seinem Schicksal war der Initialpunkt.
 
15. Juni 2013 · Peter Androsch · Linz · Akademisches Gymnasium
Die Topographie der Utopie
(redigiert November 2019)
 
Maturarede
 
Sehr geehrte Maturierte,
sehr geehrte Frau Direktorin,
sehr geehrte Mitglieder der Prüfungskommission,
liebe Eltern,
sehr geehrte Feiergäste!
 
Ich freue mich, daß Frau Direktorin Hödl mich eingeladen hat, zu Ihnen zu sprechen. Ich bedanke mich auch für die Einladung, wenngleich mir durch sie schmerzlich bewußt wird, wie schnell 32 Jahre vergehen können. 1981 bin ich als 18jähriger selbst hier gestanden .... -- ich erinnere die Kolleginnen und Kollegen, die gar nicht schnell genug die Schule verlassen konnten. Sie hasteten in eine neue Freiheit, die nicht von der Früh bis zum Nachmittag reglementiert war. Ich blieb lange zurück und wußte Jahre nicht, wohin ich mich wenden sollte.
 
Die Topographie der Utopie
 
Unter diesem Titel möchte ich einige gar nicht stringent zusammenhängende, disparate Themeninseln besprechen, die für mich zur Zeit wichtig sind und vielleicht auch für Sie das eine oder andere Interessante beinhalten: Klang und Bild, Kultur und Kunst, Wut und Bettelei, Bildungsstandards, Erziehungsmaschine, Sparen, das Konto meiner Mutter, zwei Parlamente und Conclusio.
Der Topos ist auf Altgriechisch der Ort, und die Topographie die Ortsbeschreibung. Die Utopie ist ein philosophischer Begriff aus dem 16. Jh. von Thomas Morus. Ich verwende ihn wörtlich als Nicht-Ort. U --- nicht, Topos --- Ort.
 
Als Komponist ist man Spezialist für U-topien. Weil die Musik keinen Ort hat. Die Schallwelle hat vielleicht einen Ursprung, eine Quelle, der sie entspringt, --- sei es ein Instrument, ein Lautsprecher, ein singender Kopf, aber es geht immer um die Bewegung der Luft. Die Musik ist per se etwas Utopisches, --- sie hat keinen Ort. Sie ist immateriell. Vielleicht halte ich deswegen die Musik für die edelste aller Künste betrachte, weil sie so unkörperlich ist. Natürlich ist der Gedanke problematisch. Denn in ihm versteckt sich die Prämisse, daß das Geistige das Gute, und das Körperliche das Schlechte sei. Die Musik wäre also das Reine, das Unbefleckte. Das läßt auch Rückschlüße auf meine geistige Konstitution zu. Aber bleiben wir einmal bei der Feststellung: Die Utopie ist ein Nichtort, daher ist die Musik utopisch.
 
Die Topographie ist eine Ortsbeschreibung, also im Grunde ein Plan. Ein Plan, der beschreibt, wie ich zu einem bestimmten Ort gelange. Ich bin zu dem Begriff gekommen, weil ich nun schon seit über 10 Jahren aus den handschriftlichen Partituren von meinen Werken Bilder generiere. Ich habe schon relativ bald, schon in den 90er Jahren, wieder aufgehört, mit dem Computer Musik zu notieren. Mit Computer Musik machen, das tue ich noch immer. Den Computer sozusagen als Instrument nutzen. Aber die Notation von Musik mache ich eben schon lange nicht mehr mit dem Computer. Und zwar aus der Erfahrung und dann aus der Überzeugung heraus, daß die Programme, die zur Verfügung stehen, die Denkprozesse viel mehr prägen, als der Denkende die Abläufe, die im Computer möglich sind.
 
Die freieste Form der Notation ist noch immer jene mit dem Stift auf das weiße Papier, bzw. das linierte Papier. Und aus dem hat sich in vielen Jahren eine sehr intensive, fast kalligraphische Schriftkunst entwickelt. Bald hat sich gezeigt, daß in den Partiturseiten ein gewisser graphisch-ästhetischer Reiz steckt. Aus der Tatsache ist die Idee der Phonographie entstanden. Die Phonographie ist eine Klangschreibung. Die produziere ich nach einem ganz einfachen Prinzip: alle handschriftlichen Seiten der Partitur werden gescannt und dann übereinander gelegt. So entsteht eine mehr oder weniger dichte Schriftlandschaft. Es sind Bilder, die bis zu 2 x 3 Meter groß sind. 
Um klar zu machen, worum es dabei geht, habe ich die Phonographie eben auch als Topographie der Utopie bezeichnet. Als sichtbarer Plan für die Erreichung des Nicht-Ortes. Man kann diese Bezeichnung wie gesagt auch für die Partitur oder die Musik an sich verwenden. Aber bei mir sind es eben Bilder, die ich als Ortsbeschreibungen eines Nicht-Ortes sehe.
 
Noch dazu steht die Überzeugung dahinter, daß die Phonographie eine Ansammlung Goldener Schnitte auch sein kann. Der Goldene Schnitt ist ja ein bestimmtes Verhältnis, im übertragenen Sinn gibt es natürlich viele goldene Schnitte, also richtige Proportionen.... Und wenn man weiß, daß in der Musik die Proportionen, also die Verhältnisse der Töne zueinander das Wichtige sind, dann kann man vielleicht auch - etwas esoterisch angehaucht - glauben, daß in der Phonographie die Sammlung der akustischen goldenen Schnitte zu sehen ist. So bin ich auf den Begriff der Topographie der Utopie gekommen. Das mag für Sie vielleicht gar nicht so interessant sein. Aber wenn man nachdenkt über den Zusammenhang von Bildung, Kultur und Kunst, dann könnte man den Begriff auch ganz anders deuten.
 
Kultur und Kunst
 
Problematisch erscheint mir, die Verwechslung oder Gleichsetzung von Kultur und Kunst. Wenn von Kulturpolitik die Rede ist, glaubt man, es geht um Kunst. Denken wir an Linz, hier beschäftigt sich der Kulturstadtrat Watzl, gar nicht so sehr mit Kultur, sondern mit Kunst, mit Kunstinstitutionen, mit Kunstorten, der Vergabe von Fördergeldern für Künstler usw. Das hat aus meiner Sicht mit Kultur wenig zu tun. Die Kunst ist ein ganz kleiner Teil der Kultur.
Wenn wir über die römische Kultur sprechen, meinen wir auch nicht, wie die Römer Bilder gemalt oder musiziert haben. Sondern wir meinen, wie die Römer ihr Gemeinwesen organisiert haben. Welche gesellschaftlichen Strategien hat es gegeben? Wie wurden politische Abläufe geregelt, wie haben sich die Rechtsverhältnisse entwickelt etc. Eigentlich könnte man grosso modo sagen, die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, ist die Kultur.
 
Natürlich gibt es in der Wissenschaft eine Menge von Definitionen für den Begriff von Kultur. Eines ist allerdings auf jeden Fall klar, daß Kultur nie auf die Summe von künstlerischen Äußerungen reduziert werden kann. D.h. wenn wir über den Zusammenhang von Bildung, Kultur und Kunst sprechen, konzentriere ich mich auf Bildung und Kultur. In dem weiten Sinne ist also jede Form von Politik Kultur oder Kulturpolitik. Am ehesten sieht man das im Sozialen. Um das klar zu machen, könnte ich mir auch vorstellen, daß die Sozialpolitik in Zukunft Kulturpolitik heißt. Das könnte aber auch die Wirtschaftspolitik betreffen. Hier wird ja am elementarsten geregelt, wie wir miteinander umgehen. Die Topographie der Utopie beziehe ich aber jetzt auf diese Überlegungen. Wenn wir uns die Organisation von Gesellschaften anschauen, dann bin ich frappiert, welche Abstumpfungen in den letzten Jahrzehnten stattgefunden haben und bringe auch ins Spiel einen Begriff, der uns allen vertraut ist, nämlich die Wut.
 
Wut und Bettelei
 
(Die Wut trägt ja nicht nur einen negativen Impuls in sich, sondern auch den Kern von etwas Neuem, also etwas Utopischem. Wir werden dann sehen, wie wir von der Wut wieder zu Topographie und Utopie kommen.)
Es ist für mich unglaublich, daß sich offensichtlich alle abgefunden haben, daß an vielen Stellen in unserer Stadt Bettler sitzen, die verkrüppelt sind und sich in demütigender Weise präsentieren müssen. Niemand sagt dagegen etwas. Also außer die, die sich davon belästigt fühlen.
 
Es macht mich wütend, daß wir, die 12-reichste Nation der Welt, dies akzeptiert. (Nach BIP pro Kopf liegt Österreich auf dem 12. Rang, gleich nach den USA. Den 1. Rang nimmt die Steueroase Luxemburg ein, gefolgt von Quatar, Schweiz und Australien. Beim objektiven Gesamt-BIP liegt Österreich an 28. Stelle noch vor Südafrika) Wir hören oft die Einwände: ja, das sind organisierte Banden. Die werden straff geführt und von Rumänien oder Bulgarien hertransportiert, um hier gewerblich zu betteln. Das mag alles sein. Das berührt das innere Thema, das mich interessiert, in keiner Weise. Denn es gibt keinen Menschen, der sich gerne in so demütigender Weise präsentiert. Noch viel empörender ist, daß die österreichische und die europäische Gesellschaft sich mit so einem eklatanten Mißstand abfindet.
 
Ich kann Ihnen keine Lösung für das Problem präsentieren. Aber die Wut ist natürlich der Antrieb, utopisch zu denken. Also Orte zu denken, an welchen diese unerträglichen Zustände nicht sein müssen. Und erst wenn ich so einen utopischen Impuls habe, also einen Ort gedacht, vor-gestellt habe, dann kann ich mir die Topographie zu diesem utopischen Impuls zusammenbauen. Und die Topographie ist meistens Politik. Sie müßte es zumindest sein. Wie komme ich dazu, das nicht mehr akzeptieren zu müssen? heißt die Frage. Es verwundert mich und es ängstigt mich auch, vor allem im Hinblick auf die Zukunft meiner Kinder, daß unsere Gesellschaft taub und tumb geworden ist.
Wenn wir Bildung ernst nehmen, dann muß dieser utopische Imuls in allen von uns geweckt werden. Nur wer einen utopischen Impuls empfindet, also in sich findet, trägt zur Verbesserung der Gesellschaft, in der er lebt, bei. Insofern ist jeder Utopist, der ein humanistisches Erbe ernst nimmt.
 
Bildungsstandards
 
Die Diskussion um die Bildungsstandards macht offensichtlich, daß sie die Bedürfnisse der inzwischen hoch-kapitalistischen Wirtschaft widerspiegeln. Da werden Fertigkeiten definiert und in einer Weise durchgetestet, wie es sich George Orwell nie vorstellen hätte können. Interessant ist ebenso, daß auch das fast allen ganz normal vorkommt. Denn nicht die Verschiedenheit der Menschen, nicht ihr Individualität ist der Ansatzpunkt. Sondern die Standardisierung.
 
Und ich komme zur Wut zurück. Es macht mich wütend, wenn neun- bis zehnjährige Schüler in achtzig Minuten 72 Mathematik-Aufgaben lösen müssen. Noch dazu ohne, daß die gewohnte Lehrerin dabei sein darf. Klassenfremde Prüfer segeln ein, testen die Schüler und teilen sie in blöd und gscheit ein. Mir macht das keine Freude, nein, ich werde darüber wütend. Ich halte das für einen grandiosen Irrweg. Wenn man auf die Homepage des Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens schaut, (Titel!) dann findet man groß aufgemacht: Standardüberprüfung Mathematik 4. Schulstufe im Frühjahr 2013.
 
Das sind natürlich Begriffe, die noch vor 30 Jahren niemand in den Mund genommen hätte. Denn die Nachwirkungen von 1968 - über das man natürlich geteilter Meinung sein kann - also die Nachwirkungen von 1968 waren auf jeden Fall, daß eine neue, freiere, offenere, mobilere, selbstbestimmtere Gesellschaft entworfen wurde. Ich stehe ratlos den in fast allen gesellschaftlichen Bereichen stattfindenden Bewegungen gegenüber, das Rad wieder zurückzudrehen und Normierung und Standardisierung voranzutreiben.
 
Ich bin dagegen der Meinung, daß die Vor-stellungskraft, die utopische Kraft des Kindes und des Menschen an sich der Kern gesellschaftlicher Verbesserung sein muß. Das Unmögliche denken, sollte die Richtschnur sein.
Robert Pfaller, der Wiener Philosoph, der auch lange an der Linzer Kunstuniversität gearbeitet hat (und wieder arbeitet, Anm.), sagt, die heutige neoliberale Kultur sei von Lustvermeidung und Askese geprägt. Wenn man den hysterischen Krieg gegen die Raucher ansieht, dann kann man das nur bestätigt sehen. In allen Bereichen finden wir normierende, disziplinierende, strafende Tendenzen. „Das Problem ist eben, dass genau jene Politik, die die Einzelnen mit Verboten und lächerlichen, bevormundenden Hinweisen schikaniert, eben ihre Fürsorgepflicht vernachlässigt, indem sie den großen Konzernen zunehmend freies Spiel lässt: Diese Politik lockert zum Beispiel die EU-weiten Kontrollen bei den Futtermitteln und ermöglicht dadurch den Rinderwahn. Oder sie lässt zu, dass immer mehr genmanipulierte Äpfel auf den Markt kommen, die zwar nicht mehr braun werden, wenn man reinbeißt, die aber ebendarum auch nicht mehr gesund sind.“, sagt Pfaller im heutigen Standard.
 
Auch im akademischen Bereich setzt sich zunehmend eine buchhalterische, erbsenzählende Mentalität durch. Nach den politischen Plänen werden die zukünftigen Lehrer nach einem dreijährigen Studium mit dem niedrigsten akademischen Abschluß eines Bakkalaureats belohnt. Und noch zwei Jahre müssen sie drauflegen, um den Mastertitel zu bekommen und dauerhaft unterrichten zu dürfen. Es ist doch absurd, den jungen Menschen so viel Lebenszeit zu stehlen. Aber wahrscheinlich ist es ein Sinn der Sache, die Menschen möglichst lange vom Arbeitsmarkt fernzuhalten.
 
Erziehungsmaschine
 
1999 durfte ich am Stadttheater Klagenfurt eine Oper über Daniel Paul Schreber uraufführen. Der war der Sohn des Pädagogen und Namensgebers der Schrebergärten, Moritz Schreber. Vater Schreber hat an seinem Sohn Daniel Paul und dessen Geschwistern ein ganzes Arsenal von Erziehungsmaschinen ausgiebig ausprobiert. Zum Beispiel Geradehalter, mit denen die Kinder an den Stühlen fixiert wurden (siehe Bild unten rechts), damit sie beim Essen ja die richtige Figur machten. Dann gab es Kinnbänder zur Vermeidung eines Fehlbiss. Ich könnte Ihnen noch viele andere furchtbare Beispiele erzählen. Jedenfalls ist Daniel Paul Schreber berühmt geworden, weil er der erste Paranoiker war, der seine Krankheit ganz detailliert beschrieben hat in dem Buch „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“. Das war für Freud selbst, aber auch für viele Ärzte vor und nach ihm wertvolles und geschätztes Studienmaterial. Natürlich sind die Schicksale der Kinder ein beredtes Zeugnis der Erziehungsarbeit von Schreber Vater. Selbstmord, Wahnsinn, Depression sind das Ergebnis.
   
Die wirtschaftlichen Notwendigkeiten die für alles und nichts als Begründung herangezogen und meist als alternativlos dargestellt werden, haben zur Folge, daß unsere Gesellschaft - vor allem Politik und Staat - in vielen Bereichen Instrumente entwickelt, die mit den Geradhaltern, orthopädischen Bändern, Kaltwasserklistieren oder ähnlichen Folterapparaten durchaus vergleichbar sind. Der Staat hält die Menschen für ungezogene Kinder, die mit Erziehungsmaschinen auf den rechten Weg gebracht werden müssen.
 
Normierung, Standardisierung und Disziplinierung sehen wir auch in den Lebensläufen, die immer weniger Freiräume zulassen, Studien werden immer länger und verschulter. Ist auch ganz klar, denn die Menschen gehören beschäftigt. Denn immer mehr Menschen werden von der Wirtschaft und der Gesellschaft - wie es euphemistisch heißt - freigesetzt. Die müssen es für einen Hohn halten, für eine Ausbildung auch noch zahlen zu müssen. Die Jugendarbeitslosigkeit betrug Ende 2012 in GR 59,4, in E 55, in I und Portugal 38, in der Slowakei 35, in H, PL, Zy, BUL 28, Frankreich 26, in der Eurozone 24, in Schweden 23, in GB 20, so geht es weiter bis zu Österreich mit 9,9 und D mit 7,9%. Wer diese Horrorzahlen liest, weiß welches Glück wir haben, daß noch kein autoritäres oder faschistisches Regime im Entstehen ist. Oder sind wir schon mitten drinnen?
 
Wo Millionen Menschen nicht den Funken einer Chance haben! Selbst hier bei uns: 10% Jugendarbeitslosigkeit sind ein Skandal. Jeder 10. junge Mensch findet keinen Platz. Die Gesellschaft sagt zu den Menschen: ich brauche Dich nicht, wir haben leider keine Aufgabe für Dich. Schau wie Du selbst weiter kommst. Politik muß mehr sein als eine Unterdisziplin der Betriebswirtschaftslehre. Denn als solche ist sie von Grund auf gescheitert. Der personelle Austausch zwischen Weltbank, Internationalem Währungsfonds und europäischen Spitzenfunktionen hat allerdings noch nicht aufgehört. Die Diskreditierung gesellschaftsverändernder Konzepte ist sehr weit fortgeschritten. Der status quo wird als unentrinnbar dargestellt. Eine bleierne Zeit hat sich über das Land gelegt --- und da reden wir noch gar nicht von Prism, der totalen Überwachung.
 
Sparen
 
Seit vielen Jahren hören wir über alle Kanäle, daß Sparen das Gebot der Stunde sei. Daß in allen öffentlichen Bereichen gespart werden müsse. Vom Gesundheitswesen bis zur Kunst und Kulturförderung. Selten beim Straßenbau. Gleichzeitig stellen wir fest, daß das BIP der europäischen Staaten bis auf ganz wenige Ausnahmen jährlich seit 1945 ununterbrochen gestiegen ist. Wir sehen einen unglaublichen Zuwachs an Vermögen und Wohlstand besonders in den mitteleuropäischen Gesellschaften. Ich frage mich dann, weshalb gespart werden muß. Offensichtlich ist der Zuwachs des Reichtums nicht in allen Bereichen der Gesellschaft angekommen. Das wäre nicht so sehr erwähnenswert, wenn nicht gleichzeitig diese empörenden Zustände herrschen würden.
 
Das Konto meiner Mutter
 
Meine Mutter ist inzwischen 78 Jahre alt, sehr rüstig. Hochaktiv, zum Glück auch als Oma für meine beiden kleinen Kinder. Sie war das ganze Leben lang berufstätig Erst vor kurzem haben wir darüber gesprochen, daß meine Mutter über 30 Jahre alt werden mußte, um Kontrolle über ihr eigenes Bankkonto zu bekommen. Für uns heute ist es nahezu unglaublich, daß meine Mutter direkt von der finanziellen Vormundschaft ihres Vaters in jene ihres Ehemannes, meines Vaters, übergeben wurde. Bis in die 60er Jahre hatte eine Frau keinen freien Zugang zu einem Bankkonto, nur mit Erlaubnis eines Mannes. Die Überwindung dieser Verhältnisse ist nur Menschen zuzuschreiben, die den Mut hatten, utopisch zu denken. Ich kann Ihnen garantieren, daß auch in den 60er Jahren reichlich Argumente für die Beibehaltung des status quo vorgebracht wurden. Unglaubliche Zustände. Und sie liegen nur ganz kurz zurück. Konten meiner Mutter gibt es im übertragenen Sinn noch viele. Und es braucht noch viele Utopien, um weiterzukommen.
 
Zwei Parlament
 
Vor kurzem bin ich aufgefordert worden, für die steirische Kulturzeitschrift schreibkraft einen Artikel unter dem Titel „Das Blöde in der Akustik“ zu verfassen. Anfangs hat mich diese Anfrage sehr erheitert. Doch nach einiger Überlegung rutschte ich eher in eine Depression, denn ich fand schnell heraus, daß es in der Akustik an Blödem wahrlich nicht mangelt. Denken Sie nur daran, was in den letzten Jahren in Linz gebaut wurde. Sie sehen und hören, daß sich eine akustische Fehlplanung an die andere reiht. Dazu zählen die Säle des AEC, der Oberbank, des Ursulinenhofs, im Südflügel des Schloßmuseums, im Lentos, sogar der Audimax der Kunstuniversität. Es wurde mit viel Geld geplant. Ziviltechniker, Bauphysiker und Bauakustiker rechnen, rechnen, rechnen und planen. Nach der Eröffnung stellt sich heraus, daß die Räume akustisch desaströs sind. Kommunikation ist nur schwer möglich, die Orientierungsverhältnisse sind oft katastrophal, Geräusche können nicht zugeordnet werden. Und meist entstehen durch die Reflexionen an Wänden, Decken und Böden aus Glas, Beton und Metall übergroße Lautstärken.
 
Ich gebe zu, das ist kein oberösterreichisches Phänomen. Das reichste und einflußreichste Land Europas, Deutschland, hat es zustande gebracht, innerhalb eines halben Jahrhunderts zwei Parlamente zu bauen, die den Namen nicht verdienen. In Bonn hat Günter Behnisch das von den Parlamentariern „Aquarium“ genannte Gebäude gestaltet, das 1992 eröffnet wurde. Darin war es tatsächlich unmöglich, die eigene oder andere Stimmen zu verstehen. Siemens ist nach jahrelangen Versuchen schließlich gescheitert, die akustische Situation zu verbessern.
 
Der Glaube ist einfach nicht aus der Welt zu schaffen, daß akustisch desaströse Architektur mit falschen Formen und falschen Materialien durch den Einsatz von elektroakustischen Mitteln (also Computern, Mikrophonen und Lautsprechern) zu verbessern sei. Das Gegenteil ist der Fall! Wenn wir diese Mittel einsetzen, treten die akustischen Defizite von Räumen noch klarer zutage.Glücklicherweise kam die Wende und der Umzug nach Berlin. Sir Norman Foster baute also ein neues Parlament. Die heute so berühmte Kuppel wurde ihm von der Politik aufgezwungen, und damit eine weitere akustische Fehlentscheidung. Denn die Kuppel reflektiert die Schallwellen in ihren Mittelpunkt, --- die Verteilung der Schallwellen wird erschwert. Das wollen wir in einem Parlament ganz sicher nicht. Denn wir brauchen die Reflexion und Verteilung der Schallwellen im Raum, damit die Sprache verteilt wird und alle etwas verstehen können. Die Kuppel, die das Gegenteil macht, nämlich Schall- und Sprachinformation zu einem Punkt zu bündeln, können wir durchaus als Symbol autoritärer Architektur betrachten. Auf jeden Fall ist diese Architektur einem demokratischen Parlament nicht angemessen, dessen Maxime sein muß: eine Stimme haben und Gehör finden.
 
Es ist nicht nur ein Versagen von den Fachkräften in Architektur, Bauphysik und Akustik, sondern es sagt viel aus über den Zustand der Gesellschaft. Wenn wir Räume bauen, in denen wir nicht adäquat kommunizieren können, läßt das bedenkliche Rückschlüsse auf Kultur, Konfliktkultur, Gesprächs- und Streitkultur zu. Wenn Normierung, Standardisierung, Disziplinierung, Wettbewerb die Richtgrößen für unsere Gesellschaft sind, dann sind solche Räume entsprechend. Denn dann ist unwichtig, was der einzelne zu sagen hat. Das ist leider reihum der status quo.
 
Oder sind Individualität, Verschiedenheit, Unverkennbarkeit und Kooperation wichtig? In diesem Sinne ist alles politisch und alles kulturell. Weil all das Auswirkungen auf die Art unseres Zusammenlebens hat. Der Umkehrschluß ist dann: es gibt nichts nicht Politisches. Selbst der Rückzug in die Privatheit wäre somit politisch. Vielleicht ergibt sich daraus sogar die Verpflichtung zu utopischem Denken. Vieles, was wir heute als selbstverständlich ansehen, ist aus solchen Utopien erst vor-gestellt worden.
 
Bevor ich zu den Schlußbemerkungen komme, möchte ich Ihnen einige Internet-Adressen ans Herz legen: Die Achse des Guten - achgut.com, die Plattform für zivilgesellschaftliches Engagement - respekt.net, robert-pfaller.at, und die Seite der es von mir gegründeten Labors für Akustik, Raum und Gesellschaft - hoerstadt.at
 
Conclusio
 
Dieses armselige Europa, in dem zur Zeit Kleinkrämer Politik auf buchhalterisches Niveau bringen wollen, braucht unbedingt ein Gegengewicht. Nämlich eine europäische Utopie. Und jeder Mensche sollte einen Teil zu einer solchen Utopie beitragen können, durch VOR-STELLUNG. „Fantasie ist wichtiger als Wissen. Denn Wissen ist begrenzt.“ hat Albert Einstein gesagt. Das kann uns Ansporn sein. Und selbst der alte Grantler Thomas Bernhard hat dazu etwas zu sagen: „Jeder Mensch ist ein einmaliger Mensch und tatsächlich, für sich gesehen, das größte Kunstwerk aller Zeiten.“, schreibt er in „Der Untergeher“. Aus all den disparaten Skizzen erscheint mir doch evident, daß die Fähigkeit zur Utopie das Grundelement humanistischer Bildung sein muß. Bildung muß also die Topographie der Utopie sein. Die Ermunterung, die eigene Vorstellungskraft zu entwickeln, Ideen der Zukunft zu vertreten und den Mut zu haben, diese Ideen zu verfolgen, der Utopie näherzukommen. Mit der Matura haben Sie nun eine Basis gelegt, sich Ihrer Utopie annähern zu können.
 
Ich gratuliere Ihnen von Herzen zur Matura, freue mich mit den stolzen Familien und wünsche Ihnen alles Gute auf dem weiteren Weg.
 
Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
 
Bilder: Ausriss aus der Partitur "Die Schule oder das Alphabet der Welt" (2019) . So schaut es aus, wenn unsere Kinder behandelt werden wie Abläufe in der Industrie (Bild: bifie.at ). Erziehungsmaschine nach Schreber (Bild: Archiv)

Welche Toten?

Jänner 2019 · Peter Androsch · Linz

Das Foyer der Schule:
Links die Steintafel zum Gedenken an unsere Toten des Ersten Weltkriegs.
Rechts die Steintafel zum Gedenken an unsere Toten des Zweiten Weltkriegs.

Wieso "unsere" Toten? 
 
Die links sind die, die in einem Krieg, den das Deutsche Reich und die k.u.k. Monarchie losbrachen, vierzig Millionen Tote fabrizierten und 20 Millionen Verwundete dazu. Es befanden sich 25 Staaten mit rund 1,4 Milliarden Menschen im Kriegszustand, das waren etwa drei Viertel der damaligen Erdbevölkerung. Und die, die "unsere" Toten heißen, sind dafür verantwortlich.
Deshalb sind das definitiv nicht "meine" Toten.
 
Die rechts sind die, die in einem beispiellosen Angriffskrieg bis zu 80 Millionen Tote fabrizierten, inklusive der Opfer der Shoah und anderer Menschheitsverbrechen. Verwundete und andere Folgenerscheinungen erwähnen wir nicht. Die, die ebenso "unsere" Toten genannt werden, sind dafür verantwortlich.
Deshalb sind auch das definitiv nicht "meine" Toten.
 
Wie ist es möglich, dass die Deutschen gemeinsam mit uns Österreichern zwei Mal die Welt in Schutt und Asche legten? Das hat sonst kein anderes Volk oder Land geschafft. Und dann hauen wir die Namen der Soldaten in Stein, es sind eigentlich die toten Todbringer. Von den Vertriebenen und Massakrierten sehen wir leider nix.
 
Wo sind denn die Namen der Ausgestoßenen, Vertriebenen, Ermordeten?
 
Das wäre wohl das nächste Vorhaben, sich der eigenen Geschichte bewusst zu werden und der Erinnerung an diese Menschen den richtigen Platz zu geben. Und ein kleiner Tipp von meiner Seite zu der Sache: Österreicher und Deutsche sollten in Diskussionen mit anderen Ländern einfach die Klappe halten. Das würde meist reichen und sollte noch lange so sein.
 
(Zahlen nach Centre européen Robert Schuman, Die Zeit und Wikipedia)


Wo ist die Demokratie?

November 2019 · Peter Androsch · Linz


Österreich gehört zu den wohlhabendsten Ländern der Welt. In puncto Reichtum liegt es an 17. Stelle weltweit, beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf an 11. - mit über 43.000 Euro im Jahr. Da kann es doch mit dem Schulsystem nicht so schlecht stehen! Das wird im internationalen Vergleich wohl auch stimmen. Trotzdem sehe ich in ihm eine strukturelle Sünde, wie die Befreiungstheologen sagen würden. Also "sündhafte" Verhältnisse, in denen wir alle leben und die wir trotz allem tragen, ohne individuell daran schuld zu sein. Deshalb ist es wichtig, die jeweilige individuelle Rolle und das System auseinanderzuhalten. In meiner Schulzeit haben mich Leute wie Leonardo Boff, Helder Camara und Oscar Romero sehr beeindruckt, weil sie eben strukturell und systemisch über gesellschaftliche Verhältnisse nachdachten. Die Schule ist ein exemplarisches Feld für solche Überlegungen, die ich mir hier nach fünf Jahren Beschäftigung mit der Schule erlaube.

Der Lebensraum

Es gibt Minister, die die Schule ausschließlich als Ort des Lernens und der Leistung definieren wollen. Und rundherum sehen viele Leute das Heil der Welt in Strenge und Strafen. Ein Hohn. Es ist ja zum Lachen, wie reaktionär die Zeiten inzwischen wieder sind! Die Aufbruchsstimmung der 68er (und Nachfolger) hat sich verflüchtigt. Es gibt Menschen, die glauben, die Schule als geschlossenes Ding betrachten zu können. Als ob die Schule nicht eine Membran und ein Labor der Gesellschaft wäre. Ein Gymnasium ist natürlich als erstes ein sozialer Verein, eine Sexualkundeanstalt, eine Sprach- und Sprechschule und ein Klassen- und Völkerkochtopf. Die, die nicht dazu passen, werden frühzeitig ausgespuckt oder später entnervt. Die Literatur hat dafür eine Menge Beispiele bereit.

Allen geht der Mund über

Lucy hat im gleichen Jahr wie ich maturiert. Und inzwischen sind alle ihre Kinder in das Akademische Gymnasium gegangen. Sie bringt die Sache noch radikaler auf den Punkt. Sie sagt, daß Kinder, bis sie sechs sind, voller Begeisterung forschen und lernen. Kaum sind sie in der Schule, ist es damit vorbei. Darum kann nie genug über die Schule diskutiert werden! Da gibt es kein Zuviel. Auch weil die Schule so viel Raum einnimmt im Leben der Menschen: zuerst wenn sie Kinder, dann Eltern, und eventuell dann Lehrer*innen sind. Es gibt fast niemanden, dem beim Thema Schule nicht der Mund übergeht.

Die Disziplinierungsanstalt

Augenscheinlich ist die Herkunft der Schule aus dem Militär. Schön nachlesbar in Ulrich Bröcklings "Disziplin", in dem er die Geschichte der "Gehorsamsproduktion" darlegt. Lange waren als Krieger, Kämpfer, Soldaten dumpfe, brutale Kerle gesucht, die möglichst ohne Umschweife die Konflikte durch Mord und Totschlag entschieden. Die Waffentechnologie entwickelte sich aber so rasant, daß Brutalität alleine bald nicht mehr reichte. Es brauchte Knowhow. Und so entstanden Institutionen, die Fähigkeiten beibrachten, die für den Krieg notwendig waren. Heute würden wir Kasernen und Schulen sagen. Da ging es um genau abgegrenzte Fähigkeiten. Die wurden dann abgeprüft. Es wurde also geschaut, was nicht gekonnt wurde. Das mußte bestraft werden und war die Grundlage der Beurteilung. Dabei wurde natürlich oft mit Gewalt "weitergeholfen". Der Fehler, das (Noch)Nichtkönnen stand im Zentrum der Institution. Wir können sogar sagen, daß die Suche nach dem Fehler die Grundlage war: das Negative suchen.

Die Fehlersuche

Dieses perverse Prinzip ist bis heute das Prinzip der Schule. Alle Beurteilungen gründen auf dem, was die Leute nicht können. Bei der Schularbeit ist die Anzahl der Fehler die Grundlage der Beurteilung. Es wird also die Fehlervermeidung beurteilt und nicht das Können oder gar die Begabung oder der kreative Impuls. So etwas kann nur aus dem Militär kommen, das von der dauernden Disziplinierung, der dauernden Demütigung des Menschen lebt. Um es klar auszusprechen: das ist das Prinzip, Menschen zu biegen und zu brechen. Und es hat wenig mit Lernen, Verstehen, Diskutieren, Bildung zu tun.
Wie naiv ist die Chimäre des objektiven Wissens und die Idee, Wissen oder Bildung objektiv beurteilen zu können! Daraus resultieren Prüfungswahn, Rankingsucht, Standardisierung. Alles menschenfeindliche Vorgänge, die folgerichtige Entwicklungen in einer hyperkapitalistischen und neofeudalen Untertanengesellschaft darstellen. Und nicht ohne Grund wird ein Universitätsprofessor für Angewandte Geographie, Raumforschung und Raumordnung Bildungsminister, der von Kindern und Jugendlichen keine Ahnung hat. Es geht ja auch bei der Diskussion um das Schulsystem fast nie um diese Menschen. Es geht um alles Mögliche, aber nicht um Kinder und Jugendliche und ihre Bedürnisse. Wenn von der Vorbereitung der Menschen auf das Leben gesprochen wird, ist meist die Zurichtung der Menschen auf die Bedürfnisse der Kapitaleigner und ihrer Unternehmen gemeint.

Die persönliche Beziehung

Die persönliche Beziehung der Menschen, die lehren, zu den Menschen in den Schulbänken ist das höchste Gut. Es muß gehegt und gepflegt werden, es muß hochgehalten und entwickelt werden. Die personale Beziehung ist das A und O der Schule. Und das Urteilsvermögen der Lehrpersonen ist das wichtigste und zutreffendste. Keine PISA- oder Standardisierungstestbögen.

Verachtung der Demokratie

Augenscheinlich an der Schule ist die institutionalisierte Verachtung der Demokratie. Wer mit sechzehn erstmals wählen geht, hat mindestens zehn Jahre autoritäre Herrschaft hinter sich. Wie soll jemand ohne geringste demokratische Erfahrung wissen, wie das geht? Mehr Demokratie wagen, sollte das Motto sein. Alles, was die Schule ausmacht, kann demokratischen Prozessen unterworfen werden. Wie, was, wann und wer sind die Fragen, die damit entschieden werden sollten. Demokratie gibt es deswegen nicht in der Schule, damit die Absolvent*innen nicht auf die Idee kommen können, auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen Demokratie einzufordern. Was alle angeht, sollen alle entscheiden. One wo/man one vote. Gerade in der Schule. Und das ab sechs.

Teile und herrsche

In meiner Schulzeit hat es noch die Unsitte gegeben, einen Haufen Kinder aufzunehmen, damit vier Klassen voll geworden sind. In der dritten waren nur noch zwei Klassen mit insgesamt ein bißchen mehr als vierzig Kindern übrig. Die anderen wurden gedemütigt, rausgeprüft und -geschmissen. Es war ein unwürdiges Schauspiel, das einzig dazu diente, die Übriggebliebenen durch die Erniedrigung der Ausgespuckten zu erhöhen. Teile und herrsche. Am irrsten ist das Wort von der Gymnasiumreife. Das bedeutet in Wirklichkeit, daß die Eltern genügend Bildung, Zeit und Geld haben, die Kinder durch die Schule zu bringen. Denn im Grunde ist es die Aufgabe von Schule und Lehrer*innen, die Kinder so weit zu unterrichten, daß sie die Ziele der Lehrenden erreichen können. Das Scheitern fällt immer auf die Schule zurück.

Kooperation

Einmal hat eines meiner Kinder einen Zettel mitgebracht, der über die Beurteilungskriterien in einem Gegenstand informierte. Auf einer A4-Seite fand ich 25 Mal den Begriff "Leistung". Ein Begriff, den ich zutiefst verachte. Das, was Leistung genannt wird, ist meist das Gegenteil von Verstehen. Es ist die Unterordnung unter das, was andere von einem wollen. Die sogenannten "Leistungsträger" sind die, die die Umwelt verpesten, uns betrügen mit falschen Abgaswerten, den Finanzsektor in den Sand setzen und eine Ellbogengesellschaft vorleben, die alles andere als erstrebenswert ist. So werden die Kinder in Konkurrenzverhältnisse hineingejagt. Statt Leistung und Wettbewerb sollte Kooperation das Handlungsprinzip in der Schule sein. 

Zeiten, Räume, Menschen

Wer in der Früh vor Schulen steht, kennt die bleichen Gesichter der Jugendlichen, die wie Zombies in die Schule stolpern. Mit Müh und Not schaffen sie es, um acht Uhr in der Schule zu sein. Auf medizin-transparent.at kann man nachlesen, daß über Schulbeginn und Unterrichtszeiten offensichtlich keine aufschlußreichen Studien vorliegen. Da reibt sich der Vater die Augen! Über die Grundlagen der Schule, also wer, wann, wo und wie lange zu sein hat, wissen wir nichts. Nicht nur das ist ein Hinweis auf die Unfähigkeit des Systems. Um acht Uhr beginnen und sechs Stunden aufmerksam sein: das funktioniert sicher nicht. Das können Kinder und Eltern bestätigen. Mein Vorschlag an die Heerscharen von Bildungsforschern ist recht pragmatisch. Kümmert Euch doch einmal um die wirklich wichtigen Dinge: Zeiten, Räume, Menschen. Abschaffung aller PISA- und sonstiger Tests, echte Ausmistung der Lehrpläne, Stärkung der handelnden Personen, nämlich von Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern. Schule als selbstverwaltete Demokratie. 


Je öfter ich das Wort ‚Schule’ höre

April 2004 · Peter Leisch · Linz · Absolventenreport Akademisches Gymnasium
(redigierte Fassung Dezember 2019)

umso mehr fühle ich mich zur Vorsicht aufgerufen ...“ 

im schatten bringen dir die feen
    schwammerlgriechisch bei.
in ihrem schatten bin ich groß geworden
das akademische gymnasium – hurra!
                                                 (Christian Loidl, weiße rede, 1990)

Wäre er in einer eisigen Dezembernacht vor drei Jahren nicht durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen, hätte der Dichter Christian Loidl heuer am obligatorischen 30jährigen Maturajubiläum seiner Klasse teilnehmen können. Klassentreffen waren indessen seine Sache nicht, seine Schulzeit im Akademischen Gymnasium von 1967-1975 hat ihn allerdings sein Leben lang auf sehr unterschiedliche Weise beschäftigt, provoziert und in seiner künstlerischen Arbeit angetrieben und beflügelt. Wie sonst ließe sich etwa erklären, dass der seit langem bei Wendelin Schmidt-Dengler promovierte Germanist eine ganze Woche lang in einem Wiener Gymnasium die Schulbank drückte - unter dem - sehr glaubhaft vorgetragenen - Vorwand, die Matura nachholen zu wollen? Ähnliche, allerdings kürzere verdeckte Operationen soll er in der Folge auch in der Spittelwiese unternommen haben: ein manischer Feldforscher im Selbstversuch, immer ein kleines Notizbuch zur Hand, dessen Seiten er mit seinen charakteristischen krakeligen Minuskeln in rasender Geschwindigkeit beschrieb.

Alles sollte dokumentiert, zur Sprache, zur Schrift gebracht, zu einem Bild festgefroren werden. Jedes Wort, jede Zwischenfrage des Lehrers, jedes Tuscheln in den hinteren Bänken, das Knirschen der Kreide auf der Tafel, der Geruch der Holzbänke, Lichtkringel auf dem Boden: alles war wert aufgezeichnet, festgehalten zu werden, alles Material, Fundstück und Treibgut, das in den Loidlschen Archiven in immer wechselnden Kombinationen seinen Platz finden sollte.

An überprüfbarem Schulwissen, das sich bei ihm in einer nachgerade monotonen Regelmäßigkeit von brillanten Jahreszeugnissen bis zur Reifeprüfung dokumentieren ließ, hat es ihm nicht gefehlt. Derlei Erfolge schienen ihm aber ohnehin nicht wirklich wichtig, sondern eher fast supekt zu sein. Nichts, was er in die Auslage stellen wollte. Sein Lernwille, seine Neugier und sein Entdeckerstolz hatten mehr mit dem Forschertrieb eines Ethnologen zu tun, der in rastloser Vorwärtsbewegung durch imaginäre Dschungel und Wildwuchs, durch Savanne und übers Eismeer die jeweils letzten weißen Flecken auf den Landkarten verzeichnen wollte. Eher auf Livingstons Spuren also als im Vorfeld konventioneller akademischer Karrieren und Lebensläufe. Mehr in der Fremde zu Hause als im allzu Vertrauten die Heimat suchend. Rastlos unterwegs auf einer surrealen „Voyage dans l’Haute Mongolie“ - so ein Film Salvador Dalis, den er damals überaus schätzte. Ungeduldig, unangepaßt. Immer mehr Luftgeist als Erdbewohner, Außenseiter, und „aeronautischer Sindtbardt“ - so der Titel eines seiner damaligen Lieblingsbücher. Verfaßt hatte es mit H.C. Artmann jener Dichter, der seine ersten literarischen Gehversuche inspiriert hat und dem er auch seinen letzten Lyrikband schwarzer rotz gewidmet hat. Die für den 21. Dezember 2001 geplante Präsentation im Wiener Café Kafka hat Christian Loidl nicht mehr erlebt. Sie sollte zu einer hastig improvisierten, bedrückten Totengedenkfeier seiner selbst werden.

Meine einzige konkrete Erinnerung ist die, dass er sich nach der Matura Siddharta wünschte 
„als eine Art Hausbibel“, 

schrieb mir Dr. Monika Klepp in jenem e-mail, in dem sie mich zu diesem Beitrag einlud. Es war nicht ohne Ironie, dass er damals Hermann Hesse in den Herrgottswinkel seiner literarischen Vorlieben gestellt hat. Siddharta als Inbegriff einer Sinnsuche, die Leute seiner Art damals nur noch in der Spiritualität außereuropäischer Kulturen verortet glaubten. Auf dem Weg nach Indien, in yogischer Versenkung, im Erleben nicht alltäglicher Bewußtseinszustände zwischen Traum, Vision, psychedelischer Fantastik und schamanistischen Seelenreisen. Ein Morgenlandfahrer eben, ein Glasperlenspieler auch, wenn man der Hesseschen Fährte folgen will. Letzteres aber - später zwar, dafür aber umso radikaler und kompromißloser - in der Spielart des Hasardeurs, der alles riskiert, um zu einem befriedigenden künstlerischen Resultat zu kommen. 

Zuallererst waren es aber Lektüren literarischer Grenzgänger und Fantasten, die wir als gemeinsame Obsession teilten. Ich erinnere mich langer Nachmittage, die wir beim Stöbern in den Antiquariaten Pirngruber, Liebisch und Neugebauer verbrachten. An unsere gemeinsame Begeisterung für die Nachtstücke E.T.A. Hoffmanns oder Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“. An lange Spaziergänge auf dem Linzer Schlossberg oder zu den Pulvertürmen des Pöstlingbergs und an nicht enden wollende Gespräche über Baudelaires „Blumen des Bösen“, über Gérard de Nerval oder Joris Carl Huysmans oder andere Ikonen schwarzer Romantik und vergrübelter, labyrinthischer Parallelwelten. 


Vielleicht existiert auch noch ein passendes Foto. In der Ausstellung im Stifterhaus [„Zur Sprache geboren“ widmete sich im Frühjahr 2003 erstmals eine Retrospektive Loidls dichterischer Arbeit] war eines von einer Band zu sehen, in der Christian Loidl in der 8. Klasse gespielt hat.“

erinnert sich Dr. Klepp. 

Ich erinnere mich an eine schlaksige, zierliche Gestalt in damals obligat unten ausgestellten Schlaghosen-Jeans. Das dazu gehörige T-Shirt mutmaßlich orangefarben, fakultativ: ein schlabbriger schwarzer Niki-Pullover. Seinen indischen, lavendelfarbenem Schal mit aufgedruckter Hindi-Schrift und ornamental geschwungenem Om-Zeichen trug er nachlässig um den Hals geschlungen. Sein Gang eine unverwechselbare Mischung aus einer Art Schweben wie Schlendern und einem charakteristischen Nachfedern in den Knien. Feingliedrige Hände, beredte, am liebsten Luftgirlanden nachzeichnende Gestik. Haare schulterlang. Typus „Federn“. Eine markante Nase, sein Lächeln freundlich sardonisch. So sollte er auch über die Bühne eines jener Linzer Pfarrsäle mehr stolpern als schlurfen, in dem seine Band auftrat. Die meisten Bands der noch jungen Linzer Rockmusikszene drehten ihre Marshall oder Orange-Verstärker an derlei Orten bis zum Vollanschlag auf, da Auftrittsmöglichkeiten für diese Art von Musik damals noch spärlich gesät und polizeiliche Konzertabsagen wegen Lärmbelästigung nahezu die Regel waren. Pfarrsäle hatten hier fast einen exterritorialen Status, in ihnen war für den hoffnungsvollen Linzer Underground einfach mehr möglich als in schlecht schallgedämmten Probekellern oder elterlichen Hobbyräumen. 

Christian Loidl spielte Stromgitarre bei Knossos Rabol. Auch eine beziehungsreiche, „schwammerlgriechische“ Reverenz an die Spittelwiese! Knossos als ironischer Verweis auf den damals noch altphilologisch-humanistisch geprägten Geist des Hauses. Monolithisch stand hier die Antike für einen Bildungsbegriff, für ein kulturelles Selbstverständnis, das viele unserer Generation überaus kritisch zu hinterfragen, gegen das sie zu opponieren begannen. Gegen Homers Odyssee setzten wir Jack Kerouacs „On the Road“, mehr als die klassische Schlichtheit marmorner Skulpturen und die vollendete Syntax Horazscher Verse interessierte uns zweifellos das neueste Album von Amon Düül II , Science-Fiction-Filme oder eine billig ergatterte Dadaismus-Anthologie vom Bücherwühltisch. Programmatisch natürlich auch das schlau verdrehte „Rabol“ im Namen der Band – ein Akronym, eine Verballhornung von Labor. Denn: in letzterem tüfteln bekanntlich begnadete Klangbastler und charismatische Krachingenieure an experimenteller Musik in Schräglage. 

Knossos Rabol war eigentlich so etwas wie eine der ersten Hausbands des Akademischen Gymnasiums - d.h. ausschließlich mit Klassenkollegen Christian Loidls besetzt. Am Schlagzeug saß Christoph Sattlberger, der über ein überaus flexibles Metrum verfügte. In späteren Jahren in Paris lebender Reisefotograf, der für National Geographic arbeitete. Klaus Steiner, ein stoischer Bassist, der erdete und zusammenhielt, was hinter dem infernalischen Wall of Sound ständig auseinander zu fliegen drohte. Und Bernhard Lang an den Keyboards, der für die Kompositionen und die ausuferndsten Improvisationen verantwortlich zeichnete. Reine Instrumentalnummern übrigens, von denen keine im Konzert fünfzehn Minuten unterschreiten durfte. Damit wollte man auch zu verstehen geben, dass man für keine faulen Kompromisse im Pop- und Schlagerfach zu haben war. Knossos Rabol sollten und wollten einfach ganz anders klingen, als der – aus ihrer Sicht – viel zu kompromißlerische Stahlstadt-Pop-Mainstream, der sich am damals hippen Spektrum zwischen Deep Purple und Uriah Heep, zwischen Simon and Garfunkel und diversen Beatles-Epigonen orientierte. Dunkel, mysteriös und am besten „2000 Lightyears from home“ – zwischen „Raumpatrouille Orion“ und orientalischer Trance-Musik, zwischen Pink Floyd und Karlheinz Stockhausen... 

Bernhard Lang zählt heute zu jener handverlesenen Schar österreichischer zeitgenössischer Komponisten, denen ein internationaler Durchbruch gelungen ist. Seine Kompositionen, die eine breite Palette zwischen elektronischer Avantgarde, Kammermusik und aufwändigen Opernproduktionen umfassen, wurden und werden mittlerweile auf Festivals, Opernbühnen und großen Konzerthäusern von Donaueschingen über Zürich, New York, Hamburg und Berlin bis Paris aufgeführt. 

Was damals als gymnasialer „Rabolismus“ begann, sollte sich letzten Endes zu einer lebenslangen Freundschaft und Partnerschaft in künstlerischen Dingen weiter entwickeln. So war auch Christian Loidls letzter Text FREMD/VERTRAUT, den er als Auftragswerk für das Wiener Musikfestival „HÖRGÄNGE“ geschrieben hatte, als Textvorlage für Bernhard Langs musikalische Bearbeitung konzipiert. Man fand das Manuskript frisch ausgedruckt, akribisch geordnet und abgeschlossen vor, als man Christian Loidls Wohnung einige Wochen nach seinem Tod von außen öffnete. 

so hat er damals  
lesen gelernt 
auf einmal hat ers können 
sind ihm die wörter 
auf den plutzer gefallen 
in den plutzer hinein 
so wie kerne und dann 
ist es herbst geworden und hat 
gescheppert drin 
und sein plutzer 
der war so leer 
als zuvor 

da hat er hineingelesen  
hineingetan 
was hineingegangen ist 
und den buben haben sie 
in die suppe von der oma hineingetan 
da ist aus seiner nase so eine 
radiwurzn geworden 
und seine augen sind heraus- 
gewachsen wie zwei zwiefeln 
aus der suppe 
uuuuuund seine borsten hast du 
nicht gesehen weil bart hat er 
ja noch keinen gehabt 
aber die krallen sind herausgestanden 
aus der suppe 
und krampushirndln 
hat er hineingetan 
hat er selber hineingezogen 
in die suppe 
wenn er geschlafen hat 
in den wald getragen 
hats auf die palmkatzln hinaufgehängt 
hat mit die hörndln 
den palmkatzlschnee 
herabgewetzt von die äste 
ist durch den wald gerannt 
einfach weils schön war 
ist er hingefallen 
hat sich aufgeschunden 
hat er nicht geweint 

ja das weiss ich auch nicht wie sie  
auf das gekommen sind dass die einen 
die andern geschreckt hätten 
dass auf einmal ein 
skorpionstachel da war 
woaaaa 
das nutzt überhaupt nichts 
DU ODER ICH 

da ist der stachel  
du zahlst 
du zahlst mit deinem blut 
du zahlst mit deinem namen 
du zahlst mit dem was du versprochen hast 

aus: Christian Loidl,  
kleinstkompetenzen / erinnerungen aus einer geheimen kindheit
(edition selene Wien 2000).

Knossos Rabol vor bemerkenswerter Tapete. Das Foto zeigt Chris Sattlberger, Klaus Steiner, Bernhard Lang und rechts vorne Christian Loidl. (Bild: unbekannt) 


Hörbilder

Die Schule ist ein Ort des Redens und Hörens, ein Schallort sozusagen. Die drei Akte des Hörtheaters nähern sich der Schule zum einen über die Leute aus und in der Schule, die Menschen rundherum und über die Geräusche, die die Schule selbst hervorbringt. 

Reconstructing Spittelwiese - Vortrag Peter Androsch